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Veröffentlicht: 25.11.2012, 16:03 Uhr

Die dritte Generation Ost Ihr wart doch bloß Kinder!

Sie haben viele Fragen an die Eltern, suchen ihre Kindheit in der ehemaligen DDR und wollen Verantwortung für ihre alte Heimat übernehmen: Die dritte Generation Ost traf sich in Berlin.

von Katrin Rönicke und Marco Herack
© dpa Spielende Kinder in der Nähe der Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße in Berlin: Die „Dritte Generation Ost“ vereint Menschen, die in den Jahren 1975 bis 1985 im Osten Deutschlands geboren wurden

Das Collegium Hungaricum in Berlin ist einer jener interdisziplinären Räume, in dem sich die Vergangenheit in besonderer Weise erschließt. Speziell die jüngere deutsche Geschichte, mit der Rolle Ungarns bei der friedlichen Revolution von 1989, bietet viele Anknüpfungspunkte für all jene, die sich den Irrungen und Wirrungen jener Zeit widmen oder noch tiefer in das Gedächtnis der Generationen vordringen möchten. Ein passender Ort für einen Kongress, der sich dem Verhältnis zwischen der zweiten und der dritten Generation Ost widmet.

Das Netzwerk „Dritte Generation Ost“ vereint Menschen, die in den Jahren 1975 bis 1985 im Osten Deutschlands geboren wurden. Es ist eine Generation, die 2,4 Millionen Menschen umfasst. Ihnen wird das Wissen um die DDR reflexhaft abgesprochen, obwohl sie dort sozialisiert wurden. Eine Generation, die viele Fragen hat und oftmals auf eine Mauer des Schweigens stößt. Dass diese Menschen, die damals Kinder waren, selbst ernst zu nehmende Erinnerungen haben, wird häufig ignoriert. „Du warst doch nur ein Kind! Was weißt du schon von der DDR?“

Je stärker die Abwehr, desto drängender werden die Fragen. Fragen, die auf dem Kongress an die nicht anwesenden Eltern formuliert werden: „Seid ihr jetzt glücklich?“ und: „Warum bewegt ihr euch selbst so wenig?“ worin sich die Sorge ausdrückt, ob unsere Eltern in diesem neuen System gut aufgehoben sind. „Warst du in der SED?“, „Habt ihr Hemmungen, über eure Vergangenheit zu sprechen?“ Fragen also, die an Tabus rühren. Was war da mit den Eltern in der DDR - waren sie daran beteiligt, dass sie ein Unrechtsstaat war? Es geht nicht um Verurteilung. Vielmehr geht es darum, das eigene. teilweise verlorene Ich zu finden, um den Schritt in die Zukunft gehen zu können. Das Collegium Hungaricum bietet den 130 angereisten Mitgliedern des Netzwerkes an diesem Samstag also einen Raum der Findung.

Es gab richtig Ärger oder Krach

Es ist das zweite Treffen. Ein Jahr zuvor hatte man sich zusammengefunden und den Auftakt begründet. Ein Buch wurde geschrieben, in dem viele Autoren ihre Geschichte und Erwartungen formulierten. Man unternahm eine Bus-Tour durch den Osten, über die es einen Dokumentarfilm gibt. Es entstand eine Diskussionsrunde namens Rotkäppchensalon am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, die 2013 fortgesetzt werden soll. Es etablierte sich ein monatliches Netzwerktreffen in Berlin, regelmäßige Biographiegruppen und unter dem Dach der Hans-Böckler-Stiftung entstand ein Forschungsprojekt zum Fachkräftemangel in Ostdeutschland.

Die dritte Generation sieht sich selbst als ein Teil des Gesamten, der zwischen den Welten vermitteln will und dadurch zur „Entwicklung zukunftsfähiger gesellschaftlicher Strukturen“ beitragen möchte. Um das zu erreichen, sollen Konflikte offengelegt werden, die unter der Oberfläche wabern und nie ausbrechen. Denen sich der Einzelne meist nicht einmal bewusst ist.

Manche Eltern haben sich nicht gefreut, als ihre Kinder in einem Buch ihre Geschichte als dritte Generation Ost erzählten: Es gab richtig Ärger oder Krach. Wie reagieren die Eltern auf die Suche der Kinder? Auf der Veranstaltung fallen Schlagworte wie Verdrängung, Skepsis, Verklärung; Schwarzweißdenken, Verbitterung; Angst und Sprachlosigkeit. An diesem Punkt nimmt der ehemalige Vorsitzende des Choriner Instituts, Dr. Hans-Joachim Maaz, eine zentrale Rolle ein. In seinem Vortrag betrachtet er die Beziehungen und den Einfluss prägender Erfahrungen in der Familie. Das intergenerationale Erbe. Laut Maaz erfolgt die Sozialisierung eines Menschen innerhalb der ersten drei Lebensjahre. Versuche ein Mensch in späteren Lebensjahren seinen Habitus zu verändern, so sei dies nur unter großen Anstrengungen möglich und lange nicht so stabil.

Er spitzt seine Thesen zu: Der Mensch sei im Osten „zum Untertan geprägt und im Westen zum Obertan“. Beides hält Maaz für nicht hilfreich, da es eine Form der Übertreibung ist und damit zu dauerhaften Konflikten führt.

Die Netzwerkstruktur scheint etwas planlos

Zu den Wünschen und Sehnsüchten der dritten Generation, das wird vor allem beim abschließenden Plenum deutlich, gehört auch eine Zukunft für den Osten. Nach dem Motto „Wer Visionen hat, soll in den Osten kommen - nicht zum Arzt gehen“ stellte sich die Initiative mv4you vor (im Netz unter mv4you.de zu finden). Diese Initiative unterstützt Menschen bei ihrer Rückkehr nach Mecklenburg-Vorpommern in der Wohnungs- und Arbeitssuche. Sie vermittelt zwischen Unternehmen und Fachkräften. Die größte Zielgruppe ist mit den Fünfundzwanzig- bis Dreißigjährigen die im Collegium Hungaricum sitzende Dritte Generation. Seit dem Bestehen hat mv4you etwa 1000 Menschen nach Mecklenburg-Vorpommern zurückzukehren geholfen.

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Doch die dritte Generation Ost sollte sich vor zu hochtrabenden Plänen hüten: Es gibt viele wichtige und zentrale Anliegen, die Menschen im Saal wollen für sich und für Ostdeutschland Verantwortung übernehmen. Aber die offene und scheinbar etwas planlose Netzwerkstruktur steht ihren Anliegen bei allen Stärken auch im Weg. Sie sitzen hier auf ihrem zweiten Kongress, ein Vierteljahr nach dem Erscheinen eines Buches, von dem es demnächst schon die dritte Auflage geben dürfte. Sie haben Mailinglisten, eine Facebook-Seite mit knapp 1600 „Freunden“ und viele Treffen und Projekte. Aber sie haben kein Geld. Nahezu alles ist ehrenamtlich auf die Beine gestellt. Bei der derzeitigen finanziellen Lage wird die „Geschäftsstelle“ Ende Januar schließen und eine mittelfristige Finanzplanung existiert im Grunde nicht. Denn es gibt keinen Verein und bislang scheinbar auch niemanden, der ernsthaft daran arbeitet, einen zu gründen. Das ist problematisch und es führt auch zu Problemen der Legitimation: Wer kann wie mitmachen und wer kann wie Entscheidungen treffen?

Quelle: F.A.Z.

 

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