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Die Dinge des Sommers (7) Im Palast der Erholung

 ·  Der Speisesaal ist ein Relikt aus den Zeiten, als das Essen noch ein soziales Schauspiel war. Heute übernimmt das Büffet, die zeitgemäße Form der Massenverköstigung, die Herrschaft.

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© Als Speisesäle noch Paläste der Erholung waren - jedenfalls für die Gäste: eine undatierte Aufnahme aus dem Hotel Adlon

„Alle Zechen vom Buffet sind extra.“ So stand es, in gediegener Druckschrift und holprigem Deutsch, auf dem Papierschild, das am Rand des weißgedeckten Frühstückstischs postiert war. Darunter wurde die Botschaft noch einmal auf Englisch, Französisch und Italienisch wiederholt, damit auch niemand etwa auf die Idee käme, sich ohne vorherigen Blick in seinen Geldbeutel bei dem saftigen Parmaschinken, den strotzenden Pfirsichen, den verheißungsvoll duftenden Käselaibern und Kuchenstücken zu bedienen, die auf der Büfettafel in der Mitte des Raums prangten.

Es war im Speisesaal des Grand Hotel des Bains am Lido von Venedig – dem berühmten „Bäderhotel“, in dem Thomas Manns „Tod in Venedig“ spielt und Luchino Viscontis 1971 entstandene Verfilmung von Manns Novelle zu großen Teilen gedreht wurde; dem Hotel, in dem Serge Diaghilew im April 1929 seiner Diabetes erlag und während der alljährlichen Filmfestspiele ein Teil der Stars und Regisseure wohnte (die anspruchsvolleren Hollywood-Größen waren in einer für Schaulustige unzugänglichen Luxusherberge auf der Insel Giudecca untergebracht).

Eine unverrückbare Etikette

Die Murano-Lüster, unter denen der deutsche Großschriftsteller und seine Ehefrau Katja im Sommer 1911 gesessen hatten, hingen wie damals von der Decke, die Säulen aus istrischem Marmor, zwischen denen Viscontis Kamera hindurchgeglitten war, gliederten noch immer die lange Flucht des Saals, und die Fenster mit ihren durchbrochenen Wölbungen gaben wie einst den Blick frei auf das üppige Grün der Hotelauffahrt und des Parks. Nur die gefüllten Croissants, die hart gebackenen, innen milchigweißen und wattigen Brötchen, die Marmeladegläschen und Butterportionen auf dem Tisch stammten unverkennbar aus den späten neunziger Jahren. Und die Kellner, deren Livree seit den Tagen Gustav Aschenbachs im Kern unverändert geblieben war, hatten die alte Beflissenheit abgelegt, sie bedienten mürrisch und routiniert, sie ließen ein Drei-Minuten-Ei fünf Minuten kochen und klirrten mit den Geschirren, als seien sie von der Hotelleitung angewiesen worden, die Tagträumereien ihrer Gäste in regelmäßigen Abständen zu unterbrechen.

Für unsere großbürgerlichen Ahnen waren Hotels kein Schlafplätze mit Fernseher, Nasszelle und Parkberechtigungsschein. Es waren Ferienschlösser, Paläste der Erholung, in dem eine unverrückbare Etikette den Tagesablauf bestimmte, die Musik noch im Salon statt im Kopfhörer spielte und die Ballsäle noch nicht von Squash-Schlägen widerhallten. Diese Welt ist untergegangen, aber sie hat, wie viele verschwundene historische Welten, ein Andenken hinterlassen, ein Relikt ihrer selbst. Dieses Relikt ist der Speisesaal. Mit den trostlosen Neon-Katakomben unserer Firmen- und Universitätskantinen hat er nichts gemein. Sein Zweck ist nicht Abfütterung, sondern Entrückung.

Nur noch ein Museumsstück

Wer ihn betritt, ganz gleich ob Kurgast in Davos oder Badeurlauber auf der Chalkidike, wird verwandelt. Er tritt in den Rhythmus einer Epoche ein, in der Mahlzeiten noch ein gesellschaftliches Schauspiel waren, ein Fest, eine Feier des Daseins. Mit den Syssitien und Symposien der Griechen hat das alles in Europa begonnen, mit den getäfelten und verspiegelten dinner halls der Ferienhotels klingt es nun aus. Noch immer lockt mancherorts das Glöckchen die Gäste zu Tisch, und Kellner bringen die bestellten Speisen. In vielen Großherbergen aber hat schon das Büfett, die zeitgemäße Form der Massenverköstigung, die Herrschaft übernommen. Die „Zechen“ sind jetzt nicht mehr „extra“, sondern inklusive, und jedermann stürzt sich mit Löffel, Fleischgabel und Salatbesteck auf das, wonach ihn verlangt. Verwüstet bleibt die Tafel zurück, aus Lautsprechern dudelt Muzak-Soße, das Servicepersonal trägt die Reste ab.

Das Des Bains ist inzwischen kein Hotel mehr. Im vergangenem Jahr hat ein Investorenkonsortium damit begonnen, das weiße Ferienschloss am Meer zu einem Apartmentkomplex umzubauen, mit Innenpool, Fitnesscenter und Privatvillen im einstigen Hotelpark. Der Speisesaal, die „Sala Thomas Mann“, soll als Museumsstück erhalten bleiben. Gäste aber werden dort nicht mehr empfangen. Nur Käufer.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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