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Die Dinge des Sommers (4) Jenseits von Beeren

 ·  Wer Kirschen und Gurken einkocht, versucht nur den Sommer festzuhalten, am liebsten für immer. Lässt sich diese schöne Zeit tatsächlich konservieren?

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© epd Was vom Sommer übrigbleibt: In Einmachgläsern wird – „Zauberberg“-Leser werden es wissen – die Zeit festgehalten

Handgriffe. Mitte Juli, Anfang August, Jahr für Jahr. Den kleinen Strauch mit dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand festhalten und mit der rechten vorsichtig, aber schnell, weil es sonst zu lange dauert und die Ferien ja auch nicht ewig halten, die Johannisbeeren abstreifen in den Tuppertopf auf dem Schoß. Möglichst nichts dabei zerquetschen. Natürlich ständig was zerquetschen, oder es hängt noch eine grüne Antenne vom Strauch an einer Beere, dann muss nachgezuppelt werden. Ein großer Berg von Sträuchern, ein kleiner See von Beeren, und der Vormittag ist schon fast vorbei.

Der gleiche Frust mit den Bohnen, die leider keine Erbsen geworden sind, evolutionsgeschichtlich, so dass man die Schoten einfach mit beiden Daumen hätte aufbrechen können und sie wie von selbst rausgekullert wären: Nein, Bohnen muss man an beiden Enden köpfen. Zwei Bewegungen mit dem Messer, einmal oben, wo sie am Strauch hingen, einmal unten, wo sie einen kleinen Propfen haben. Die feinen Schnitte am Daumen, die das macht, unregelmäßig parallel, Strichcode des Sommers, Ferienjob zu Hause, unbezahlt natürlich, weil sozusagen Familienbetrieb, nur warum immer ich? (Sagen deine Geschwister auch, und die haben ein paar Jahre Vorsprung, stell dich nicht so an.)

Eine Reise in die Vergangenheit

Die gottverdammten Wespen. Die klebrigen Finger. Die Haarnadel zum Entkernen der Kirschen. Das unbeschreibliche Gefühl, mit den Fingern die roten Johannisbeeren im Topf zu harken - oder im Hellgrün ausgeweideter Gurken herumzumanschen. Das unbeschreibliche Gefühl auch, sich beim Stachelbeerpflücken das, was den Früchten ihren Namen gibt, so richtig präzise ungebremst unter den Nagel zu rammen. Die weißen Würmer im Inneren einer Himbeere im Inneren deines Mundes.

Aber die Abende sind länger als sonst, der Fernseher läuft, die Jalousien sind auf halbmast gezogen, Steffi Graf in Wimbledon, und in der Küche steht die Mutter und kocht ein, und über ihr steht der Dunst des Einkochautomaten. Eine Zeitmaschine von Wenco, sie transportiert den Sommer in den Winter, von 1977 nach 1986, von 1981 nach 1984, von 1984 nach 1993. Gurken, rote Beete, Pflaumen, Sauerkirschen. Marmelade auch. Der scharfe Geruch von kochendem Essig, ihre roten Finger von der Beete, der grelle Ton, wenn die Zeit abgelaufen ist und sie die heißen Gläser rausholen darf. Ich kannte keine andere Mutter, die das auch tat. Außer der Mutter meiner Mutter, die mal aus Versehen Birnen in Gurkenbrühe einkochte, das war noch unbeschreiblicher als Stacheln unter dem Fingernagel oder weiße Würmer im Mund. (Dieselbe Oma hat auch mal Erbsen auf eine Pizza getan, aber das ist eine andere Geschichte, und zwar aus der Serie „Pistolenkugeln hausgemacht“.)

Festhalten, was vergehen muss

Inzwischen gibt es eine amerikanische Fernsehshow, „Portlandia“, in der sie sich lustig machen über Leute, die einkochen, weil das eine Sportart geworden ist in Portland, in Brooklyn natürlich auch, überall dort, wo sie Vollbärte und schwarze Brillen tragen - eine Sportart genau wie Stricken, genau wie Gärtnern und Kompostieren. Die Welt von heute verwandelt sich in die Welt meiner Eltern, deren Selbstversorgung nicht bewundert werden wollte, denke ich jetzt. Aber damals dachte ich, dass ich der einzige Junge auf der Welt bin, der noch im Garten helfen muss. Ich habe mir auch keine romantische Gedanken dabei gemacht, über Frederick zum Beispiel, die Maus aus dem Kinderbuch, die Sonnenstrahlen sammelt im Sommer, während ihre Mäusekollegen auf dem Feld schuften und Johannisbeeren abstrippen und Gurken einkochen, damit im Winter alle etwas zu essen haben. Die romantischen Gedanken kommen erst heute, wo es den Garten nicht mehr gibt und ein Haus an der Stelle steht, das noch unbeschreiblicher ist als Stacheln im Nagel und Birnen in Essig. „They paved paradise and put up a parking lot“, singt Joni Mitchell, aber für deren Weisheit war ich damals auch noch zu jung.

Doch selbst das ging natürlich irgendwann vorbei, wie alles. Einkochen ist am Ende nur der Versuch, etwas zu festzuhalten, das vergehen muss, Früchte, Ferien, Familie. Ich habe noch ein Glas Mirabellen aus einem Sommer, in dem ich schon nicht mehr zu Hause wohnte. Ich werde es niemals öffnen.

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Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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