Es gibt doch diese Frage: Welches Buch hat Ihr Leben verändert? Bei mir war das Patricia Highsmith’s Mr. Ripley. Und zwar einerseits ganz konkret: Seit ich darin gelesen habe, dass die Frau von Ripley, eine elegante Französin, die leider nur in einer Nebenrolle hin und wieder durchs Bild läuft, immer auf dem Rücken schläft, um Falten am Hals zu vermeiden, seitdem ich das also gelesen habe, lange her, tue ich das auch, zumindest wann immer es mir wieder einfällt. Sonst allgemein, was das Reisen angeht.
Das Reisen durch Europa. Aus irgendeinem Grund, den ich selbst nicht kenne, suche ich stets Orte, die aussehen, als sei Mr. Ripley eben erst dort gewesen. Früh morgens in Salzburg klappt es ganz gut. Oder auf einer italienischen Piazza, am besten auch morgens, bevor die Touristen mit ihren Fjällräven-Rucksäcken kommen. Es geht eigentlich auf jedem südlichen Platz - alles, was es braucht, ist ein Kaffee ohne Plastikstühle.
Und in Sichtweite ein Zeitungs-Stand, in dem über- und nebeneinander internationale Tageszeitungen aufgereiht sind. Und am allerbesten funktioniert es, wenn es die Zeitungen von Vortag sind. Auf die jemand mit Kugelschreiber oben den Betrag in der Landeswährung geschrieben hat (oder eben den betreffenden Preis in Euro). Und dann kauft man sich so eine Zeitung, dazu vielleicht noch ein paar Postkarten und Briefmarken, und es ist ein ganz anderes Gefühl, sie im Ausland aufzufalten, im Wissen, dass alles, was man gleich lesen wird, zuhause längst niemanden mehr aufregt, weil es ja die Nachrichten von vorgestern sind.
Die rasende Todesnachricht
Es ist natürlich so offensichtlich wie langweilig, dass aus meiner Vorstellung die Sehnsucht nach einer im Verschwinden begriffenen Zeit spricht. Einer Zeit, von der man nur noch auf Reisen eine Ahnung erhascht, wenn das Internet gar nicht oder nur manchmal im Hotel funktioniert, oder in einem jener Internet-Läden, in denen es seltsamerweise immer von Mücken wimmelt, weshalb man sich nur selten länger dort aufhalten mag.
Aber ich frage mich eben, warum ich von einem Ereignis wie dem Tod von Amy Winehouse eher wissen muss, als ihr eigener Vater, der sich, während ich die Nachricht im Internet las, in diesem Moment auf einem Transatlantikflug zwischen London und New York befand und vom Tod seiner Tochter also erst Stunden später erfahren sollte als wir anderen alle, die wir gerade irgendwo auf der Welt vor einem Computer saßen. Zwei Tage später hätte mir auch gereicht.
Eine Bekannte meiner Eltern hat neulich eine Rundmail versandt, in der sie mitteilte, dass sie zukünftig wieder ausschließlich per Telefon und Fax zu erreichen sei - ihren Internetanschluss melde sie ab. So weit würde ich nicht gehen, ich mag das Internet, manchmal liebe ich es sogar, noch öfter brauche ich es und möchte es in meinem Leben nicht mehr missen. Aber es macht mich nervös.
Glauben statt googeln
Wahrscheinlich verreise ich auch deshalb so gerne. Um den ganzen Wahnsinn zu entkommen, dem ich in meinem Alltag nicht entkomme, wobei ich zugeben muss, dass ich es da noch nicht einmal versuche, warum auch, eigentlich habe ich nichts gegen hohes Tempo.
Aber in Gegenden, in denen es die Zeitung vom Vortag gibt, dauern zum Beispiel die Diskussionen länger, es geht öfter hin und her, bevor irgendjemand genervt zum Smart-Telefon greift, um die Sache abzukürzen. Wussten Sie zum Beispiel, dass alle Aale auf der Welt aus Cuba stammen? So ganz glaube ich es immer noch nicht, aber mein Reisebegleiter hat es behauptet, und gute Gegenargumente hatte ich nicht. Ich habe es bis heute nicht gegoogelt, ich glaube es jetzt einfach, wie auch, dass alle Sterne, die wir sehen, in Wahrheit Sonnen sind (Sie wussten das natürlich, aber mein Erstaunen war groß).
Seit Wochen nichts Neues
Man erfährt in Gegenden, in denen es die Zeitung nur vom Vortag gibt, auch mehr über die Welt, als man gemeinhin in Artikeln zu lesen bekommt. Wie es den Menschen in Griechenland gerade wirklich geht etwa, weiß ich erst, seit ich in Griechenland mit Griechen sprach. Und anschließend klingen die Sätze, die Politiker wie Philip Rösler so von sich geben, wenn gerade - man hofft immer, es müsse ein Versehen gewesen sein - ein Mikrophon auf sie gerichtet sind, wie blanker Hohn.
Europa ist mehr als nur Finanztransaktionen, oder wie Carolin Emcke gerade in einer Fernsehsendung sagte, das große Glück an Europa ist es, dass es den Deutschen ermöglicht, mehr als nur Deutsche, eben auch Europäer zu sein, sich auch auf eine europäische Geschichte zu beziehen.
Falls es möglich ist, würde ich sehr gerne veranlassen, dass all die vielen Steuern, die ich zahle, ausschließlich dafür verwendet werden, Griechenland in der Eurozone zu halten, tausendmal lieber als für neue Autobahnzubringer oder die Bundeskulturstiftung.
Man liest auch besser in Gegenden, in denen es die Zeitung nur vom Vortag gibt. Schläft besser. Sieht besser aus.
Seit drei Wochen bin ich jetzt wieder aus dem Urlaub zurück. Nichts Neues erfahren seither, kaum was gelesen, eigentlich höchste Zeit, wieder wegzufahren.