Home
http://www.faz.net/-gqz-71lf9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Dinge des Sommers (1) Die praktizierte Anarchie der Menschen am Strand

 ·  In der ad hoc entstehenden Strandgesellschaft klappt spontan und täglich, woran wir diesseits der Düne so oft verzagen.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (9)
© dpa Abendstimmung am Strand von Santa Monica, aufgenommen am vergangenen Dienstag

Einige Monate nach der Pleite der Lehman Brothers traf ich am Rande einer Veranstaltung einen klugen, reichen Finanzinvestor. Er vertrat seine rechtsanarchistischen Ansichten mit schönem, schwarzem Humor und amüsierte sich über die damals von allen Politikern so fromm vorgetragenen Ankündigungen, den Geldhandel alsbald zu zähmen. Wie wir heute wissen, lachte er damals zu Recht. Allerdings tat er sich den Wahnsinn seiner Branche auch nicht mehr an; er hatte, so ließ er durchblicken, ausgesorgt. Sein Leitspruch war: Ich kenne niemanden, dem das Geld ausgegangen ist, aber zu viele, denen plötzlich keine Zeit mehr blieb. Jemand fragte ihn, was er derzeit kaufe. Seine Antwort war knapp: „Sand. Sehr viel Sand.“ Seine kleine, feine Firma erwarb die Strände eines südamerikanischen Landes, so viel sie bekommen konnte. Das schien ihm die perfekte Anlage: Orte des Glücks. Niemand bereut am Strand verbrachte Zeit.

Das Geld erklärt oft seine Liebe für den Sandstrand, was, wie oft in der Liebe, nicht so richtig passt, denn der Strand ist vielleicht der einzige Ort auf der Welt, an dem Geld überflüssig ist. Für die Reise dorthin braucht man etwas, keine Millionen freilich; aber einmal an einem öffentlichen Strand angelangt, gibt es keinen besseren Sand für Reiche, allenfalls kann ein größeres Badetuch ihnen etwas mehr Auslauf sichern. Und doch wirbt das Geld mit Sand: Wenn die besseren Finanzinstitute der Vereinigten Staaten, die großen Anlagegesellschaften und Versicherungen mit Zeitungsanzeigen in „Atlantic Monthly“ oder im „New Yorker“ werben, dann ist dies ihr bevorzugtes Motiv: ein Mann, ein Paar, kleine Kinder und ein Golden Retriever, alle grinsend oder weise lächelnd am Sandstrand. Die Strandszene symbolisiert das Glück, das auf Sorgenfreiheit beruht, die als Freiheit von Geldsorgen verstanden und versprochen wird. Und auch die deutschen Lebensversicherer, die Pharmafirmen, all jene, die wirklich überzeugen wollen, die jeden Skrupel mit warmer Brise wegpusten möchten, die bilden einen Strand ab. Sie haben Marketing bei Antoine de Saint-Exupéry studiert, und statt uns mit mühevollen Details und all dem Kleingedruckten zu behelligen, lehren sie uns „die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Niemand kann einem das Recht nehmen, den Strand zu genießen

Das ist natürlich ein Trick. Denn der Strand und die sich dort jeden Sommertag ad hoc neu bildende Gesellschaft sind unter jedem Aspekt das genaue Gegenteil des kapitalistischen, neoliberalen Gesellschaftsentwurfs und darum so unwiderstehlich, gerade auch für dessen inbrünstigste Propheten. Man erwirbt das temporäre Anrecht auf einen Flecken Badestrand nicht durch Geld oder Leistung, sondern indem man sein Handtuch drauflegt. Noch nie habe ich erlebt, dass dieses schlichte Prinzip nicht anerkannt würde. Mehr braucht es nicht, keine Eintrittskarte, keinen Ausweis, nicht mal Bürgerrecht oder Aufenthaltserlaubnis werden abgefragt.

Es ist elementar: Niemand kann einem Menschen das Recht verleihen oder bestreiten, den Strand zu genießen. Darum sind Privatstrände eine Perversion, und darum wäre dem eingangs erwähnten Investor durch Gesetz Einhalt zu gebieten, man kann ja auch keine Luft besitzen. Am Strand sitzt man dann eng nebeneinander, tut in etwa das Gleiche, aber man ist in keinen Verein gezwängt. Niemand geht in Badehose von Tuch zu Tuch und stellt sich händeschüttelnd vor. Jeder macht dasselbe, dämliche und glückliche Gesicht, geblendet von all dem Licht und all der Luft.

Gesetze und Verordnungen sind eingeklammert

Versucht man, die am Strand geltenden Regeln aufzuzählen, so fällt einem, vielleicht auch wegen des ortsbedingten intellektuellen Abbaus, nichts ein, außer der einen, die jedes Kind hören muss: Streu keinen Sand in die Augen. Davon abgesehen, kann jeder tun und lassen, was er will, und dann ist es komisch: Die bevorzugten Tätigkeiten ähneln sich, mögen sie auch je anders ausgeführt werden. Verbuddeln im Sand, die Leute auf dem anderen Strandtuch studieren, zum Horizont blicken, bis der Kopf ganz leer und leicht ist. Und ins Wasser. Oder nicht. Es gibt keinen Stundenplan, kein Schedule und keine Liste mit Tipps und Tricks. Jeder kennt sich aus.

Sicher, auch der Strand ist Staatsgebiet, auch dort gelten Gesetze und Verordnungen. Aber sie sind doch irgendwie eingeklammert. Man denkt nicht dran, und ihre Anwendung wird seltsamerweise auch nur sehr selten nötig. Nichts ist komischer als der Gendarm am Strand - Louis de Funès hat das ein für allemal klargemacht. Damals hatten Capitaine Cruchot und seine Truppe die Nacktbadenden in Saint-Tropez zu verfolgen, und ginge es immer noch nach Sarkozy, sollten sie heute die im sogenannten Burkakini badenden Salafistinnen jagen. Beides ist lächerlich.

Der Sand entlastet uns

Menschen am Strand praktizieren Anarchie. Die Obrigkeit ist zwar präsent, aber auf ihrem Hochsitz auch weit weg. Außerdem trägt sie rote Badekleidung und beschränkt ihre Funktion aufs Elementarste, nämlich Ertrinkende am Schopf aus den Fluten zu retten.

Der Sand sorgt, ist man einmal angekommen, für weitere Egalisierung, denn das ganze heißgeliebte und teuer erworbene digitale Gerät widersteht ihm nicht, irgend ein kleines Sandkorn findet sicher den Weg durch die Schnittstelle, und dann taugen diese Dinger höchstens als Beschwerer für die Zeitung, die weit länger durchhält. Der Sand leistet das, was so viele Bücher und Seminare versprechen, er entlastet uns, denn alles, was uns befrachtet und beschwert, wird von ihm unweigerlich angezogen und auf Nimmerwiedersehen verschluckt: Geldmünzen, Schlüssel, Uhren, Taschenmesser, Sonnenbrillen, der ganze Kram sinkt nach unten und ist fort, und man ärgert sich kurz, und dann hat man es vergessen. Man brauchte es gar nicht.

Nie einen Kampf um Anerkennung

Seltsam, wie wenig Fraktionen sich an einem weiten Strand bilden, wie derselbe Genuss auf so viele unterschiedliche Arten empfunden werden kann. Manche schwelgen in der Ausrüstung und dem Stolz, aus der Kühltasche ein großes Menü für die muntere Familie auftischen zu können; andere kultivieren die absolute Reduktion und tragen schon auf dem Fahrrad nur Badehose und das Handtuch um den Nacken. Aber es gibt keine Bekehrungsbemühungen der Ausgestatteten oder der Asketen, nicht mal Lektüre wird von einem Strandtuch zum nächsten empfohlen. Und all die Weite ist werbefreie Zone. Gut, die Natur lässt es auch nicht zu, sonst wäre es versucht worden, man hätte die See niveablau gefärbt und den Sand fantagelb oder umgekehrt. Nicht mal die Namensrechte der Strände sind meines Wissens je irgendwo verkauft worden, denn jede Werbung ist dort einfach lächerlich. Der Strand ist kein guter Ort, um Geld zu verdienen oder auszugeben. In der Werbung wird der Genuss eines Strandspaziergangs nach erfolgreich gesichertem Reichtum versprochen, aber es ist doch möglich, auch als Nichtmillionär, sogar als Habenichts und Bankrotteur dort spazieren zu gehen. Umgekehrt kann die herrschaftslose und kapitalfreie Strandgesellschaft zur Inspiration taugen: Der Genuss der Natur und der Zugang zu Nahrung und Wasser, zum Spiel der Elemente - warum muss das eigentlich viel kosten? Warum muss es überhaupt etwas kosten? Alles könnte anders sein. Aber wie?

In der Strandgesellschaft kann man es sich anschauen: In vier Jahrzehnten regelmäßigen Strandbesuchs habe ich nicht einmal eine Rempelei erlebt, nur sehr selten mal einen Ehekrach beobachtet, nie einen Kampf um Anerkennung gesehen und keine Diskussionen um Rechte und Pflichten geführt. Jeder Tag am Strand ähnelt dem folgenden, aber es ist ein angenehm geschichtsfreies Erlebnis, niemand hat Grund zu klagen, dass früher das Meer besser gewesen wäre.

Religion, Parteizugehörigkeit, sexuelle Orientierung, alles klar und doch egal. Vegetarier oder Salamikenner, Tattoo oder nicht Tattoo, alles geht, ohne beliebig zu sein, denn am Strand zelebriert jeder, was er ist, und er ist auf zauberhafte Weise damit zufrieden. Was jenseits der Düne zum Verzagen mühsam ist - auf der schmalen Öde des weiten Sandes klappt es spontan und ohne Absprache. Nach einem langen Tag am französischen Atlantikstrand, unter der Sonne der Freiheit, möchte man Michel Foucaults berühmten Satz einfach umstellen: Erst im Sand am Meeresufer erscheint das Gesicht des Menschen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Geklonter Murks

Von Joachim Müller-Jung

Die Studie des Gen-Forschers Shoukhrat Mitalipov zeugt von erheblichen Schlampereien. Aufgedeckt wurden sie auf einer Gutachterseite im Internet. Hatte Luzifer seine Hände im Spiel? Mehr 1