29.12.2011 · Alle loben die „Geschichte der Welt in 100 Objekten“ von Neil MacGregor. Er erzählt darin Geschichte anhand von Gegenständen. Leider endet das Buch 2010. Wir hätten drei Vorschläge für 2011.
Von Peter RichterDie Uniform von Steve Jobs bestand aus New Balance Trainers, hellblauer Levi’s 501 und schwarzem Rollkragenpullover von St. Croix; das waren die Sachen, die einem ins Auge stachen, und zwar nicht besonders angenehm, wenn man das bei allem Respekt vor dem Toten mal so sagen darf. Aber das wichtigste Detail sah man fast nicht: Es war die Brille, randlos und rund. Das ist nicht nur deswegen bemerkenswert, weil Brillen, die als solche nicht erkannt werden wollen, doch deutlich aus der Mode gekommen sind zuletzt; dickes Horn rahmt stattdessen überall wieder selbstbewusst die Augen, neuerdings selbst die von Westerwelle, und schon wird gespottet, dass in Deutschland eigentlich nur noch Wulff und Rösler randlos tragen, was für alle drei bestimmt nichts Gutes zu bedeuten habe. Aber bei Steve Jobs hat die Randlosigkeit der Brille gleich etwas viel Programmatischeres. In ihr spiegeln sich alle Verheißungen des Jobsschen Wirkens, allerdings auch seine Perfidie.
Jobs bezog seine Brillen von einem deutschen Hersteller, den Lunor-Werken im Schwarzwald, das Modell heißt „Lunor Classics round PP“ und war Jobs 450 Dollar wert, wie zu lesen stand; das heißt, er bediente sich für seinen privaten Durchblick genauso bei der handwerklichen Tradition des deutschen Mittelstandes wie seine Designer bei der Dieter-Rams-Ära der Firma Braun. Allein die Entwicklung des Nasenstegs habe fünf Jahre gedauert, war zu lesen. Außerdem hieß es, dass kreisrunde Gläser gar nicht gut seien für die Augen, weshalb auch Jobs’ Brillengläser in Wahrheit leicht abgeflacht waren; was am einfachsten aussieht, ist wie immer extra kompliziert.
Aber die Form ist offensichtlich von hoher Bedeutung, rund ist die Brille des Erfinders, des Ingenieurs, des modernen Demiurgen, das hat nicht nur den Kneifer von Daniel Düsentrieb im Stammbaum, sondern vor allem natürlich die Brille von Le Corbusier: die beiden Bullaugen, die das „abreisefertige Aussehen“ (Ernst Bloch) der modernen Architektur im Gesicht des modernen Architekten schon vorwegnahmen und seine Sicht auf die Welt sozusagen zu der eines fahrenden Ozeandampfers machten. Bei Le Corbusier malte allerdings der dicke Hornrahmen noch zwei Autoreifen um die Augen, die den Anspruch, ein für alle Mal die Welt und das Leben der Menschen grundlegend umzubauen, mit einer gewissen Lautstärke verkündeten. Jobs, der in vermutlich weit größerem Maß Ernst mit diesem Umbau gemacht hat, war da subtiler, und so verhält sich auch seine Brille.
Kaum jemand hat die Welt seiner Mitmenschen und sogar deren Verhaltensweisen in so kurzer Zeit dermaßen verändert wie Steve Jobs mit seinen Produkten, und das betrifft gar nicht mal nur die immer weiter auswuchernde Sphäre der Computer mit dem Apfel und der Dinge mit dem kleinen i davor. Bemerkenswerter ist, dass Jobs’ Leute mit ihren Computern sogar deren Nutzer programmieren, ihnen ganz neue Gesten antrainieren, die dann im Alltag auch in ganz anderen Zusammenhängen auftauchen. Das Wegwischen zum Beispiel. Zuerst wurden die Dinge des Lebens in Spielbergs Film „Minority Report“ dauernd mit der Hand sachte beiseitegewischt, kurz darauf wischte sich Steve Jobs zum ersten Mal öffentlich durch das Fotoalbum eines iPhones. Inzwischen gibt es immer mehr Zerstreute, die auch vor ihrem Fernseher versuchen, durch Wischen zum nächsten Programm zu gelangen, und wenn sie nur lange genug wischen, wird ihnen sicher auch dieser Wunsch erfüllt werden. Die Welt nähert sich dem Spielberg-Film an.
Die technische Grundlage dafür ist der Touchscreen, und den hat Jobs zwar nicht erfunden, aber er hat ihn durchgesetzt. Durch Jobs wurde er zum Standard, zur Weltoberfläche. Fahrkartenautomaten, Digitalkameras, Haushaltsgerät . . . sogar der Herd ist davon nicht verschont geblieben. Von der Firma Constructa gibt es einen, dessen Cerankochfeld ist gleichzeitig der Touchscreen zum Bedienen. Jahrhundertelang wurde dem Menschen beigebracht, möglichst nicht auf Herdplatten zu fassen. Gilt jetzt nicht mehr.
Opfer dieser Entwicklung sind die Knöpfe, die eingeebnet und auf dem Glas nur noch simuliert werden, das Opfer ist also der mechanische Impuls beim Bedienen von Dingen, das wird jetzt als archaischer Atavismus langsam wegerzogen. Stattdessen wird ein ruhig durchbluteter Daumen der Schlüssel zu allem.
Praktisch ist das nicht immer, besonders im Winter nicht, wenn man für jeden Mist den Handschuh ausziehen muss, und früher hätte man es auch schlicht unhygienisch gefunden. Aber das ist eine Frage des Blickwinkels auf die Benutzeroberfläche, ob man in erster Linie die nahezu körperlos zu bedienenden Simulationen sieht - oder eine Sammelstelle von Fingerabdrücken. Was das ideologisch bedeutet für die weitere Digitalisierung des Lebens, für die Biometrie, für die Kontrolle der Benutzer durch die Geräte und so weiter, liegt auf der Hand.
Und was das wiederum mit der Brille von Steve Jobs zu tun hat? Es sind vermutlich die einzigen Glasflächen im Reich des Apple-Gründers, auf denen nicht mit dem Daumen herumgedrückt werden durfte. Aber Gurus haben immer Sonderrechte.
Das Wohnmobil, in dem am 4. November der Neonazi Uwe Mundlos erst seinen Kumpanen Uwe Bönhardt und dann sich selbst erschoss, war ein „Sunlight“. Das ist eine Marke, die zu Dethleffs gehört, eine Einsteigermarke, sagen Kenner der Materie. Die ist baugleich mit den Carado von Hymer und wird in Sachsen gebaut, wo die Neonazis zuletzt lebten, allerdings nicht herkamen. Aufgehoben werden sollte es, weil so irrwitzig viel darin zusammenkommt - angefangen bei dem herrlich nach Orient und Wüste klingenden Wort Caravan und dem harten Spießer-Image, das deutschen Dauer-Campern anhaftet. (Die Rockgruppe Rammstein war zufällig mit dem absolut passenden Lied über solche Hausmeistertypen zur Stelle: „Da kommt er angerannt / mit der Fahne in der Hand: / Meine Welle und mein Strand!“) Die Neonazis mieteten solche Wohnmobile nicht nur für ihre Banküberfälle und Morde, sie fuhren damit auch in den Urlaub!
Man nennt sie die Zwickauer Zelle, aber gestorben sind sie in Eisenach, eigentlich kamen sie aus Jena, und im Grunde waren sie die meiste Zeit sonst wo unterwegs: Fahrendes Volk wäre eigentlich der passendste Begriff, man könnte auch sagen: wie die Zigeuner - wenn das nicht so beleidigend wäre für Menschen, die zu den Roma und Sinti gehören. Mit solchen Wohnmobilen fuhren sie kreuz und quer durch Deutschland, um Leute zu ermorden, die einerseits alle das hatten, was man einen Migrationshintergrund nennt, die aber andererseits alle sesshaft geworden waren in Deutschland - im Unterschied zu den Neonazis aus Ostdeutschland, die offensichtlich von ihren westdeutschen Gesinnungsgenossen für Aufträge herangerufen wurden wie so ein killender Pizza-Dienst. Es liegt schon eine beachtliche Ironie in der Tatsache, dass Leute, denen es so militant um die eigene Scholle geht, darüber so dermaßen heimatlos werden.
Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sich in der Form des Campings auch die große Protestwelle dieses Jahres spiegelt: Der linke Bruder des Wohnmobils heißt eben nur Zelt, und vom Kairoer Tahrirplatz bis zum Zuccotti-Park in New York sind 2011 ganze Zeltplätze des Protestes entstanden, in Tel Aviv und Madrid sogar explizit deswegen, weil normales Wohnen für immer mehr Menschen schlicht unmöglich geworden ist. Damit kommt das Thema Immobilienmarkt ins Spiel, und damit die Finanzkrise, und damit wiederum verstärkte Migration, und damit am Ende auch wieder der „caravan of hate“ der beiden Uwes.
Das Fahrzeug hat Brandschäden, dürfte also, wenn es die Polizei eines Tages freigibt, nicht mehr allzu teuer sein.
Geschichte hat leider nicht immer Objekte, an denen sie erzählt werden kann. Ganz im Gegenteil, bei der Eurokrise ist ja gerade das Fehlen von soliden Gegenwerten zu all den Worten, Zahlen und Behauptungen das Problem. Die Krise hat nicht nur kein Objekt, es gibt noch nicht einmal vernünftige Bilder davon; jeder Fotoredakteur kann Ihnen dieses Jahr ein sogenanntes Liedchen davon singen.
Da kann man von Glück sagen, dass es in Deutschland die „Kunst im öffentlichen Raum“ gibt. Oft genug fragt man sich ja, wofür die gut sein soll. Hierfür.
Die Euro-Skulptur wurde Ende der Neunziger von Ottmar Hörl geschaffen und in Frankfurt vor der Europäischen Zentralbank aufgestellt. Ein E, gebildet aus einem C mit Gleichheitszeichen, hier außerdem mit ein paar Sternen umpudert. Daran zeigt sich jetzt, worin die langfristige Stärke des Dollars liegt. In seinem Symbol. Die Säulen des Herkules, verschlungen durch das Spruchband mit dem Motto „Plus Ultra“, das steckt da ja alles noch drin und wirkt weiter.
Der Euro dagegen scheint gerade an dem Gleichheitsanspruch zu scheitern, der in seinem Symbol verankert ist. Nach allem, was bisher geschehen ist, müsste das Gleichheitszeichen im Euro durch das mathematische Zeichen für Ungleichheit ersetzt werden. Oder, wer weiß, durch ein D und ein M.
Es ist noch nicht ganz raus, ob und wie es weitergeht mit dem Euro. Bei der Euro-Skulptur von Frankfurt weiß man es. Die wird, weil die EZB umzieht, abgebaut und kommt, wie man hört, entweder auf den Müll oder ins Museum. Was auch immer das für das vom Symbol Symbolisierte bedeuten mag.
Müll oder Museum für's Eurodenkmal?
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 29.12.2011, 22:52 Uhr
Das Eurozeichen
Andreas Stötzner (Stoetzner)
- 29.12.2011, 10:47 Uhr