http://www.faz.net/-gqz-c59

: Die Deutschen kommen!

  • Aktualisiert am

Die Hauptstadt des neunzehnten Jahrhunderts und der Kultur war bis zur Jahrtausendwende auch jene der Fotoagenturen: Gamma, Sygma, Sipa. Das digitale Massenknipsen und die Krise der Presse haben die angesehenen Institutionen in den Ruin geführt.

          GENF, 4. Juli

          Die Hauptstadt des neunzehnten Jahrhunderts und der Kultur war bis zur Jahrtausendwende auch jene der Fotoagenturen: Gamma, Sygma, Sipa. Das digitale Massenknipsen und die Krise der Presse haben die angesehenen Institutionen in den Ruin geführt. Jetzt greift die deutsche dapd nach Sipa - und hat Pläne, die in Paris große Befürchtungen auslösen.

          Es steht schlecht um die Fotoagenturen. Als "Krankenversammlung" hat Ende Juni ein Mitarbeiter die jährliche Zusammenkunft der Magnum-Genossenschafter in Paris bezeichnet. 2010 hatte sie in New York stattgefunden und war "von ungewohnt aggressiven verbalen Auseinandersetzungen" gezeichnet: Mehr als eine Million Euro an Honoraren hatte die Agentur nicht an die Fotografen auszahlen können. Als Kollektiv war Magnum 1947 von Robert Capa und Henri Cartier-Bresson zusammen mit zwei Kollegen gegründet worden. Heute sind fünfzig Fotografen beteiligt und müssen ständig neue Einsparungen beschließen. Sie haben sich jetzt einen Chef für die internationale Vermarktung gegeben. Verzweifelt wird nach neuen Einnahmequellen gesucht - kürzlich wurden fünf Mitarbeiter nach Amerika geschickt, um für Ansichtskarten zu fotografieren.

          Die kaum weniger berühmte Agentur Sygma hat 2010 Konkurs angemeldet: Selbst Bill Gates, der sie 1999 übernommen hatte, gingen die Verluste zu weit. An seine Stelle trat schließlich der Fotograf François Lochor, der sich jedoch weitgehend auf die Kommerzialisierung des Archivs beschränkt. Die Illustrierten wie "Paris-Match" und Magazine vergeben kaum noch Aufträge, die Fotos für die Zeitungen liefern billig die Presseagenturen, die ihre Korrespondenten mit einer Kamera ausgerüstet haben.

          "In den letzten beiden Jahren wurden die Honorare nochmals halbiert", stöhnt man bei Sipa. Die 1974 vom Fotografen Göksin Sipaphioglu begründete Agentur hatte viele Kunden - zum Beispiel Programmzeitschriften - und ist breiter als Magnum und Sygma ausgerichtet. Doch auch Sipa, seit zehn Jahren im Besitz des Pharma- und Medienunternehmers Pierre Fabre, verliert Geld: Mehr als zwei Millionen Euro sollen es 2010 gewesen sein. Der als sehr arbeitnehmerfreundlich bekannte Fabre kann und will nicht mehr. Er ist offensichtlich bereit, für einen Sozialplan zwei Millionen einzuschießen.

          Nach Informationen der Zeitung "Le Monde" sind die Verträge zum Verkauf an dapd unterschriftsreif. Sie gehört den Investoren Martin Vorderwülbecke und Peter Löw, die mit aggressivem Dumping gegen die Deutsche Presseagentur (dpa) antreten. [...] solle dpa werden, erklärte Vorderwülbecke 2009, als dapd aus der früheren Nachrichtenagentur Deutscher Depeschendienst (ddp) und dem deutschen Ableger der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press (AP) entstand. In gleicher Absicht wird Sipa aufgekauft: Die Agentur wird allgemein ausgerichtet und soll der Agence France Press (AFP) Konkurrenz machen. Ein Drittel der Angestellten soll entlassen werden. Die Fotografen protestierten und wiesen darauf hin, dass ihnen die Archive gehören. "Die Deutschen oder der Bankrott", wurde ihnen beschieden. Die staatliche AFP hat bereits reagiert und die Preise für die Regionalzeitungen gesenkt. JÜRG ALTWEGG

          Weitere Themen

          Warum sind wir nicht die Besten?

          Brief aus Istanbul : Warum sind wir nicht die Besten?

          Spitzenreiter bei den Gefängnissen, unter ferner liefen bei den Universitäten: Präsident Erdogan versteht seine Türkei nicht mehr. Mit Geld kann er den Braindrain des Landes sicher nicht aufhalten.

          Topmeldungen

          Merkel im Bundestag : Ein Satz wie Blei

          Wenn es um Migration geht, bemüht die Kanzlerin stets die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Dabei treibt sie nicht nur Multilateralismus, sondern Wiedergutmachung. Das ist Wasser auf die Mühlen ihrer Kritiker. Ein Kommentar.
          Er als erster in stillem Protest auf dem Taksim-Platz, aber er stand nicht lang allein:  Erdem Gündüz gehört zu den vierzehn Verhafteten.

          Brief aus Istanbul : Warum sind wir nicht die Besten?

          Spitzenreiter bei den Gefängnissen, unter ferner liefen bei den Universitäten: Präsident Erdogan versteht seine Türkei nicht mehr. Mit Geld kann er den Braindrain des Landes sicher nicht aufhalten.

          Flugzeug mit Ionenmotor : Lautlos fliegen wie bei Star Trek

          Der Traum existiert schon lange, jetzt konnten Ingenieure am MIT ihn erstmalig realisieren: Sie konstruierten ein Flugzeug, das von einem rein elektrisch erzeugten Ionenwind getragen wird.
          Nachahmer gesucht: Eine Impfung für Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner.

          Grippeimpfung : Diese Spritze lässt Herzen höher schlagen

          In manchen Gegenden wird der Impfstoff knapp. Was heißt das für die Grippe-Saison? Schwer vorauszusehen. Klar ist nur, wer am meisten von der vorbeugenden Spitze profitiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.