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Die deutsche „Wetter-Angst“ : Alle Wetter!

Dunkle Gewitterwolken über Bayern Bild: dpa

Die aktuelle Stimmungslage dem Wetter gegenüber ist heiter bis wolkig, drollig bis skeptisch, aber in Anbetracht der Klima-Leugner und -Skeptiker zeichnet sich vor allem eines ab: die „Wetter-Angst“.

          Walter Kempowski notiert im Tagebuch, wie seine Frau einmal die Hunde danach gefragt habe, ob sie nicht auch finden, dass „heute schönes Wetti“ sei. Eine Antwort der Tiere ist nicht überliefert. Aber das Zitat spricht in seiner Drolligkeit für sich und erübrigt jeden weiteren Kommentar; sein bloßes Notat zeigt, dass es Kempowskis Interesse erregt hat. Am merkwürdigsten dürfte ihm die Verniedlichung vorgekommen sein, mit der seine Frau ein Phänomen belegt, das, jenseits literarischer Ausschmückungen, für die dieser Schriftsteller nur bedingt Sinn hatte, in seiner aktuellen Beschreibung voll aufgeht. In der Regel will man bloß wissen, wie das Wetter ist und wird, nicht, warum das so ist.

          Deswegen langweilen die Erklärungen auch so, mit denen die Wetteransager im Fernsehen manchmal die Sendezeit füllen. Man weiß, irgendeinen Grund wird es schon haben, dass es morgen so oder so wird. Sehr richtig hat der Komiker Otto Waalkes dies in einem alten Sketch auf die Pointe gebracht: „Ein über Schleswig-Holstein liegendes Tief kommt hinten nicht mehr hoch. Die weiteren Aussichten: Es wird wärmer oder kälter – das hängt vom Wetter ab.“ Wie das Wetter wird, hängt natürlich überhaupt nicht von ihm selbst ab; es ist nicht seine Ursache und gleichzeitig seine Erscheinungsform.

          Aber in dieser Veralberung drückt sich ein vermutlich weitverbreitetes Genügen an der deskriptiven Prognose aus. Aus dieser Selbstgenügsamkeit werden wir immer mal wieder aufgescheucht, und dann kann es schnell politisch werden: Wer, mit welchen Gründen auch immer, bestreitet, dass sich das Klima, also das sehr langfristige Wetter, ändert, der ist ein Klimaskeptiker, wenn nicht sogar -leugner, der sich unbekümmert ums menschliche Verhalten zur Umwelt gibt und wirtschaftlichem Wachstum im Zweifel den Vorrang. Hier kommt es zu schönen semantischen Auffälligkeiten, die man als Ausdruck der nie versiegenden sprachschöpferischen Kraft sehen kann: Anders nämlich als der „Holocaust-Leugner“ leugnet der „Klima-Leugner“ nicht die Existenz einer evidenten Tatsache, sondern nur deren langfristige Veränderung; und der Klima-Skeptiker begegnet dem Klima oder Wetter als solchem nicht skeptisch, indem er es etwa zu kalt oder nass findet, er ist sich nur nicht sicher, ob es sich tatsächlich so verändert wie behauptet.

          Meistens ist man ihm aber freundlich gesinnt und nimmt es, wie es kommt. In der täglichen Hausmitteilung eines Meraner Hotels ist zum Beispiel ausdrücklich vom „lieben Wetter“ die Rede und davon, was es uns heute wieder Schönes bringen möge. So etwas jetzt in unseren Breitengraden zu sagen wäre eine glatte Verharmlosung. Die „Bild“-Zeitung greift die momentane Stimmung diesbezüglich geradezu genial auf, indem sie von „Wetter-Angst“ spricht – natürlich ist nicht die Angst davor gemeint, dass es überhaupt Wetter geben könnte, sondern die nur allzu begreifliche Angst vor weiterem Starkregen. Ob er wiederkommt? Ulrich Wickert hätte auch hier, die Augen für einen Moment genießerisch geschlossen, süffisant angekündigt: „Das Wetti“.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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          Quelle: F.A.Z.

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