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Die CSU und die Bankenaffäre Im Land der schwarzen Schafe

21.12.2009 ·  Bayern erschüttert ein Wirtschaftsskandal, die CSU sucht vergeblich nach einem Verantwortlichen und setzt ihren politischen Erosionsprozess fort. Die Aufklärungsversuche nach der Hypo Alpe Adria-Affäre lesen sich wie ein Stück von Sophokles.

Von Hannes Hintermeier
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Von wegen die ollen Griechen. Das amerikanische Verteidigungsministerium fördert eine Gruppe namens „Theater Of War“, die mit szenischen Lesungen antiker Dramen vor Kriegsveteranen auftritt. Hauptsächlich Sophokles - was zum einen daran liegen kann, dass er selbst General war und erst im Nebenberuf Theaterautor, zum anderen am Inhalt seiner Tragödien, in denen einige der besten Helden ihrer Zeit umkommen. Dass sich beispielsweise der trojanische Kriegsheimkehrer Ajax in eine solche Wut hineinsteigert, dass er die Schafe des Odysseus tötet, weil er sie in seiner nächtlichen Raserei für Griechen hält, kommt offenbar bei Afghanistan-Heimkehrern gut an. Sie müssen - der Amoklauf von Fort Hood lieferte unlängst den blutigen Beweis - ähnliche Traumata verarbeiten. Deswegen soll Sophokles nun im ganzen Land auf Militärbasen gespielt werden, um seine kathartische Wirkung auf Soldaten, deren Angehörige oder Hinterbliebene zu entfalten.

3,7 Millionen Dollar hat das Pentagon - selbst Ort des Mythos - der New Yorker Truppe zugesagt. Es ist bestimmt bloß Zufall, dass der Steuerzahler das Tausendfache wird aufwenden müssen, um einen Wirtschaftskriegsschaden zu begleichen, der Bayern erschüttert, auch wenn man sich das nach guter Landessitte nicht anmerken lassen will. Nachdem bereits 2008 zehn Milliarden zugeschossen wurden, darf sich der Freistaat nochmals mit 3,75 Milliarden Euro als Bankenretter beim Nachbarn Österreich inszenieren, weil eine Allianz aus hybriden Bankern und großmannssüchtigen Politikern balkanische Abenteuer wagte.

„Wo Mannesmut und Frauentreu' / die Heimat sich erstritt aufs neu', / wo man mit Blut die Grenze schrieb / und frei in Not und Tod verblieb; / hell jubelnd klingt's zur Bergeswand: Das ist mein herrlich Heimatland!“ Mit der vierten Strophe des Kärntner Heimatlieds im Gepäck wollte man von der Alpe bis zur Adria die pannonische Tiefebene erobern - erfolglos. Schon ist die Tragödie wieder daheim im Kerngebiet, dem einst selbstbewussten Finanzplatz München. Dort regiert noch der immer allen alles versprechende Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Nachts gerät er manchmal in eine solche Wut hinein, dass er alle seine erreichbaren Schafe abtastet, ob sich darunter nicht etwa ein Mitschuldiger vergrieche.

Es geht um mehr als nur ums Geld

Haftet ein Verantwortlicher wie der langjährige Vorstand Werner Schmidt? In Pension, zurückgetreten, abgefunden, ausbezahlt, nicht mehr zuständig. Die Politiker Stoiber, Beckstein, Huber? Alle weg. Viele Schafe bleiben nicht mehr. Zum Abschuss steht als damals wie heute Aktiver nur der Fraktionsvorsitzende Georg Schmid, genannt „Schüttel-Schorsch“. Schaler Triumph. Mancher hat gar Fehler eingeräumt, wie der ehemalige Finanzminister Kurt Faltlhauser, der zugab, „blinden Lemmingen“ gefolgt zu sein. Heute steht er an der Spitze einer Bewegung, die den Neubau eines Konzertsaals im Marstall (geschätzte Kosten 130 Millionen Euro) will. Faltlhauser fordert unermüdlich vom Staat jene Millionen ein, die er vor nicht allzu langer Zeit in den Schotter des Klagenfurter Beckens gesetzt hat.

Was hätte der Miterfinder des modernen Bayern, Franz Josef Strauß, dazu gesagt, dass ihm seine politischen Nachkommen ausgerechnet jene existenzsichernde Gleichung tottrampeln, die behauptet: CSU ist gleich Wirtschaftskompetenz? Vor einem halben Jahr legte der frühere Ministerialbeamte Wilhelm Schlötterer seine Bilanz eines bayerischen Beamtenlebens vor („Macht und Missbrauch“). Seine bittere Abrechnung mit dem Strauß-Mythos und den Personen, die diesen innerparteilich perpetuieren, mag ein Einzelfall sein, aber der Befund ist in vielen Punkten erhellend: Auch im Fall der Landesbank hat sich das Fiasko über Jahre angebahnt, weil politisch regiert wurde, wo finanzwirtschaftlich agiert hätte werden müssen. Als Seehofer 2008 seinen Antrittsbesuch in Rom machte, habe der Papst als Reaktion auf die Landesbank-Beichte mit dem Ausruf „o je!“ reagiert. So kann man es auch sagen.

Ajax stürzt sich, nachdem er den Irrsinn seiner Schafabschlachtung erkannt hat, aus Scham ins Schwert. Ausgeschlossen, dass sich eine Partei wie die CSU ähnlich verhielte. Auch bei ihren Gegnern ist die Erinnerung an die Jahrzehnte, in denen Bayern gleichgesetzt war mit Einparteien-Herrschaft, noch sehr frisch. Aber der Widerstand wächst, das vor kurzem erfolgreich abgeschlossene Bürgerbegehren für ein schärferes Nichtrauchergesetz ist vor allem ein Akt des politischen Widerstands. Der politische Erosionsprozess beschleunigt sich, es geht eben doch - wie bei Sophokles - um viel mehr als nur um Geld. Beim antiken Dichter behalten am Ende immer die Götter recht. Wenn das für Bayern auch zutreffen sollte, wird es für die CSU höchste Zeit, mit dem Beten zu beginnen.

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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