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Die CIA und die Kultur : Wie man die großen Wörter klaut

„Die Freiheit hat die Offensive ergriffen“: Arthur Koestler 1950 auf dem „Kongress für kulturelle Freiheit“ in Berlin Bild: SZ Photo

In den fünfziger Jahren nahm die CIA konspirativ Einfluss auf die Kultur und die Ideen des Westens. Eine Berliner Ausstellung fragt, was daraus für die heutigen Systemkämpfe folgt.

          Please honey, don’t be too upset about all this“, schreibt eine amerikanische Mutter 1987 ihrem erwachsenen Kind. Es geht um die CIA, für die ihr Mann, sein Vater, viele Jahre zuvor gearbeitet hatte, und darüber, dass sie nie mit dem Kind darüber gesprochen hatte. „Heute mag das schwer zu verstehen sein, aber damals machte das Sinn. Der Kontext für ihn (und für mich) war der eines überwältigenden Optimismus, was Intellektuelle nach dem Krieg für die Sache der Freiheit und Gerechtigkeit tun können.“ Der Künstler Doug Ashford, der diesen und weitere Briefe ausstellt, fügt ihnen Zeichnungen bei, die in Zartrosa sich immer wieder neu konfigurierende Organismen zeigen; ein kommentierender Text interpretiert das als Ektoplasma, „als ausgestoßene Abstraktion“, als Darstellung eines sich traumatisch auflösenden Selbstbilds.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die ganze Verunsicherung, die von der Ausstellung „Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) ausgeht, ist in diesen Briefen und Zeichnungen schon enthalten. Ihr Thema ist die seit 1966 bekannte Tatsache, dass die CIA von 1950 an über Kongresse, Zeitschriften und Ausstellungen die Kultur und das intellektuelle Leben der westlichen Gesellschaften konspirativ prägte. Die beunruhigende Pointe ist, dass der Geheimdienst dabei nicht einfach eine sinistre Reaktion beförderte, sondern eben jenem Linksliberalismus zum Durchbruch verhalf, der bis heute den Mainstream-Standard der westlichen Intellektuellen bildet. Und der heute wieder vehement angefochten wird, von autokratischen Mächten wie Russland, China oder der Türkei ebenso wie von international organisierten und finanzierten Islamisten und nicht zuletzt von nationalistischen Populisten im Westen selbst, für die die nachgewiesene Beteiligung eines amerikanischen Geheimdienstes an der sogenannten politischen Korrektheit ein gefundenes Fressen sein muss.

          Der Kalte Krieg in den Köpfen

          Was bedeutet es in dieser Lage, wieder an den Kalten Krieg der Kultur zu erinnern? Die Empörung, mit der die Öffentlichkeit in den sechziger Jahren auf die Enthüllungen reagierte, wich in ruhigeren Zeiten später einem Belächeln des militaristischen Furors, mit der die Funktionäre Gedanken und Künste als Teil eines Systemkampfs wichtig nahmen. Heute, da der Westen wieder, wenn auch auf ganz andere Weise angegriffen wird, mag manch einem ein solches Lächeln im Halse stecken bleiben.

          Die Ausstellung liefert nicht eine einzelne große These; mit den Fotos, Videos, Fundstücken und kommentierenden Texten an den Stellwänden legt sie vielmehr Spuren in ganz unterschiedliche Richtungen, und wie im HKW üblich, bleibt den Besuchern selbst viel zu tun, um sich einen Weg durch den ungeheuren Stoff zu bahnen. Erst einmal macht die Ausstellung die historische Lage begreiflich, in der es zum Kultureinsatz der CIA kam. Seit Ende der zwanziger Jahre hatte die Komintern durch Tarnorganisationen unter westlichen Intellektuellen erfolgreich um Sympathien für die Sowjetunion und den Kommunismus überhaupt geworben. Unter dem Eindruck der faschistischen Bedrohung wurde die Vorstellung einer „Volksfront“ bis tief ins bürgerliche Lager attraktiv; an einem von der Komintern ins Leben gerufenen „Internationalen Kongress für die Verteidigung der Kultur“ nahmen 1935 in Paris so unterschiedliche Autoren wie André Gide, André Malraux, Louis Aragon, George Bernard Shaw, Stephen Spender und John Steinbeck teil. Im März 1949 kam es auf einer ebenfalls sowjetisch gesponserten Konferenz im New Yorker „Waldorf Astoria“-Hotel zu einem offenen Schlagabtausch zwischen pro- und anti-sowjetisch orientierten Intellektuellen. Im Weißen Haus setzte sich der Eindruck fest, dass der Kalte Krieg in den Köpfen verloren zu gehen drohe. „Sie hatten die großen Wörter gestohlen“, erinnerte sich später der CIA-Agent Thomas W.Braden; Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit hätten sich damals zumal für Intellektuelle aus der Dritten Welt irgendwie kommunistisch angehört.

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