27.03.2010 · Bloß nicht verheddern: Die deutschen Zeithistoriker studieren im Rathaus Schöneberg zu Berlin zehn Bände mit den Reden Brandts und kommen den Ambivalenzen des Politikers auf die Schleuderspur. Ein Redner wagt es trotzdem, von Charisma zu sprechen.
Von Martin OttoIn keinem Gebäude übte Willy Brandt so lange ein Staatsamt aus wie im Berliner Rathaus Schöneberg. Von 1957 bis 1966 war er Regierender Bürgermeister von Berlin, von 1955 bis 1957 Präsident des Abgeordnetenhauses. Im Bonner Bundeskanzleramt verbrachte er weniger Zeit. 1992 wurde sein Sarg in der Rathaushalle aufgebahrt.
Seit der Wiedervereinigung Berlins liegt das 1911 erbaute Gebäude abseits der Touristenströme, künftig wird es noch abseitiger liegen. Die hier bislang gezeigte Ausstellung der „Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung“ hat neue Räume Unter den Linden bezogen. Man wird der Stiftung mehr Platz und Willy Brandt eine besser besuchte Ausstellung gönnen, aber der Verlust der historischen Örtlichkeit ist zu bedauern.
Immerhin hat die vom Bund getragene Stiftung dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg weiterhin ihre Präsenz zugesichert. Zum Abschluss der zehnbändigen „Berliner Ausgabe“ von Reden, Artikeln und Briefen Brandts veranstaltete man daher eine Konferenz im historischen Rathaus.
Eigentlich wollte er Forschungsminister werden
Die Edition beginnt mit einem Zeitungsartikel des noch nicht fünfzehnjährigen Herbert Frahm über ein Zeltlager der „Falken“, in dem bereits („Sicher willst Du nun auch ein Jungfalke werden“) die typische Diktion erkennbar ist, und endet mit einer Rede vor der „Sozialistischen Internationale“ 1992, die der todkranke Brandt nicht mehr halten konnte.
Wie ein im Doppelsinne roter Faden zogen sich Bezüge auf die „Berliner Ausgabe“ durch die Tagung. Abwesenheit von Kritik an dem „Jahrhundertsozialdemokraten“ (Hans-Peter Schwarz) bedeutete es nicht. Diese formulierte etwa Norbert Frei (Jena). Der Emigrant Brandt habe wenig unternommen, um die „Dignität der Emigration“ zu betonen; vielmehr habe er sich nach der verlorenen Bundestagswahl 1949 um ehemalige Nationalsozialisten bemüht und sich aus Opportunität gegen eine Kollektivschuld ausgesprochen.
Mit der ironischen Einführung „Ich bin kein Brandt-Experte, nur verwandt“ betonte dagegen der Historiker Peter Brandt (Hagen), Willy Brandts 1948 geborener Sohn, dass sich alle Parteien der frühen Bundesrepublik um die „kleinen Nazis“ bemüht hätten. Tatsächlich blickte der geschichtssensible Brandt in dieser Zeit hauptsächlich in die Zukunft. Er wünschte sich das Amt des Bundesforschungsministers, da er glaubte, als solcher die meisten Reformen verwirklichen zu können.
„Was ist eigentlich aus den Rahmenrichtlinien geworden?“
„Wir schaffen das moderne Deutschland“, plakatierte die SPD im Wahlkampf 1969. Viele Reformer gingen von einem heute kaum vorstellbaren Vertrauen in die Möglichkeiten der Technik und Planung aus. Vorsichtige Distanz war bei Gabriele Metzler (Berlin) zu hören, wenn sie das Versprechen von Brandts Kanzleramtsminister Horst Ehmke „etwas großspurig“ nannte: „Kinder, jetzt bekommt ihr eine Regierung, die habt ihr gar nicht verdient!“
Einige Jahre und eine Ölkrise später war die Stimmung ernüchtert; der ohnehin skeptische Brandt bemerkte: „Wir hatten uns schlicht zu viel vorgenommen.“ Axel Schildt (Hamburg) berichtete von sozialliberalen Reformplänen, darunter dem nach dem Bundesverkehrsminister benannten „Leberplan“, einem Kontrastprogramm zu umweltpolitischen Gehversuchen Brandts, der ein westdeutsches Autobahnnetz von 19 000 Kilometern vorsah; nicht einmal die Hälfte wurde bis zur Wiedervereinigung gebaut.
Nicht alle Reformen scheint Brandt aus der Nähe verfolgt zu haben. Heinrich August Winkler (Berlin) berichtete von seinem einzigen Gespräch mit Brandt, in dem ihn dieser 1979 fragte: „Sagen Sie einmal, was ist eigentlich aus den hessischen Rahmenrichtlinien geworden?“ Die hessischen Genossen hatten diese Totalreform des Geschichtsunterrichts bereits 1973 zu großen Teilen fallenlassen. Schildt betonte die Kontinuität zur ersten Großen Koalition; auch Ludwig Erhards „formierte Gesellschaft“ weise zahlreiche Parallelen zu Vorstellungen Brandts auf.
Brandt in Erfurt, Kohl in Dresden
So viel Lob für das Kabinett Kiesinger/Brandt, das für wesentliche Reformen die Voraussetzungen geschaffen habe, verwirrte Helga Grebing, die wegen dieser Regierung „zum einzigen Mal in meinem Leben“ aus der SPD hatte austreten wollen. Für die polarisierende „Willy-Wahl“ 1972 diagnostizierte Hans Günther Hockerts (München) „Integration durch Politisierung“. 99,1 Prozent der Wähler wählten bei einer Wahlbeteiligung von 91,1 Prozent die staatstragenden Parteien SPD, CDU, CSU und FDP.
Brandt hatte die Wahl auch zu einer Abstimmung über seine Ostpolitik gemacht. Eckart Conze (Marburg) warnte vor einer simplen Teleologie mit der Wiedervereinigung als 1990 tatsächlich erreichtem Ziel. Erich Honecker habe 1986 die Ostpolitik Brandts als Stärkung der DDR interpretiert. Bei Brandt dürfe nicht der Visionär gegen den Realisten ausgespielt werden; er habe die Ostpolitik immer als deutsche Interessenpolitik verstanden und als Mittel zu einer Transformation der DDR. Die Figur von Willy Brandt im Erfurter Hotelfenster 1970 sei in aller Emotionalität und Hilflosigkeit symbolisch für den Umgang der Westdeutschen mit der DDR; ein Gegenbild dazu sei Helmut Kohl 1989 vor der Dresdner Frauenkirche.
Vom zwiespältigen Bild Brandts in der DDR berichtete Christoph Kleßmann (Potsdam). Geschmacklose Angriffe des Chefkommentators des DDR-Fernsehens, Karl-Eduard von Schnitzler, der auch, insoweit christdemokratischen Wahlkämpfern nicht unähnlich, auf Brandts uneheliche Geburt unter dem Namen Frahm anspielte, dürften in ihrer Wirkung auf die DDR-Bevölkerung nicht unterschätzt werden.
Die Reaktion auf einen Brief von Günter Grass
Die Angst der DDR-Führung wurde manifest bei einer Fahrt des Bundeskanzlers mit dem Interzonenzug. Dreiunddreißig Stasi-Mitarbeiter bewachten die Notbremsen, um einen Halt in der DDR zu verhindern, tausend Transportpolizisten waren für alle Fälle im Einsatz. Walter Ulbricht soll sich positiv über die Ostpolitik geäußert haben; „was will Walter?“, notierte daraufhin sein späterer Nachfolger Erich Honecker.
Ambivalent war Brandts Rolle auch in Polen; bei seinen Reisen in die Volksrepublik vermied er Kontakte zu Oppositionellen, insbesondere zur unabhängigen Gewerkschaft „Solidarnosc“. Mit den nicaraguanischen Sandinisten hatte Brandt als Vorsitzender der „Sozialistischen Internationale“ dagegen, wie Bernd Rother (Berlin) darlegte, weniger Berührungsängste, übrigens zum Ärger der Brandt besonders verbundenen portugiesischen Genossen.
Doch 1989 warnte Brandt seine Partei in einer für ihn „typischen“ (Bernd Faulenbach, Bochum) Wendung davor, sich deutschlandpolitisch zu „verheddern“. Die Zweistaatlichkeit sei kein Dogma. So eindeutig wie zur deutschen Nation, einer großen Konstante seines politischen Lebens, bezog Brandt, der die Sprache mit äußerster Sorgfalt einsetzte, nicht immer Stellung; viele Referenten betonten die „Offenheit“ seiner Schriften. Vielleicht wollten einige Referenten aus verständlicher Sympathie Brandt zu jemandem machen, der er nie sein wollte, einem intellektuellen Theoretiker des „demokratischen Sozialismus“.
Brandts Verhältnis zu den Intellektuellen beruhte nicht immer auf Gegenseitigkeit; „dieser oberlehrerhafte Klugsch . . .“, notierte Brandt, wie Axel Schildt berichtete, nach Lektüre eines längeren Briefes von Günter Grass. Unbestritten hat Brandt auf unzählige Menschen durch seine Persönlichkeit nachhaltig gewirkt. Doch nur Martin Sabrow (Potsdam) wagte es, in seinem Schlussvortrag zu Methodenproblemen der historischen Biographie den Begriff Charisma in Verbindung mit Brandt zu gebrauchen.