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Attentat von Nizza : Die Bilder brennen sich ein

Entsetzen in der Stadt des digitalen Dschihad Bild: afp

Dass Nizza zum Zielort des Terrors wurde, ist kein Zufall. Die französische Küstenstadt ist der Geburtsort des digitalen Dschihads. Von hier aus wurde der Islamismus in die sozialen Netzwerke getragen.

          Am Morgen nach dem Massaker in Nizza ist den Franzosen, mit denen man spricht, vor allem Madigkeit anzuhören, ein Hauch von Überdruss. Gerade hatten sie geglaubt, einige gefährliche Wochen überstanden zu haben: Vor dem Fastenmonat Ramadan, der jüngst zu Ende ging, hatte ein Sprecher des „Islamischen Staates“ im Internet seine Anhänger dazu aufgerufen, den Ramadan „überall“ auf der Welt und vor allem und ausdrücklich in Europa und Amerika zu einem „Monat der Leiden für die Ungläubigen“ zu machen. Auch die Fußball-Europameisterschaft war einer besonderen Bedrohung ausgesetzt. Die vorerst letzte Klippe stellte der 14. Juli dar, der französische Nationalfeiertag, an dem Präsident Hollande den seit acht Monaten dauernden Ausnahmezustand für beendet erklären wollte.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Viel spricht dafür, dass der Tag des Attentats von Nizza als Symbol genauso gezielt gewählt worden ist wie die Art des neuerlichen Anschlags. Denn mit dem Lastwagen, der in eine Menschenmenge rast, wird eine neue Form des Bedrohungsgefühls in den Alltag getragen. „Wer immer jetzt einen Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit auf der Straße sieht, wird an Nizza denken“, sagt Hugo Micheron, Dschihadismusforscher an der französischen Elitehochschule Sciences Po.

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          Ihn überrascht nicht, dass der dritte Terrorakt, den Frankreich trotz erhöhter Sicherheitsmaßnahmen innerhalb von nur anderthalb Jahren verkraften muss, nicht in Paris, sondern in Nizza stattfand. Die Stadt am Mittelmeer gilt, neben dem Großraum Paris, als Hochburg islamistischer Kreise. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl sind von dort fast ebenso viele Dschihadisten in den Krieg nach Syrien und den Irak gezogen wie aus dem Département Seine-Saint-Denis.

          Berührungsängste zwischen den Bevölkerungsgruppen

          Micheron, der in Nizza geforscht hat, macht dafür einerseits das „Fehlen von Vermittlern“ verantwortlich, das er beobachtet haben will. Die touristische Fassade, für die seit je die Promenade des Anglais ein beliebtes Motiv liefert, verdecke nach wie vor, dass es extrem abgehängte Viertel gebe, in denen sich ein „Gefühl des Eingeschlossenseins“ unter den Bewohnern entwickelt habe. Dass die Region Provence-Alpes-Cotes d’Azur bei den Wahlen im vergangenen Jahr zu jenen sechs Regionen gehörte, in denen der Kandidat (in diesem Fall die Kandidatin Marion Maréchal-Le Pen) des Front National, also der extremen Rechten, den ersten Wahlgang gewann, weist von der anderen Seite des gesellschaftlichen Spektrums darauf hin, wie groß die Berührungsängste zwischen den Bevölkerungsgruppen sein dürften.

          Andererseits gibt es auch innerhalb der islamistischen Szene Nizzas Besonderheiten, die dazu geführt haben, dass sie mehr als andere von sich reden macht. Der Soziologe Gilles Kepel etwa sieht in Nizza eine Art Geburtsstätte der digitalen Propaganda französischer Dschihadisten. Dort lebte der aus dem Senegal stammende Omar Omsen, der für mehrere Videos verantwortlich ist, die den Islamismus in den vergangenen Jahren mit großem Erfolg in die sozialen Netzwerke getragen haben.

          Charismatischer Mörder

          Diese Videos, die unter dem Titel „19 HH, L’histoire de l’humanité“ kursieren, lieferten so etwas wie die Gründungsgeschichte des französischen Dschihadismus. Sie bestehen meist aus professionell geschnittenen Sequenzen, die Fernsehdiskussionen, Nachrichtensendungen, aber auch Spielfilmen und Dokumentationen entnommen sind. Sie verbinden ein Misstrauen gegenüber den klassischen Medien mit dem Vorwurf der Islamfeindlichkeit an die französische Gesellschaft: Muslime in Frankreich, so die wiederkehrende, grundlegende These, erlitten dasselbe Schicksal wie die Palästinenser im Nahen Osten. Ursächlich für dieses Übel seien neben der zionistischen Unterwanderung der Medien der französische Laizismus und der Glaube an die Evolutionstheorie - denn dieser habe zu Degenerationen wie etwa der „Ehe für alle“ geführt.

          Gilles Kepel beschreibt Omar Omsen in seinem Buch „Terreur dans l’Hexagone“, das demnächst auf Deutsch erscheint, als charismatischen Mann. 2015 soll er in Syrien getötet worden sein. Von seiner Reise dorthin, die ihn erst nach Tunesien führte und dann mit dem Boot über das Mittelmeer, stammte sein letztes Video. Es ist, wie die anderen, von Zehntausenden gesehen worden und hat nicht nur Omsens Wirkraum von Nizza aus über das ganze Land erweitert.

          Quelle: F.A.Z.

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