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Dienstag, 14. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Beweislast liegt bei Ihnen!

17.07.2008 ·  Der Hirnforscher Wolf Singer ist des Argumentierens müde. Wenn der Philosoph Peter Janich immer noch Zweifel habe, dass die Hirnforschung die menschliche Geistestätigkeit restlos erklären könne, dann solle er doch in sein Labor kommen. Er würde ihn dann im Selbstexperiment schon davon überzeugen.

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Lieber Herr Kollege Janich,

etwas ermüdet von der Lektüre immer gleicher Behauptungen über angeblich unzulässige Schlussfolgerungen aus neurobiologischen Erkenntnissen, schlage ich vor, den fruchtlosen Austausch von Argumenten, vor allem solcher, die ohne polemische Untertöne kaum vernommen würden, durch ein gemeinsam konzipiertes und gemeinsam durchgeführtes Experiment zu ersetzen. Da Ihre Annahmen denen zu widersprechen scheinen, die von der großen Mehrheit der Hirnforscher für vernünftig, wenn nicht gar für bewiesen gehalten werden, liegt die Beweislast bei Ihnen. Bitte schlagen Sie ein Experiment vor, mit dem die These falsifiziert werden kann, dass alle mentalen („geistigen“) Phänomene auf neuronalen Prozessen beruhen und folglich diesen nach- und nicht vorgängig sind.

Ich denke, wir meinen mit „geistig“ dabei weder die sozialen Realitäten, die sich der kulturellen Evolution verdanken, noch die aus sozialen Interaktionen resultierenden Einflüsse auf unser Verhalten. Hier handelt es sich zwar um „immaterielle“, wenn Sie wollen „geistige“, Faktoren, die als Kulturleistungen unsere Umwelt prägen und damit Selbstwahrnehmung, Befindlichkeit, moralisches Urteilen, Entscheiden und Handeln nachhaltig beeinflussen, aber diese Faktoren haben den gleichen Status wie alle anderen Signale aus der Umwelt. Sie prägen als epigenetische Einflüsse die Entwicklung unserer Gehirne, weshalb diese sich im ausgereiften Stadium deutlich von denen der genetisch kaum verschiedenen Steinzeitmenschen unterscheiden, und sie beeinflussen als Inhalte gespeicherten Vorwissens und als stets vorhandener Kontext jedwedes Geschehen in unseren Gehirnen. Die Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass diese Einflüsse im Gehirn des Einzelnen durch Prägung und Lernvorgänge Verschaltungsänderungen bewirkt haben und/oder im aktuellen Kontext als interpretierbare Sinnessignale zur Verfügung stehen.

Wenn Sie solche Einflüsse als „geistige“ verstehen wollen, dann brauchen wir das Experiment nicht, denn dann sind wir uns einig. Wenn Sie mit geistig jedoch einen immateriellen Agenten meinen, dessen Gedanken und Entscheidungen neuronale Prozesse im eigenen Gehirn anstoßen, damit sie mitteilbar und wirksam werden, dann brauchen wir das Experiment. Ich bin gespannt auf Ihre Antwort, und falls wir das Experiment brauchen, auf den Ansatz. Wir können den Zugang zu allen derzeit verfügbaren, nichtinvasiven Methoden zur Darstellung von Hirnaktivität garantieren, und da jeder Mensch über die Fähigkeit verfügt, einen „geistigen“ Vorgang zu initiieren, sollte es keinen Mangel an Probanden geben. Besonders freuen würden wir uns natürlich, wenn Sie sich selbst als Proband zur Verfügung stellten, damit gesichert ist, dass die unabhängige Variable des „Geistigen“ in Ihrem Sinne parametrisiert werden kann. Um die Erfassung der neuronalen Aktivitätsmuster würden wir uns dann mit größter Sorgfalt selbst kümmern.

Mit freundlichen Grüßen erwartet Ihre Antwort,

Wolf Singer

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Von Gerhard Stadelmaier

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