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Veröffentlicht: 20.08.2014, 12:55 Uhr

Die Barbarei der Dschihadisten Im Namen des Schwertes

Argumentieren zwecklos: Die Dschihadisten des „Islamischen Staats“ schalten alle Beschränkungen aus, die wir im Laufe des Zivilisationsprozesses verinnerlicht haben. Der Kampf erlaubt ihnen, sich ganz ihren Trieben hinzugeben.

von Leon de Winter
© AP Aufmarsch von IS-Kämpfern in der syrischen Stadt Rakka

Andrej Tarkowskis „Andrej Rubljow“ gehört zu den Meisterwerken des Kinos. Erzählt wird darin die wahre Lebensgeschichte eines genialen Ikonenmalers und Priesters. Der Film spielt im Russland des fünfzehnten Jahrhunderts. In einer Szene überfallen Tataren die Stadt Wladimir. Sie schlachten alles ab, was ihnen über den Weg läuft. Sie töten, verstümmeln, vergewaltigen, stehlen. Meisterhaft zeigt Tarkowski, mit welchen Gefühlen diese asiatischen Horden dabei vorgehen - sie töten mit großer Lust.

Wenn die Mörder in Nahaufnahme gezeigt werden, sehen wir entsetzt die glühende Begeisterung in ihren Gesichtern. Diese Männer haben alle zivilisatorischen Hemmungen abgelegt, können ihren primitivsten Bedürfnissen und Impulsen nachgeben. Sie haben die ultimative Befreiung erreicht. Weil sie völlig gefühllos sind und andere Menschen auf Objekte von Lust und Unterwerfung reduzieren, haben sie den Zenit ihrer sexuellen Potenz erreicht und können sich ganz offen wie Bestien aufführen.

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Die aktuellen Fernsehbilder und die Dschihadistenvideos auf Youtube erinnern mich an diese Szene, eine der eindrucksvollsten in der Geschichte des Films. Wenn wir uns fragen, wie die Beduinen der Arabischen Halbinsel im siebten Jahrhundert oder die Mongolen im dreizehnten Jahrhundert die Welt eroberten und plünderten - der „Islamische Staat“ (IS) zeigt uns, wie sie vorgingen. Getrieben wurden sie vom wilden Bedürfnis, alles zu zerstören und zu erobern, wonach ihnen der Sinn stand.

Der erlösende Dschihad

Moderne reguläre Armeen müssen die destruktiven Energien junger Männer disziplinieren und in organisierte Bahnen lenken. Die Bestimmungen des Kriegsrechts sind zu beachten, man darf nicht unnötig brutal vorgehen, die Kommandeure müssen sich über die Verhältnismäßigkeit der Mittel im Klaren sein und Kollateralschäden vermeiden. Um all diese Dinge brauchen sich die Kämpfer des „Islamischen Staats“ nicht zu scheren. Indem sie sich dem Dschihad verschreiben, werfen sie die Fesseln zivilisierten Verhaltens ab. Wir sehen das befriedigte Antlitz unverhüllter Barbarei.

Wer vom Dschihad besessen ist, hat bemerkenswerte Macht. Er kann in orgiastischem Fieber vergewaltigen, töten und Beute machen. Dank der Gehirnwäsche, die er unterlaufen hat, weiß er dieses Vorgehen von seiner Religion legitimiert. Und wenn er stirbt, kommt er direkt in den Himmel, wo zweiundsiebzig Jungfrauen nur darauf warten, ihm in aller Ewigkeit zu Diensten zu sein. Die IS-Kämpfer verkörpern all das, was im Laufe der Zivilisation kanalisiert wurde: die sexuellen und destruktiven Energien junger Männer. Der Dschihad kann, wie wir jetzt sehen, diesen Prozess umkehren und die Energien und Bedürfnisse, die junge Männer in einer zivilisierten Gesellschaft unterdrücken müssen, neu fokussieren.

Leon de Winter © dpa Vergrößern Leon de Winter

In der heutigen westlichen Welt wird schon im Kindergarten jede Form von Aggression unmittelbar sanktioniert. Unsere Söhne müssen wie friedfertige Mädchen heranwachsen und können ihre (sexuelle) Energie nur im Sport und bei aggressiven Computerspielen ausagieren, bei denen sie Tag für Tag Dutzende virtueller Feinde töten. Der Dschihad erlöst junge Männer von diesen Beschränkungen, und ebendeswegen ist er auch im Westen für junge Männer so attraktiv.

Kein Respekt vor der Würde anderer

Statt vor dem Bildschirm zu sitzen, können sie ihre Phantasien in der Realität ausleben, in Echtzeit, auf einem realen Kriegsschauplatz, unter dem Banner eines göttlichen Auftrags. Statt Sublimierung die ungehinderte Herrschaft des Rohen, die es ihnen erlaubt, zu erobern, zu töten, zu zerstören, zu vergewaltigen. Der Dschihad ermöglicht es dem Gläubigen, sich ganz seiner Ekstase hinzugeben. Der sogenannte Ungläubige ist nur mehr ein Objekt, mit dem der Dschihadist nach Lust und Laune verfahren kann.

Mit Dschihadisten kann man nicht debattieren, und darum machen sie uns Angst. Sie sprechen von ihrem göttlichen Auftrag - der Errichtung eines weltweiten Kalifats -, aber ihre Mittel gehen weit über dieses Ziel hinaus. Ihre Praxis leugnet die Menschlichkeit des anderen und erlaubt den ultimativen Sieg des Täters über das Opfer, des Gläubigen über den Ungläubigen, des Mannes über die Frau, des Herrn über den Sklaven. Das Opfer ist völlig rechtlos - es kann nur auf Gnade hoffen, die demütigende Geste des allmächtigen Siegers. Solche Gnade kann es in bestimmten Fällen geben, wenn das Opfer zum Islam konvertiert; was einer seelischen Vergewaltigung gleichkommt.

Heutzutage erscheinen diese Horden nicht zu Pferde, sondern in Geländewagen und mit Granatwerfern, aber noch immer bebt die Erde, wenn sie kommen. Sie hissen schwarze Fahnen und lieben den Tod mehr als das Leben; aber erst, nachdem sie vom Fleisch unterjochter Frauen gekostet haben. Sie sprengen Statuen, Kirchen, alles, was ihnen in die Hände fällt: Die Würde des anderen wird nicht respektiert.

Moralische Forderungen sind unpassend

Ihre Motive entziehen sich unserem Verständnis. Junge Männer mit soliden Zukunftschancen schließen sich ihnen an. Sie lassen Ausbildung und Ehe sausen, um in einem Krieg zu kämpfen, in dem die Enthauptung des Opfers, also seine ultimative Demütigung, zum Initiationsritual wird. Junge Männer, die das Schwert schwingen, keine Zweifel mehr kennen, kein Mitleid, kein Zögern, befreien sich auf diese Weise von ihren letzten Hemmungen. Dutzende von dschihadistischen Videos liefern den Beweis für dieses brutale steinzeitliche Ritual.

Die Umstehenden, die diesen entscheidenden, alle Grenzen überwindenden Moment miterleben, sind nervös, weil der Killer nicht immer sicher ist und seine Hand vielleicht noch zittert. Sie rufen „Allahu akbar“, um ihn darin zu bestärken, dass er den letzten Rest an Zweifeln, die vielleicht noch in ihm sind, endgültig über Bord wirft. Er führt das Messer und macht aus dem Gefangenen ein geschlachtetes Tier. Von nun an ist er durch nichts mehr an eine moralische Welt gebunden. Er kann jetzt töten und Befriedigung darin finden, und seine Gefährten respektieren ihn. Er hat die Fesseln der Zivilisation gesprengt.

Der englische Philosoph, Schriftsteller und Kulturkritiker George Steiner hat einmal bemerkt, dass die Juden gehasst werden, weil sie das Gewissen und das Ideal einer moralischen und ethischen Vervollkommnung erfunden haben. Die Menschheit hasst sie dafür, weil sie immer wieder versucht, diese moralischen Forderungen zu erfüllen, aber immer aufs Neue scheitert. Sie scheitert, weil niemand diesen hohen moralischen Geboten gerecht werden kann. Der islamische Dschihad umgeht dieses existentielle Problem.

Die ultimativen Kämpfer

Er erlaubt den Gläubigen, die Stimme der Vernunft und des Gewissens abzuschalten. Sie können nunmehr rohe sexuelle Gewalt ausüben. Die Stimme der Horden ist die Stimme orgiastischer Lust. Diese Horden schlachten Männer und Jungen ab und machen Mädchen und Frauen zu Sexsklavinnen. Die Menschen sind wieder so schutzlos, wie sie es Zehntausende von Jahren waren, bevor wir das Menschenopfer abschafften und mit dem langsamen und schmerzhaften Prozess begannen, unsere grausame Natur zu überwinden.

Der Dschihad hat so viel Macht, weil er die mühsam errungenen Beschränkungen ausschalten kann, die wir im Laufe des Zivilisationsprozesses verinnerlicht haben. Der Dschihad bringt der Welt den ultimativen Kämpfer, der keinerlei Schranken mehr kennt. Diese Leute brauchen kein politisches oder religiöses Programm. Ihre Triebkraft ist keine soziale oder ökonomische Benachteiligung. Ihre absurde Vorstellung eines weltumspannenden Kalifats ist ebenso ein Vorwand wie all die anderen unsinnigen Ideen, die die Tötung von Ungläubigen verlangen, damit ein Paradies der reinen Gläubigen entstehen kann. Nein, es geht nur um den Wunsch, zu vergewaltigen und zu zerstören. Unsere Kultur hat einen Namen dafür: das Böse.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Glosse

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