Wollen Sie Geld anlegen? Kaufen Sie Gold! Am besten ganz viel Gold. Für eine Feinunze - das sind schlappe 31 Gramm - müssen Sie im Moment gerade mal 1600 Dollar hinlegen. Ein kleidsamer Goldbarren fürs Badezimmer oder als Einschlafhilfe unterm Kopfkissen kostet um die vierzigtausend Euro und sieht auch noch hübsch aus. Wem das immer noch zu billig ist, der kauft am besten Kunst.
Da sind die Preise nach oben offen. Ganz viel Kunst und ganz viel Gold zusammen gibt es im Moment im Wiener Belvedere zu bestaunen. Hier gibt es keine gestapelten, von bewaffneten Wächtern gehüteten Blöcke und Münzen, sondern massenhaft Kunstwerke. Aus, mit, hinter, ums: Gold.
Da fühlt man sich im Museum ausnahmsweise einmal wie unter feinen Leuten. Sogar der Katalog - spezifisches Gewicht gefühlte siebentausend Unzen - kommt naturgemäß mit Goldschnitt daher. Wenn Kunst tatsächlich als Barometer für Ängste und Sehnsüchte herhalten kann, dann ist diese Sehnsuchtsausstellung bis zum nächsten Weltspartag ein echter Hotspot.
Und wie angenehm dieses sanfte, tiefgründige Leuchten an den Wänden. Der Mensch wird von dieser Goldfarbe magisch angezogen. Warum sonst die zahllosen güldenen Preziosen in den Gräbern der Ur- und Frühgeschichte? Warum wollten unsere Ahnen hinter Goldmasken und mit fetten Geldketten ins Jenseits einziehen?
Schönes Dauerfunkeln
Das ist eine der wenigen Konstanten unserer Libido. Der edel schimmernde Goldgrund verleiht einem 1902 sonst recht simpel angepflanzten Japangarten von Emil Orlik gleich die passende Aura. Genau wie dem arg konventionellen „Römischen Herbstfest“ von Gustav Seyfferth mit allerlei Blumenzier und Gemüse. In Gold wirkt so was gleich viel feierlicher.
Wenn Künstler Gold ins Bild rückten, dann setzten sie pfeilgerade auf die mystische, die religiöse Karte. Malerei kriegt dann wie bei Imi Knoebels schräger Blattgoldplattentektonik etwas von Gottesdienst. Das hat sich Knoebel vom niederrheinischen Goldschmiedemeister Beuys abgeguckt, der sogar kleine Goldhasen zu Kultfigürchen goss - eine Idee, die sich heute massenhaft in der Schoko-Osterhasenproduktion durchgesetzt hat. Beuys ist in der Ausstellung nicht vertreten. Dafür aber der große Yves Klein, der um 1960 hübsch rauhe Blattgoldoberflächen als Alternativen zum Himmelblau monochromierte: entweder der bestirnte Himmel über uns oder der Goldhimmel in unserem Portemonnaie als Fahrstuhl ins Metaphysische.
Einmal in der Welt, findet solche Optik bis heute massenhaft Epigonen: Monogoldbilder in allzeit ähnlicher Gestalt können wir aus der Hand von Yoko Grandsagne, Marcello Jori, Winfried Muthesius und Walter Schnabl bestaunen. Das sind vielleicht nicht gerade die Namen, die sich der Kunstfreund fürs Leben merken muss, aber schön ist das abbildlose Dauerfunkeln allemal.
Mit keiner Farbe lässt sich so schön Stimmung machen wie mit dem auf null Komma null null null eins Millimeter zusammengehämmerten Blattgold. Darum stoßen wir ohne große Überraschung notgedrungen auf einen goldenen Einbaum (Karl Manfred Rennertz), ein güldenes Modell des New Yorker Guggenheim-Museums (Richard Hamilton) und unweigerlich irgendwann auch auf zwei christlich-goldene Kreuze von Jan Fabre und Gerhard Richter, der als notorischer Millionensassa diese Goldgrube nicht nur den Kollegen überlassen wollte.
Schwer kitschig kommt die Abteilung mit goldgrundierten Landschaften oder Stillleben daher. Das mag daran liegen, dass mancher Maler sich allzu tief in die mittelalterliche Frömmigkeit hineingeträumt hat, ohne selber fromm zu sein. Darum wirken Patricia Mirandas toskanische Rumpfveduten im Stil des Trecento, Michael Bergts rundum vergoldete Mythologien oder die kunterbunten Konsumlandschaften des Milan Kunc fast schon ketzerisch. Unweigerlich fallen einem die goldenen Worte Robert Gernhardts ein: „Werd ich nicht nach Tarif bezahlt, wird ab sofort naiv gemalt.“ Die konsequentesten Vergoldungskünstler widmen sich ohnehin dem Hauptaspekt aller Malerei: dem richtigen Rahmen. Da gehört Gold zur Grundausstattung. Josef Kern schnitzt seinen opulenten Riesenrahmen mit allerhand Narreteibildern gleich selbst, wie das nicht einmal die vielbegabten Albrecht Dürer oder Leonardo konnten. Bei Nedko Solakov ranken und sprießen die Rahmen wie überdüngte Salatkresse in den Raum und überwuchern schließlich alles.
Die Lüge des Goldenen Zeitalters
Christian Eckart, ein Kanadier mit Hang zur Mystik und einem vom größten Mystikermeister abgeleiteten Künstlernamen, reicht die Leere eines kreuzförmigen Goldrahmens, um zu verkünden: Wenn Gott verreist ist und alles Wissen leer, so kann man immerhin noch das güldene Drumherum verscherbeln. Ist der schönste Rahmen nicht ohnehin der Krügerrand? Und bei Kolkoz schließt sich das Viereck dann komplett: Ein Rahmen in einem Rahmen in einem Rahmen, bis nicht einmal mehr ein Blattgoldfetzchen dazwischenpasst: Das Medium ist die Botschaft.
Oder will uns der gebogene Leerrahmen von Jan Maarten Voskuil, wollen uns Sylvie Fleurys güldene Gucci-Handschellen, will uns gar ihr vollgoldener Papierkorb die immer gleiche Geschichte andrehen, dass man hienieden nicht zu sehr am Materiellen hängen soll? Alles eitel? Ist nicht schon der alte König Midas an seinem Reichtum erstickt? Das mag ja sein - doch gegen solche teure Vanitasnörgelei, die schon manch teure Vernissage verhagelt hat, loben wir uns den Geschäftssinn der alten venezianischen Kaufleute. Die bestellten bei Giandomenico Tiepolo ein Huldigungsbild auf die politischen Ämter ihrer Ahnen und ließen dieselben komplett gülden auspinseln. Das war doppelt schlau, denn so log die Kunst von einem Goldenen Zeitalter. Und wenn die Geschäfte mal schlechter gingen, konnte man die funkelnden Schinken immer noch mit Gewinn am Materialwert verkaufen.
Die von Thomas Zaunschirm mit dem Blick eines Edelmetallanlageberaters kundig zusammengestellte Ausstellung macht mit solchen klugen Sammlerstrategien fast schon der Deutschen Bank Konkurrenz. Die nennt immer mehr Gold in allen Formen und Feinheitsgraden ihr Eigen. Und plant darum, wie man hört, in den Fußstapfen des Erzbänkers Onkel Dagobert einen eigenen Goldspeicher irgendwo im bombenfest gesicherten Untergrund von London: das Fort Knox jedes nervösen Geldbesitzers, der von Eurodrachmen und diesem schäbigen grünen Papier aus Amerika die Nase endgültig voll hat.
Vielleicht sollte Josef Ackermann als eine seiner letzten Amtshandlungen darum die Wiener Schau en bloc, sozusagen als gewaltigen Kunstbarren, für sein Lagerhaus ankaufen. Beim derzeitigen Kunstunzenpreis, der in Zukunft nur noch rasant ins Himmlische steigen kann, wäre das doch ein schönes Geschäft.
Farben – ein ideales Manipulationsinstrument
Florian Adler (Florianadler)
- 26.03.2012, 18:23 Uhr