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Kommentar : Unbayerische Umtriebe

Man schaut am liebsten „Fastnacht in Franken“, Auf dem Nockherberg“ und „O’zapft is“, weil man dort sehen kann, wie toll es ist, Bayer zu sein. Bild: dpa

Dass die Alternative für Deutschland auch eine Alternative für Bayern werden will, passt den Christsozialen gar nicht. Pünktlich zur Absegnung des umstrittenen Polizeiaufgabengesetzes wollen sie die AfD „stellen“.

          In der Münchner Staatskanzlei, in der CSU-Zentrale und im Heimatministerium in Berlin laufen die Planungen unter Hochdruck – ob es noch vor der bayerischen Landtagswahl zur Einrichtung eines Komitees für unbayerische Umtriebe kommt? Wenn ja, werden ihm zunächst die Herren Seehofer, Söder, Dobrindt, Herrmann und Blume angehören, Dirndlträgerinnen können nachnominiert werden. Es geht gegen den Erzfeind, die Alternative für Deutschland, die behauptet, eine Alternative für Bayern werden zu können. Das mag die Staatspartei gar nicht, und verschärft die Tonart zum großen Halali. Hatte nicht Gauland zur Jagd auf die Kanzlerin geblasen? Nun keilen die Christsozialen zurück, sie wollten die AfD „stellen“. Ob das schon im neuen Polizeiaufgabengesetz verankert ist, das heute abgesegnet werden soll und gegen das neulich 30.000 Bürger demonstrierten, die sich hinterher vom Innenminister als „unbedarft“ vorführen lassen mussten?

          Am liebsten beschäftigt sich der Bayer mit sich selbst

          Kann es sein, dass die CSU, die in Tateinheit mit dem FC Bayern und begleitet von Dauerwerbesendungen des Bayerischen Fernsehens, ihrer eigenen Reklame aufgesessen ist? Dass sie im Lauf der Jahrzehnte ein bisschen viel FCSU-Trachtenbayern inszeniert hat? Das Ergebnis dieser politischen „Dahoam is Dohoam“-Strategie: Am liebsten beschäftigt sich der Bayer nur noch mit sich selbst. Man ist auch deswegen FC-Bayern-Fan, weil man, um es bairisch zu sagen, „praktisch“ fast immer gewinnt. Man schaut am liebsten „Fastnacht in Franken“, Auf dem Nockherberg“ und „O’zapft is“, weil man dort sehen kann, wie toll es ist, Bayer zu sein.

          Dass dazu früher neben dem täglichen Grant auf alles und jeden auch eine störrische Distanz zur Obrigkeit gehörte, diese Eigenschaften hat man im Wahlvolk weichgespült. Aber wenn es dem Muli zu wohl wird, geht es Eisstockschießen, ohne die Folgen zu bedenken, die seine neue Liebe für rechte Parolen womöglich nach sich zieht. Hundert Jahre nach der Revolution wäre es tatsächlich bayerisch, einmal nachzudenken, ob man das wirklich will – die CSU-Welt, die AfD-Welt?

          Wie man zu solchen Fragen eine Haltung entwickelt, konnte man am Wochenende bei Arte besichtigen, in einer Dokumentation über den Schauspieler Robert Mitchum. Der Amerikaner norwegisch-irischer Abstammung schreckte nicht vor Auseinandersetzungen zurück, und so hielt er auch vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe stand, als man ihn aufforderte, kommunistische Kollegen zu denunzieren. Mitchum verweigerte den Mitgliedern des Ausschusses die Aussage mit der Begründung, er rede nicht mit Menschen, mit denen er nicht auch einen trinken gehen würde. Solche Bayern braucht das Land.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

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