Wir denken Politiker gerne als Akteure, deren Handlungen und Unterlassungen wir kommentieren und am Wahltag sanktionieren, aber unsere Beziehung zu ihnen ist weit komplexer, sie rührt tief an unser Zeitempfinden und führt zurück zu den Wurzeln des Erzählens. Es gibt keine Objektivität in der Beurteilung politischer Figuren, selten müssen sie für Fehler büßen - und wenn sie lange genug leben, bedanken wir uns bei ihnen für die Erinnerungen in unseren Fotoalben. Auch wenn sie kaum etwas dafür können. Sie werden zu Symbolen einer Zeit, deren Bedeutung erst später geschrieben wird.
Helmut Schmidt war nicht schon immer der beste Kanzler aller Zeiten, vor allem damals nicht, als er noch Bundeskanzler war. Er galt damals nicht als weiser Mann, als Gelehrter und geduldiger Erklärer, sondern als Technokrat, der das Aufkommen der neuen sozialen Bewegungen verschlafen und außerdem wenig Sinn für Symbolik, Kunst und Kultur hatte. Erst heute, da die Farbgebung damaligen Filmmaterials wieder modern ist, das gemächliche Tempo der Entscheidungsfindungen und die Ausführlichkeit und Heftigkeit rauchwolkenverhangener Diskussionsrunden im Fernsehen bewundert werden, wo sogar die Brillen von damals wieder getragen werden, erst heute, in einem anderen Jahrhundert, verehren wir seine Modernität und wünschen uns regressiv die Rückkehr der Zukunft von damals. Dasselbe konnte man in Frankreich beobachten: Der Wahlsieg Hollandes ist ohne den dauernden Rekurs auf die Symbolik von Mitterrand nicht denkbar. Spätestens als Hollande während eines Besuchs im Mitterrand-Museum in dessen Geburtsstadt Jarnac sogar den Hut des Alten anprobierte, wurde klar, wessen Geist er anrief, damit er in ihn fahre. Doch die Geschichte unserer Gegenwart ist keine nostalgische Sache, sie hat mit früher nichts zu tun, sie ist ein Zukunftsprojekt.
Das Land wurde als Geisel genommen
Was in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch geschah, gleicht keinem alten Foto. Wir hatten zunächst gar kein Bild davon. Zwar wussten manche Beobachter und der Superrechner Nate Silver schon, was mit großer Wahrscheinlichkeit geschehen würde. Aber was diese Nacht bedeutet, welche neue Situation der Wahlausgang schafft und was uns das Ereignis über unsere Zeit verrät, das wird erst jetzt klar: Es war die überraschend entschlossene Ablehnung einer Politik der Aus- und Abgrenzung, einer Regierung aus reichen weißen Männern für reiche weiße Männer. Noch nie wurde ein derart deutlicher Unterschied in der demographischen Zusammensetzung der Wähler beobachtet: Die Frauen rannten den Republikanern davon, all die feinsinnigen Erörterungen von inspirierten Provinzpolitikern zu den Themen Abtreibung und Vergewaltigung waren einfach nicht zum Aushalten. Ebenso lief es beim Thema Einwanderung: Die rechten Ausgrenzungsphantasien ermüden. Es sehen nicht mehr alle so aus wie vor zwanzig Jahren, auch der Präsident nicht, und wenn er eine Rede in passablem Spanisch halten kann, geht das Land nicht unter.
In der Nacht dieser Wahl wurde ein Schalter umgelegt, all das Reden, die Warnungen der einen vor den anderen, das Bangemachen und die verdächtigenden Andeutungen, das ewige Infragestellen all derer, die anders aussehen und leben als Romney, Rove und Ryan - dieser alte, laute Chor war plötzlich jeder Wirkung beraubt.
Obwohl es sich zunächst anders anfühlte, ist Obamas Wiederwahl historisch bedeutsamer als das erste Mal. Niemand wusste das besser als die politische Gegenseite. Seit drei Jahren erklärten die Republikaner dies zum obersten politischen Ziel: die zweite Amtszeit zu verhindern. Milliarden wurden dafür aufgewendet, wichtige parlamentarische Entscheidungen aufgeschoben, das Land wurde als Geisel genommen. Es reichte völlig, dass Obama ein Gesetzesvorhaben unterstützte, damit die republikanischen Abgeordneten es ohne Abweichler und Rücksicht auf Verluste ablehnten, selbst wenn das Vorhaben aus dem republikanischen Parteiprogramm stammte.
Er holt niemanden dort ab, wo er gerade steht
Eine Amtszeit ist ein Betriebsunfall der Politik, zwei sind ein Kapitel im Geschichtsbuch. Obama ist Carter, das war in den ersten Jahren oft zu lesen, auf ihn folgt die große Reagan-Rolle rückwärts. Wo immer sich der ehemalige Vizepräsident Dick Cheney noch auf eine Bühne traute, erklärte er Obama zum „one-termer“ , als habe er, Cheney, einen tieferen Einblick in das Schicksal des Landes. Das mag manchen Wähler motiviert haben: Cheney zu zeigen, dass er es nicht besser weiß, ihn abermals zu überführen. Warum sollte er es besser wissen?
All diese dramatischen Auftritte wirrer Männer, von Clint Eastwood zu Donald Trump, haben die Entscheidung vereinfacht: Will man denen in einen immer tieferen Nebel aus Privattheorien folgen? Oder hält man es mit den Gesetzen der Logik? Es genügte schon, dass Obama ganz gewöhnliche Dinge sagte, damit man ihm den Spitznamen Mister Spock verlieh; angesichts des emotionalen Überschwangs seiner Gegner wirkte er wie der berühmte Vulkanier aus dem Raumschiff „Enterprise“.
Mit Obama ist es anders, als es in der so oft bemühten Redewendung heißt - er holt niemanden dort ab, wo er oder sie gerade stehen. Umgekehrt war es: Die Mehrheit hat sich bewegt. Gerade auch solche, die vorher nicht gewählt haben. Obama fischt keine Menschen, darum musste er Bill Clinton bitten. Wähler sind erwachsen, die sollen sich selbst überlegen, worum es geht - das war seine, die Berater und Parteioberen beunruhigende Haltung. Nachlesen konnte man das in einem langen Obama-Porträt, das der Reporter Michael Lewis für „Vanity Fair“ geschrieben hat. Es geriet zu einem Stück von unfreiwilliger Komik, weil Obama sich jeder kumpelhaften Annäherung entzog. Lewis darf mit dem Präsidenten Basketball spielen, verbringt aber die meiste Zeit allein auf der Bank, weil Obama nicht plaudern, sondern wirklich spielen möchte.
Wie der Protagonist einer komischen Vorabendserie
Lewis hatte sich dann noch ein kleines Spiel ausgedacht: Obama sollte mal annehmen er, Lewis, werde Präsident, was gäbe es da zu beachten? Lewis schreibt: „Obama zögert lange mit der Antwort. Offenbar hat er sehr große Mühe sich vorzustellen, ich könne Präsident sein.“ Die Tipps sind entsprechend brisant: Man müsse sich fit halten im Amt und nicht zu viel Zeit verlieren mit der Wahl der Anzüge am Morgen. Obama bemüht sich nicht besonders, diesen Journalisten zu gewinnen, obwohl er zu dem Zeitpunkt gute Presse wirklich nötig hat. Zu großen Spendern ist er ähnlich kühl, was schon zu kritischen Artikeln führte.
Die erste Fernsehdebatte war kein Ausrutscher, sondern typisch, er empfand es als Zumutung, um die Wähler werben zu müssen. Sollten sie doch selbst überlegen. Das Desaster dieser Debatte war seine Rettung. Nun erging es Mitt Romney wie Nicolas Sarkozy nach den Schießereien von Toulouse: Der kurze Aufschwung in den Umfragen wurde ihnen beiden zum Verhängnis. Plötzlich konnten sich die Wähler vorstellen, am Wahltag wach zu werden - und dann jahrelang das. Romney wirkte wie der Protagonist einer komischen Vorabendserie aus den frühen siebziger Jahren. In seiner Welt wähnte man alle Hecken getrimmt, die Pausenbrote der Kinder geometrisch exakt gefertigt und alle Nachbarn weiß. So ist es nicht mehr.
Obama verdankt seine zweite Amtszeit der Bereitschaft der Wähler, sich der Gegenwart zu stellen und daran zu arbeiten. Hope und Change standen vor vier Jahren am Beginn dieser Sache, übrig ist ein Arbeitsethos: Harte Arbeit an schweren Problemen, das ist ein Programm, mit der sich die Mittelklassen und solche, die es werden wollen, weltweit identifizieren können. Gerade die Obama-Wähler mit einer asiatischen oder lateinamerikanischen Familientradition, die dieses Mal entscheidend waren, messen der Arbeit einen hohen Wert zu, nicht dem Reichtum allein. In Regierung und Verwaltung sehen sie die Idee einer solidarischen und sozialen Gemeinschaft verkörpert; sie begreifen den Staat nicht als Feind. Steuern sind kein Anathema, sondern längst Alltag. Schließlich zahlen, seit das große Geld globalisiert und nervös volatil geworden ist, die sesshaften Lohn- und Gehaltsempfänger aller Länder die Infrastruktur, die Investitionen und Rettungsschirme - und zwar in weit höherem Maße als jene, die von Kapitalbesitz leben, Romneys Steuerquote von 14 Prozent ist da sogar eher hoch. Die großen amerikanischen Konzerne wie Google, Apple und Facebook zahlten in Europa ja nur zwei Prozent. Für uns 99 Prozent klang sie bedenkenswert, diese Mahnung Obamas im Wahlkampf an die amerikanischen Unternehmer und Selfmademen: Ihr habt eure Firma nicht allein gebaut. Nicht die Straßen, nicht die Ausbildung der Arbeitskräfte, nicht den Rechtsstaat, nicht das Internet. Es geht nur zusammen.
Eine intellektuelle Energiezufuhr
Obama ist vor allem darin ein Symbol der Zeit, dass er die Komplexität der Dinge nicht durch Posen oder Slogans verdeckt. Ein Satz war in dem ansonsten missglückten „Vanity Fair“-Porträt interessant: „Für das, was auf meinem Tisch landet, gibt es keine perfekte Lösung. Wenn es lösbar wäre, hätte es ja schon jemand gelöst.“ Er sagte nicht, dass er immer eine gute Lösung findet. Es ist mit Obama ein bisschen wie in jener Story von Kurt Vonnegut, in der es Wissenschaftlern endlich gelungen ist, einen Funkspruch von Außerirdischen einzufangen und zu entziffern. Der lautet dann: Keine Hilfe zu euch unterwegs.
Dass Obama ist, was man daraus macht, konnte man in seiner ersten Amtszeit im Nahen Osten studieren. Als er in Kairo eine ambitionierte und klare Rede an die muslimische Welt hielt, die nach acht Jahren George Bush nichts Gutes aus Amerika gewohnt war, wenn auch viel erhoffte, stand noch Präsident Mubarak neben ihm.
Die Rede bekam gemischte Kritiken. Der Islamwissenschaftler und Bestsellerautor Reza Aslan reagierte wütend und enttäuscht: In Jakarta hätte Obama die Rede halten sollen, es leben doch die meisten Muslime in nichtarabischen Staaten, und dann die Anwesenheit von Mubarak.
Heute liest sich die Kairoer Rede wie eine Ermutigung, eine intellektuelle Energiezufuhr für die arabischen Mittelklassen, die es auf sich nahmen, ihre Länder zu verändern. Obama hat das nicht selbst gemacht - und darin lag seine historische Leistung. Wie oft ist das auch schon gescheitert, der Versuch Amerikas, das Schicksal der Araber zu richten, aber er hat gezeigt, dass der Horizont frei ist, dass es keine westliche Konspiration gibt, sie in Unmündigkeit zu halten, und die Machthaber auf die Zustimmung ihrer Bürger angewiesen sind: Es gibt keine unsichtbaren Fäden, die Mubarak oder Ben Ali da oben halten.
Dass die folgenden Prozesse nicht linear verlaufen, dass eine Rede keine Rettung ist und die Geschichte des Nahen Ostens das Happy End erst noch üben muss, das alles ist kein Widerspruch zu Obamas Sicht der Dinge; es kennzeichnet sie vielmehr. Die Leute müssen sich bewegen, wenn sie Subjekt ihrer Geschichte werden wollen. Aus Obamas Amtszeit wurde am Dienstag eine Ära. Er wird sie nicht allein geschrieben haben.
Es kommt auf die Perspektive an
wilhelm tschol (wtschol)
- 12.11.2012, 11:55 Uhr
Rechte Ausgrenzungsphantasien ermüden auch in Europa - und wer
nicht mit der Zeit geht, ...
Closed via SSO (HHPPFF)
- 12.11.2012, 06:33 Uhr
Spielen?
Lothar Troeller (Lo.Troeller)
- 11.11.2012, 22:28 Uhr
Der Mann der wirklich spielen will?
Edda Kuhlmann (DTaggert)
- 11.11.2012, 19:00 Uhr
Republikaner verstehen die neue Zeit nicht mehr
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 11.11.2012, 16:20 Uhr