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Die Ära Obama Der Mann, der wirklich spielen will

Eine Amtszeit ist ein Unfall, zwei Amtszeiten sind ein Kapitel im Geschichtsbuch: Warum Obama ist, was wir daraus machen.

© dapd Vergrößern Man soll nicht zu viel Zeit verschwenden auf die Wahl des Anzugs am Morgen.

Wir denken Politiker gerne als Akteure, deren Handlungen und Unterlassungen wir kommentieren und am Wahltag sanktionieren, aber unsere Beziehung zu ihnen ist weit komplexer, sie rührt tief an unser Zeitempfinden und führt zurück zu den Wurzeln des Erzählens. Es gibt keine Objektivität in der Beurteilung politischer Figuren, selten müssen sie für Fehler büßen - und wenn sie lange genug leben, bedanken wir uns bei ihnen für die Erinnerungen in unseren Fotoalben. Auch wenn sie kaum etwas dafür können. Sie werden zu Symbolen einer Zeit, deren Bedeutung erst später geschrieben wird.

Helmut Schmidt war nicht schon immer der beste Kanzler aller Zeiten, vor allem damals nicht, als er noch Bundeskanzler war. Er galt damals nicht als weiser Mann, als Gelehrter und geduldiger Erklärer, sondern als Technokrat, der das Aufkommen der neuen sozialen Bewegungen verschlafen und außerdem wenig Sinn für Symbolik, Kunst und Kultur hatte. Erst heute, da die Farbgebung damaligen Filmmaterials wieder modern ist, das gemächliche Tempo der Entscheidungsfindungen und die Ausführlichkeit und Heftigkeit rauchwolkenverhangener Diskussionsrunden im Fernsehen bewundert werden, wo sogar die Brillen von damals wieder getragen werden, erst heute, in einem anderen Jahrhundert, verehren wir seine Modernität und wünschen uns regressiv die Rückkehr der Zukunft von damals. Dasselbe konnte man in Frankreich beobachten: Der Wahlsieg Hollandes ist ohne den dauernden Rekurs auf die Symbolik von Mitterrand nicht denkbar. Spätestens als Hollande während eines Besuchs im Mitterrand-Museum in dessen Geburtsstadt Jarnac sogar den Hut des Alten anprobierte, wurde klar, wessen Geist er anrief, damit er in ihn fahre. Doch die Geschichte unserer Gegenwart ist keine nostalgische Sache, sie hat mit früher nichts zu tun, sie ist ein Zukunftsprojekt.

Das Land wurde als Geisel genommen

Was in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch geschah, gleicht keinem alten Foto. Wir hatten zunächst gar kein Bild davon. Zwar wussten manche Beobachter und der Superrechner Nate Silver schon, was mit großer Wahrscheinlichkeit geschehen würde. Aber was diese Nacht bedeutet, welche neue Situation der Wahlausgang schafft und was uns das Ereignis über unsere Zeit verrät, das wird erst jetzt klar: Es war die überraschend entschlossene Ablehnung einer Politik der Aus- und Abgrenzung, einer Regierung aus reichen weißen Männern für reiche weiße Männer. Noch nie wurde ein derart deutlicher Unterschied in der demographischen Zusammensetzung der Wähler beobachtet: Die Frauen rannten den Republikanern davon, all die feinsinnigen Erörterungen von inspirierten Provinzpolitikern zu den Themen Abtreibung und Vergewaltigung waren einfach nicht zum Aushalten. Ebenso lief es beim Thema Einwanderung: Die rechten Ausgrenzungsphantasien ermüden. Es sehen nicht mehr alle so aus wie vor zwanzig Jahren, auch der Präsident nicht, und wenn er eine Rede in passablem Spanisch halten kann, geht das Land nicht unter.

In der Nacht dieser Wahl wurde ein Schalter umgelegt, all das Reden, die Warnungen der einen vor den anderen, das Bangemachen und die verdächtigenden Andeutungen, das ewige Infragestellen all derer, die anders aussehen und leben als Romney, Rove und Ryan - dieser alte, laute Chor war plötzlich jeder Wirkung beraubt.

Obwohl es sich zunächst anders anfühlte, ist Obamas Wiederwahl historisch bedeutsamer als das erste Mal. Niemand wusste das besser als die politische Gegenseite. Seit drei Jahren erklärten die Republikaner dies zum obersten politischen Ziel: die zweite Amtszeit zu verhindern. Milliarden wurden dafür aufgewendet, wichtige parlamentarische Entscheidungen aufgeschoben, das Land wurde als Geisel genommen. Es reichte völlig, dass Obama ein Gesetzesvorhaben unterstützte, damit die republikanischen Abgeordneten es ohne Abweichler und Rücksicht auf Verluste ablehnten, selbst wenn das Vorhaben aus dem republikanischen Parteiprogramm stammte.

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Veröffentlicht: 10.11.2012, 16:54 Uhr

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