09.05.2009 · Ereilt China alle dreißig Jahre ein Kulturbruch? Warum die politische Führung das Gedenken an den 4. Mai 1919, von dem die Kommunistische Partei ihre Entstehung ableitet, fürchtete wie die SED die Montagsdemonstrationen.
Von Mark Siemons, PekingVon all den prekären Jubiläen Chinas in diesem Jahr scheint dieses am erfolgreichsten unterschlagen zu werden: Das Gedenken an die „4.-Mai-Bewegung“ vor neunzig Jahren, aus der die Kommunistische Partei immerhin ihre eigene Entstehung ableitet, hält Peking diesmal so klein wie möglich, während die westliche Öffentlichkeit unterschätzt, was dieses Ereignis für die aktuellen Diskussionen über Demokratie und Nationalismus in China bedeutet.
Wenn man sich heute fragt, was eine „chinesische Moderne“ im Unterschied zu der vom Westen her gewohnten auszeichnen könnte, muss man bei den damaligen Debatten ansetzen, gegen deren folgenreiche Radikalität andere Bewegungen wie die von 1968 bloß wie ein Spiel mit Symbolen wirken. Einige chinesische Intellektuelle nehmen gerade eine Neubewertung des „4. Mai“ vor, den sie für einen Schlüssel in den ungeklärten Fragen der Gegenwart halten. Der Pekinger Literaturwissenschaftler Wang Furen veröffentlichte jetzt ein Zeitschema, demzufolge das Land alle dreißig Jahre von einem Kulturbruch ereilt werde: 1919, 1949 (Beginn der kommunistischen Herrschaft), 1979 (Beginn der marktwirtschaftlichen Reformen). Was steht 2009 an?
China retten
Der Staatsdiskurs lässt sich auf eine solche Frage nicht ein und nimmt bei standardisierten Formeln Zuflucht. In einer Versammlung in der Großen Halle des Volkes sagte das Politbüro-Mitglied Li Changchun vor dreitausend in berufsständische Trachten gehüllten Jugendvertretern, solange sie an der Führung der Kommunistischen Partei festhielten, könne es an der fortdauernden „Erneuerung der chinesischen Nation“ keinen Zweifel geben. Und Staatspräsident Hu Jintao nutzte bei einem Besuch in der Pekinger Hochschule für Landwirtschaft den Tag, die Studenten zu fleißigem Studium und sozialer Praxis zu ermahnen.
Alle offiziellen Kommentare erweckten den Eindruck, die erregten Debatten von damals hätten sich glücklich erledigt. Ganz offensichtlich erachtet es die chinesische Regierung zurzeit nicht als opportun, ein Ereignis in den Vordergrund zu rücken, bei dem Kultur und Ideen ihre vorgegebenen Gehege verlassen und in Politik übergehen.
Ein solches Ereignis war aber die 4.-Mai-Bewegung wie sonst kaum eines. Sie drehte sich um die vermeintlich einfache Frage: Was bedeutet es, „in der Welt“ zu leben? Das war keine akademische Frage. Was ihr ihre Dringlichkeit und erstaunliche Wirkung gab, war die Befürchtung, dass China in seiner Existenz als souveräner Staat bedroht sei. Mit dem Ende des Kaisertums hatte China nicht nur seine politische Form, sondern auch seine hergebrachte kulturelle, symbolische Legitimität verloren, und dieses Vakuum schienen sich ausländische Mächte mit ihren separatistischen Absichten zunutze machen zu wollen. „China zu retten“, wie die Formel der Zeit lautete, war daher gleichbedeutend mit der Suche nach einer neuen kulturellen Fassung des Landes.
Wir müssen unsere eigene Sprache sprechen
Sich selbst mit anderen Ländern in Beziehung zu setzen war dabei sowohl Methode als auch Ziel. In dem „Aufruf an die Jugend“ von Chen Duxiu, mit dem die „Neue Kulturbewegung“ 1915 begann, heißt es: „Ich würde lieber sehen, dass die vergangene Kultur unserer Nation verschwindet, als dass unsere Rasse ausstirbt, weil sie nicht stark genug ist, um in der modernen Welt zu überleben.“
Heute legen viele Intellektuelle wieder mehr Wert auf die Tradition, und der damalige Ikonoklasmus wird bisweilen kritisiert. Das chinesische „Life Magazine“, das der Bewegung ein Themenheft widmet, meint, wenn man die Klassiker vergesse, gerate man in eine neue Lächerlichkeit. Doch der scharfe Ton, der damals oft gegen den Konfuzianismus angeschlagen wurde - am schärfsten von dem Schriftsteller Lu Xun -, war vor allem eine Reaktion auf die Versuche, die alte Kultur als Überbau eines neuen Kaisertums zu restaurieren. Als deren Inbegriff erschien die tote, längst erstarrte Schriftsprache, die die konfuzianischen Gelehrten als allein würdig und geeignet für hohe Literatur betrachteten.
„Wir müssen unsere eigene Sprache sprechen, die Sprache von heute“, forderte Lu Xun, der die Einführung der gesprochenen Sprache als Literatursprache direkt mit der internationalen Selbstbehauptung Chinas zusammenbrachte: „Zuerst müssen unsere jungen Leute China in ein Land verwandeln, das sich artikulieren kann . . . Und erst dann werden wir in der Lage sein, China und die Welt zu bewegen. Erst dann werden wir mit all den anderen Nationen in der Welt leben können.“
Zum Kosmopolitismus bestimmt
Aber es ging nicht nur um Literatur, es ging um Demokratie, Anarchismus und Klassenkampf, ebenso wie um die Emanzipation der Frau und die Reform des Hochschulwesens. Viele unterschiedliche, ja gegensätzliche Strömungen und Positionen wurden in dem nationalen Rettungsprojekt durcheinandergewirbelt. Cai Yuanpei, der Vizerektor der Peking-Universität, verfocht die deutsche Universalbildungsidee, und eine Zeitschrift druckte in jeder Ausgabe einen Auszug aus Nietzsches „Zarathustra“. Die „Umwertung aller Werte“ war ein beliebtes Stichwort in jenen Tagen, in denen alles auf den Prüfstand kam, was an Informationen und Ideen international zu finden war.
Der Pekinger Ideengeschichtler Wang Hui legt heute besonderen Wert auf die Rolle, die der Erste Weltkrieg dabei als Katalysator spielte. Ähnlich wie jetzt die Krise der globalisierten Wirtschaft hätte damals der Krieg die enge Verflochtenheit aller Staaten und Ereignisse schockartig klargemacht. In dem Buch, das Wang gerade über die Bewegung schreibt, verfolgt er detailliert, wie die Kriegsverläufe und die europäischen Diskussionen in den zahlreichen Zeitschriften, vor allem Chen Duxius „Neuer Jugend“ und „Eastern Miscellany“, mit verblüffender Schnelligkeit und Genauigkeit aufgegriffen wurden. Sowohl die nationalistischen Ausbrüche als auch die später sich mehrenden nationalismuskritischen Stimmen in der Alten Welt übten einen gewaltigen Einfluss auf China aus.
In der Intellektuellenzeitschrift „Dushu“, als deren Chefredakteur Wang Hui vor zwei Jahren abgesetzt worden war, kritisiert der Schanghaier Historiker Xu Jilin vor diesem Hintergrund die reduzierte Weise, in der der Begriff „Patriotismus“ von offizieller Seite gebraucht wird. Das Besondere sei gerade gewesen, dass der Nationalismus und das biologistische Theorem des „Überlebens der Stärksten“, die chinesische Intellektuelle am Ende der Qing-Dynastie von Europa übernommen hatten, unter dem Eindruck der Kriegsgreuel nach 1915 relativiert und überschritten wurden. Man begann von einer „zum Kosmopolitismus bestimmten Nation“ zu sprechen, und Liang Qichao, der vorher um des Überlebens Chinas willen einem offensiven Nationalismus das Wort geredet hatte, erklärte nun: „Unser Patriotismus ist weder der einer Nation ohne Individuum noch der einer Nation ohne Welt.“
Der wehrhafte Staat
Was die geistige Bewegung zwischen 1915 und 1922 auszeichnete, sei, so Xu Jilin, gerade eine Abkehr vom bloßen Machtdenken und eine Verschränkung von Nationalismus, Kosmopolitismus und Individualismus gewesen. Kriegsausgang und Revolutionen in Russland und Deutschland wurden deshalb Anfang 1919 von vielen enthusiastisch als Beginn einer „neuen Zivilisation und neuen Welt“ gefeiert. Erst der Versailler Vertrag, auf dem die chinesischen Besitzungen Deutschlands wider alle Erwartung nicht an China zurückfielen, sondern Japan zugesprochen wurden, brachte dann die Ernüchterung. Die Entrüstung über Versailles war der unmittelbare Anlass des Protestzugs vom 4. Mai, der vor allem von der Peking-Universität ausging.
Nach wenigen Jahren mündete die Bewegung, die sich so scharf gegen bloße Parteienpolitik gewendet hatte, in neue Parteien: die Gründung der Kommunistischen Partei, betrieben unter anderem durch Chen Duxiu, und eine Reform der Kuomintang, deren Gründer Sun Yat-sen 1922 den Kosmopolitismus als eine Illusion verwarf, die China unzweifelhaft zur Beute anderer machen werde. Der Nationalismus alten Typs gewann wieder an Einfluss.
Inzwischen hat China den funktionstüchtigen, wehrhaften Staat, dessen Fehlen die Diskussionen damals so dringlich erscheinen ließen. Doch es hat mit ihm auch einen eingespielten Code, eine offizielle façon de parler bekommen, die den „Jugendtag“ des 4. Mai zum Beispiel als Fest des „Patriotismus“ feiert, eine abgeschlossene Geschichte. Wenn sich indessen etwas aus ihm lernen lässt, dann eher das Gegenteil: dass die Kultur, wenn's drauf ankommt, alle Grenzen überspringen und auch die Politik verändern kann. Heute, meint Wang Furen, hätten die meisten Intellektuellen entweder ihre Funktion im System, oder sie gingen in die Wirtschaft. Doch wer weiß, ob der „4. Mai“ in der heutigen, durch die Globalisierung und die Wirtschaftskrise verschärften Debatte nicht doch eher den Verfechtern universeller Werte als den Chauvinisten Munition liefern kann.