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Fahrrad-Rallye L’Eroica : Fünfzig Schattierungen der weißen Straßen

  • -Aktualisiert am

Bild: Don Alphonso

135 bergige Kilometer auf den schlechtesten Pisten Europas, und das alles auf alten Fahrrädern – was wie ein Martyrium klingt, ist für Tausende von Teilnehmern der L’Eroica in der Toskana ein Traum.

          Das ist der Blick von Radda in Chianti auf die lieblichen Hügel der Toskana und die berühmtem weißen Straßen. Als ich 2010 zum letzten Mal hier war, schaffte ich es auf so einer Straße genau bis zum höchsten Punkt des Ortes. Dort bin ich vom Rad gefallen. Neben der Strecke stand eine Mutter mit ihrer Tochter, und als ich da vom Rad sackte, versteckte sich das Kind hinter Mama und sah mich mit großen Augen entsetzt an. Davor hatte ich mich 40 Kilometer über verschlammte Steigungen gekämpft, wurde von Regenschauern durchweicht und war viele Kilometer gelaufen statt geradelt, was eigentlich Sinn der Veranstaltung „L’Eroica“, die Heldenhafte, sein sollte. Radfahren im Chianti stellt man sich gemeinhin lieblich vor, aber als ich da 2010 vom Rad rutschte und das entsetzte Mädchen sah, wusste ich: Am ersten Wochenende des Oktobers geht es hier nur um das Überleben. Ich habe mir damals nach dem Debakel zwar geschworen, nie mehr zur L’Eroica zu kommen, aber da bin ich wieder. Ich bin die gleiche Strecke am Samstag vor dem Rennen noch einmal gefahren, habe diesmal nicht geschoben, und sehe doch deutlich besser aus. Also nicht ganz wie eine Leiche. Zumindest ist kein Kind schreiend weggelaufen, als ich kam. Ich habe nämlich sehr viel geübt. Und ich habe etwas mitgebracht, um die weißen Straßen zu bestrafen.

          Bild: Don Alphonso

          Ein 1967er Woodrup Campione Bergzeitfahrrad. Das Besondere an der L’Eroica ist, dass man nicht auf all dem neuen, stabilen Carbonmaterial fährt, das den heutigen Stand der Technik präsentiert. Man fährt auf altem Schrott aus der Zeit vor 1987, der sogenannten goldenen Epoche des Radsports, die noch kein Doping mit EPO und Eigenblut kannte, sondern nur intravenöses Nitroglycerin, Amphetamin und Alkohol. Die gute alte Zeit, da man Gegnern sanfte Reißnägel in den Weg streute, statt sie in den Graben zu boxen. Und nachdem ich das letzte Mal mit meiner Übersetzung von 42 Zähnen vorne und 26 hinten kein Radrennen fuhr, sondern mehr Bergwandern mit Rennrad absolvierte, habe ich aufgerüstet. 30 vorn, 28 hinten. Der Sattel ist ein harter Lederfleck, die dünnen Bremsen hatten am Jaufenpass einen Bremsweg von gut 75 Metern, und mit Müh und Not habe ich in den schmalen britischen Rahmen 28 mm breite Reifen hinein gequetscht. Aber die braucht man hier, wenn man überleben will.

          Bild: Don Alphonso

          „Strade Bianche“, weiße Straßen heißen die Strecken, auf denen man nach dem Start in Gaiole in Chianti dieses historisches Material mehrheitlich bewegt. Ein englischer Medienvertreter hat, vollkommen außer Puste, sehr treffend bemerkt: Das hier verhält sich zu einer Straße wie eine wütende Bulldogge zu seiner Frau. Es sind keine Feldwege, sondern ausgewaschene Rüttelpisten mit einem Belag, der babyleichengroße Felsen genau so kennt wie feinsten Staub, der sich überall festsetzt und sogar gedichtete Trinkflaschen infiltriert, so dass das Wasser so angenehm wie Kühlflüssigkeit aus Fukushima schmeckt. Fährt ein Auto vorbei und staubt alles ein, ist das Atmen so erfreulich wie bei einem Asthmaanfall. Und weil Straßenbau Geld kostet, sind die Strecken auf kürzester Linie angelegt. Steil. Sehr steil. 10% gelten hier noch als Erholung.

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