Home
http://www.faz.net/-gqz-6xolw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Dichtende Staatsmänner Verse aus der Einsamkeit der Macht

14.02.2012 ·  Stalin, Mao, Gaddafi - eine poetische Ader scheinen Diktatoren öfter zu haben als Staatsoberhäupter von Demokratien. Gibt es eine echte Wahlverwandtschaft von Tyrannei und Poesie?

Von Thomas Thiel
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (4)

Vorweg sei gesagt: Der Literatur ist selten ein Genie an die Staatskunst verlorengegangen. Die Liste der Regenten, die sich literarisch versuchten, ist lang, unerwartete Namen wie Jimmy Carter oder Barack Obama stehen auf ihr. Unvergessliche Zeilen hat keiner von ihnen hinterlassen. Die ausstehende Literaturgeschichte dichtender Herrscher, sollte sie überhaupt geschrieben werden, brauchte eher kunstsoziologische als ästhetische Kriterien.

In Augsburg machte sich jetzt eine Konferenz unter dem Titel "Dichter und Lenker" an die Erschließung dieses brachen Feldes. Herrscher mögen zur Feder greifen, weil ein innerer Drang nach Ausdruck sucht oder Poesie und Politik eine narzisstische Charakterdisposition zusammenhält. Mit der Reife der Macht beginnen machtpolitische Gründe zu dominieren. Hybris und Überschwang der frühen Phase weichen im Zenit der Macht oft legitimatorischer Weltanschauungsprosa oder romantischer Verklärung.

Ein klassisches Beispiel ist die Lyrik Mao Tse-tungs. Dichtete Mao auf dem Weg zur Macht noch in der freien Form des Kunstlieds Ci, wechselt er nach der Gründung der Volksrepublik zum gesetzten Maß des Lü-shi. Es kümmert ihn wenig, dass sein Rückgriff aufs Klassische seinen egalitären kulturpolitischen Vorgaben widersprach. Offensichtlich, so der Trierer Sinologe Karl-Heinz Pohl, stehen Legalismus und klassisches Versmaß in enger Beziehung. Zu Maos bevorzugten Stilmitteln gehörten andächtige Naturbilder („Dämmerschein, blaue Weite, seh' stämmige Kiefern"). Wer in dieser Lyrik ein weiteres, weicheres Bild des Herrschers sucht, die Artikulation eines unerledigten Rests, der vom Pragmatismus der Macht niedergehalten wurde, wird enttäuscht.

Mit ihrem weiten Literaturbegriff tat sich die Konferenz keinen Gefallen und handelte sich eine Reihe von banalen Exkursen ein. Die virile Natur- und Heldenprosa Theodore Roosevelts liest sich kaum weniger zäh als die griechischen Reiseerinnerungen Wilhelms II., in denen sich der exilierte Monarch mit idealen Zügen zum Comeback empfiehlt. Rar sind die Gegenbeispiele. Karol Wojtyla etwa ist es in seinem wenig bekannten Bühnenwerk durchaus ernsthaft und vielschichtig um die ethische Pflicht zur individuellen Selbstschöpfung zu tun, er schreibt es aber noch vor der Phase päpstlicher Macht. Auch den lyrischen Versuchen Friedrichs des Großen bescheinigte Vanessa de Senarclens (Berlin) Virtuosität. Schon das Volumen von vierzigtausend Versen spricht gegen die bloße Pflichtübung. Der aufgeklärte Monarch nimmt seine Verse zur Herrschaftskritik, aufklärerisch vorurteilsfrei in der dritten Person, und sucht die Transzendenz zu seiner politischen Rolle. Ob die Emanzipation gelingt, blieb offen.

Der Zwiespalt zwischen politischer Pragmatik und ästhetischem Interesse tritt am eindrucksvollsten bei Joseph Goebbels hervor. Der promovierte Literaturwissenschaftler gehörte zu den wenigen Despoten mit avantgardistischem Kunstinteresse und stand damit quer zu Hitlers biedermeierlichen Favoriten. Offiziell proklamierte Goebbels einen hölzernen Kanon ein und ließ Gemälde abhängen, die er heimlich bewunderte. Schicksal desjenigen, der eine Stufe unter dem Diktator steht.

In der Massendemokratie ist Politikerliteratur größtenteils Ghostwritertum geworden. Auffällig häufig ist dagegen die literarische Ambition bei Diktatoren. Nero, Stalin, Mussolini, Goebbels, Saddam Hussein, Gaddafi, Kim Il-sung - die poetische Ader scheint unter den Diktatoren der Gegenwart weiter verbreitet als unter demokratischen Staatsoberhäuptern. Die Gegenempirie würde an dieser Wahlverwandtschaft vielleicht wieder zweifeln lassen. Der Konstanzer Germanist Albrecht Koschorke machte zumindest plausibel, dass Diktatur und Literatur kein Zufallspaar sind. Tyrannis, sagte Koschorke, ist im Kern ein poetischer Akt. Wie Dichter eine Welt aus Worten schaffen, müssen Diktatoren eine aus Taten errichten. (Aber gilt das nicht auch für demokratisch gewählte Kanzlerinnen?) Verbindlich zu machen, was der Staat ist, was die eigene Person zur Herrschaft beruft, das Band zum Volk aus der extremen Distanz heraus überhaupt erst zu knüpfen, sei eine fiktive Leistung ersten Ranges - gerade wenn eine Diktatur auf dem morschen Gebälk eines maroden Systems errichtet wird. Als Formgebung des Sozialen wird Tyrannis poetisch begreifbar.

Anders gesagt: Der Größenwahn des Diktators wächst nur in einem phantasiebegabten Hirn, und die Fiktion wird von den Umständen der Macht weitergetrieben. Vom allgemeinen Zynismus und eigener Skrupellosigkeit an die Macht gespült, lebt der Diktator in der Furcht, die Instrumente seines Aufstiegs könnten zum Fallstrick werden. Daher das Paranoide in dem Liebesverlangen des einsamen Tyrannen, der verzweifelt gesuchten Nähe zum Volk. Saddam Hussein ließ sich 26 Liter Blut für eine Abschrift des Korans abzapfen, um Staat und Volk symbolisch mit seinem Körper zu verwachsen. In seinem Roman „Zabibah und der König" steigert er die Zudringlichkeit zur allegorischen Liebe zwischen einem Regenten und einem Mädchen. „Ich habe mich in dich verliebt weil ich in dir und durch dich das Volk lieben will."

Burn-out eines Diktators

Den besten Beleg für Koschorkes These bieten die verrätselten Schriften Muammar al Gaddafis. Die paranoid gesteigerte Entfremdung vom libyschen Volk tritt hier schon lange vor seinem Sturz hervor. Der surreal anmutende Erzählungsband „Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Weltraum des Astronauten" von 1994 liest sich wie ein prophetisches Psychogramm der Macht. Hinter einem verirrten, von den Volksmassen gejagten Protagonisten treten Gaddafis eigenen Züge deutlich hervor. „Euer Atem verfolgt mich, belästigt mich", schreibt er. „Was suche ich, der herumschweifende arme Beduine, in einer modernen verrückten Stadt, deren Bewohner, immer wenn sie mich finden, nach mir schnappen.“

Gaddafis hilfloses sprachliches Ringen um die Nähe zum Volk („Ich bin ein Mensch wie ihr. Ich liebe Äpfel.") verdient beinahe Mitgefühl. Der Dortmunder Literaturwissenschaftler Julian Osthues nannte es den Burn-out eines überforderten Despoten, der im Selbstmitleid den Messianismus nicht aufgeben will. Gaddafis Held sucht die Distanz zu seinem von westlicher Dekadenz angefressenen Volk und tritt eine "Flucht in die Hölle" an, so der Titel einer Erzählung, um geläutert aus der Unterwelt zurückzukehren und seinen Machtanspruch zu erneuern. Die Tyrannis des Einzelnen sei fragil, die eigentlich Gefahr liege in der Tyrannei der Massen, als deren Opfer er sich stilisiert.

Mag künstlerische Radikalität dem Totalitarismus näher sein als der demokratischen Mitte, bleibt die Berührung doch an der strukturellen Außenseite. In der autoritären Geste des Künstlers liegt nicht der Verfügungsanspruch der politischen Macht. Wer von einer inneren Verwandtschaft spricht, müsste auch den Kitsch erklären, den Diktatoren so reichlich produzieren. Man kann es sich einfacher machen: Es gibt niemanden, der sie vor der Veröffentlichung warnt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1975, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3