25.03.2004 · Ihr Leben, das nicht nur dank ihrer Schönheit unerhörten Glanz bekam, ist als Imitat eines von der echten Sorte. Zum sechzigsten Geburtstag von Diana Ross.
Von Edo Reents"Imitation of Life" heißt der zweimal verfilmte Stoff, aus dem die Albträume heranwachsender Menschen sind. In der Fassung von Douglas Sirk geht es um ein schwarzes Mädchen, das die eigene Mutter verleugnet, um Karriere zu machen. Erst bei deren Beerdigung wird der inzwischen Erwachsenen klar, daß und warum man dergleichen nicht tut. Das ist, dem Genre entsprechend, eine herzzerreißende Szene, die den Konflikt zwischen Herkunft und Aufsteigerwillen auf besonders schmerzliche Weise spürbar macht. Man ahnt, was diese Sarah Jane vor allem sich selbst angetan hat: Der Preis ist einfach zu hoch, wie soll ein Mensch damit weiterleben?
Daß Diana Ross 1999 in einem Fernsehfilm die umgekehrte Rolle gespielt hat - eine Sängerin, die ihre Tochter verläßt und spät zur Besinnung kommt -, sollte nicht zu der Annahme verleiten, sie hätte für ihre erstaunliche Karriere einen vergleichbaren Preis gezahlt. Sie hat es weit gebracht, und die Stationen, die sie dabei zurücklegte, hätte sich Douglas Sirk nicht besser ausmalen können: vom bitterarmen Detroiter Ghetto über das Vorzimmer des Motown-Chefs Berry Gordy, dem sie nicht nur als Sekretärin diente, bis zur Vorsängerin der "Supremes", der kommerziellsten, einflußreichsten und eben auch besten Frauenpopgruppe aller Zeiten.
Bis dahin erfolgreichstes Lied schwarzer Interpreten überhaupt
"Ich hatte keine Ahnung, was man als Sekretärin zu tun hat; aber jedesmal, wenn Gordy seine Tür aufmachte, fing ich an zu singen." Man denkt an Liselotte Pulver, die mit schlüpfrig-halboffenem Mund in Billy Wilders "Eins, zwei, drei" ähnliche Dienste versieht. Aber Diana Ross hätte auf die Dauer wohl auch ohne Berry Gordys Hilfe zu einer Musik gefunden, die für sie, ihrem außergewöhnlichen Ehrgeiz entsprechend, eine doppelte Funktion haben mußte: Mittel zur Massenunterhaltung, bei dem die emanzipatorischen Wurzeln nicht gekappt sind.
"Where Did Our Love Go", der erste Hit der "Supremes" aus dem Jahre 1964, war, wie fast alles von diesem Trio, ein gefälliger, technisch perfekter Soulschlager, dem man aber schon deshalb keine Harmlosigkeit unterstellen kann, weil es das bis dahin erfolgreichste Lied schwarzer Interpreten überhaupt war. Dies bedeutete vor vierzig Jahren naturgemäß etwas anderes als die enorme Akzeptanz heutiger Soul- und Hip-Hop-Künstler, die mit den Mitteln der Weichspülung oder der durchsichtigen Provokation arbeiten.
Benimmschule Gordys
Die "Supremes", die Diana Ross rasch beherrschte und von denen sie sich zum richtigen Zeitpunkt 1970 trennte, konnten, aus mancherlei Gründen, nicht provozieren; aber sie hätten das auch gar nicht nötig gehabt. Sie führten die Soul-Musik Marke Motown durch die Hintertür in die großen Unterhaltungspaläste ein, in denen sonst anderes erklang. Auf der Benimmschule, die Gordy allen Sängerinnen verordnete, lernten sie, wie man sich überall gleich sicher bewegt - damals die Voraussetzung für eine kommerzielle Laufbahn.
Diana Ross hat davon besonders profitiert. Das hat sie in den Augen einer vermeintlich kritischen Öffentlichkeit zur Plastik-Puppe einer ohnehin künstlichen Unterhaltungsindustrie und zugleich zu deren arroganter Galionsfigur werden lassen. Doch die weit, bis in Garderobenfragen hineinreichenden Zugeständnisse ans Showgeschäft waren mehr als bloße Anpassung; sie haben ihr den Halt gegeben, den vergleichbare und ihr stimmlich sicherlich überlegene Interpretinnen wie Billie Holiday, Nina Simone, Tina Turner und Janis Joplin nie oder zu spät hatten. Daß Diana Ross in der Rolle der Holiday für den Film "Lady Sings The Blues" 1972 dennoch so glänzen konnte und für einen Oscar nominiert wurde, erstaunte damals nicht nur die Academy.
Doch den Blues, an dem andere innerlich erstickten, mußte sie nie herausschreien; es ging mit den zuckersüßen Liedern, die sie säuselte und in denen die Liebe nie fehlte, auch anders. Damit hat sie sich einen Status gesichert, der es ihr erlaubte, einen Garderobendiener, der um sie herumscharwenzelte und sie dabei dauernd mit "Diana" anredete, zurechtzuweisen: "Schon gut, aber bitte nennen Sie mich ,Miss Ross'!"
Vom Ghetto zum Privatjet nicht weiter als umgekehrt
Diana Ross' lange Solokarriere setzte 1970 ein mit dem Titel "Ain't No Mountain High Enough" - eine glänzend produzierte Nummer, die signalisierte, daß sie zwar nicht über Leichen, aber doch über Berge gehen werde, um ihr Ziel zu erreichen: eine der bestbezahlten, bekanntesten Unterhaltungskünstlerinnen der Welt, die weiß, daß es vom Ghetto zum Privatjet nicht weiter ist als umgekehrt. Sie sei eine Träumerin, sagte sie einmal, aber keine, die glaubt, daß gewisse Dinge unmöglich seien.
Ihr Leben, das nicht nur dank ihrer Schönheit unerhörten Glanz bekam, ist als Imitat eines von der echten Sorte. Die Diva zeigt der Obrigkeit immer noch die Krallen, auch wenn ihre Musik schwächer geworden ist. "Every Day Is A New Day" heißt eine neuere Platte von ihr - an diesem Tag wird Diana Ross sechzig Jahre alt.