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Deutungsspiralen : Ferndiagnose

Schild in der Heimatstadt von Otto Warmbier. Bild: AFP

Solange Wissenschaftler nicht von Ferndiagnosen auf Facebook lassen, wird sich die Spirale aus Rücktritten und Amtsenthebungen weiter drehen.

          Mit menschlicher Kommunikation ist es wie mit Teilchenphysik: Man schickt einen Impuls in den Äther und hofft, dass etwas Anständiges zurückkommt. Anders als das Elementarteilchen fragt sich der Mensch jedoch, wie man auf seine Antwort reagieren wird, und so beginnt eine Deutungsspirale, die durch soziale Routinen geerdet wird.

          Seit es das Internet gibt, ist das anders. Diese Erfahrung machte ein Professor aus Illinois, der auf Facebook dem System der weißen Suprematie den Tod wünschte. Anlass war die Erschießung einer schwarzen Frau durch einen Polizisten in Seattle. Eine rechte Campus-Website münzte den Kommentar kurzerhand auf das Attentat auf republikanische Abgeordnete in Virginia um und inszenierte einen derartigen Shitstorm, dass der Professor keine andere Möglichkeit sah, als die Universität zu verlassen. Zu deren Bedauern.

          Ferndiagnose auf Facebook

          Die Universität Delaware war zu gleicher Zeit froh, der Anthropologin Katherine Dettwyler zu kündigen. Die Professorin hatte auf Facebook eine reichlich despektierliche Ferndiagnose abgesondert: „Otto ist einer dieser jungen weißen, reichen, ahnungslosen Männer. Die kommen in meinen Unterricht und heulen rum, weil sie nicht gedacht hätten, dass man im Studium Texte lesen muss, um eine gute Note zu bekommen. Seine Eltern müssen sich vorwerfen lassen, ihn so erzogen zu haben, dass er dachte, mit allem durchzukommen. Vielleicht in den Vereinigten Staaten, wo diese Männer daran gewöhnt sind, Frauen straflos vergewaltigen zu dürfen. Nicht so in Nordkorea.“

          Gemeint war der amerikanische Student Otto Warmbier, der nach der Auslieferung aus nordkoreanischer Haft verstarb. Warmbier hat vor seinem fatalen Nordkorea-Ausflug aber nie ein Seminar bei Dettwyler besucht. Er war Wirtschaftsstudent in Virginia. Egal. Er war männlich und weiß, der Professorin reichte das, ihn in die Hölle zu wünschen. Man kann diese realitätsfernen Netzschlachten im Grunde nur gewinnen, wenn man sich als transsexuelle Senegalesin von fair gehandelten Sojabohnen ernährt. Solange Wissenschaftler nicht von Ferndiagnosen auf Facebook lassen, wird sich die Spirale aus Rücktritten und Amtsenthebungen weiter drehen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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          Quelle: F.A.Z.

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