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Deutschlands Rolle in der Welt Neue deutsche Illusionen

Die deutschen Eliten verspielen eine historische Chance. Sie wollen ein föderales Europa erzwingen, stattdessen müssten sie auf Diplomatie und Kooperation setzen. Ein amerikanischer Appell.

© dpa Die politische Führung Deutschlands zeigt, mit Angela Merkel in der Rolle von Bethmann-Hollweg und Wolfgang Schäuble in der Ludendorffs, denselben Mangel an Staatskunst wie am Vorabend des Ersten Weltkriegs

Wie schreiben das Jahr 2012, die deutschen Eliten sind, wieder einmal, auf dem Holzweg. Um die Situation zu verstehen, empfiehlt sich ein Klassiker: Fritz Fischers 1969 erschienenen „Krieg der Illusionen: Die deutsche Politik von 1911 bis 1914.“ Gewiss, das Schlachtfeld ist heute nicht militärischer, sondern monetärer Natur, die Klasse der Unternehmer und Banker hat die Rolle der preußischen Junker übernommen und die Bundesbank die des Generalstabs. Doch alles in allem erscheint die Szene vertraut.

1989 gab die Geschichte Deutschland eine zweite Chance, und eine wiedervereinigte deutsche Nation zeigte sich dieser Situation auf wunderbare Weise gewachsen. Trotz der immensen Kosten des Wiederaufbaus Ostdeutschlands gelang es dem deutschen Volk, sein inoffizielles Wirtschaftsimperium in Mitteleuropa wiederzubeleben, seine Vormachtstellung innerhalb der Europäischen Union zu festigen und die Vereinigten Staaten als zweitgrößte Exportnation der Welt nach China abzulösen. Die deutsche Wirtschaftsmacht bescherte dem Land eine einzigartige Stellung in der Welt - eine Position mithin, die die deutschen Generäle des zwanzigsten Jahrhundert nicht zu erreichen vermochten.

Dieselben Probleme wie im Kaiserreich

Heute allerdings laufen die deutschen Eliten Gefahr, diese Stellung zu verlieren, indem sie versuchen, aus den siebenundzwanzig Mitgliedern der Europäischen Union ein modernes Gegenstück zu den siebenundzwanzig Bundesstaaten des Deutschen Kaiserreichs zu machen.

An der Wurzel der gegenwärtigen Krise liegen dieselben Probleme wie vor einem Jahrhundert. Wieder einmal ist Deutschland ein Land, das in systemischer Hinsicht „zu groß für Europa und zu klein für die Welt“ ist. Deutschland möchte den status quo bewahren, aber zugleich auch das große Spiel mitbestimmen. Beides geht aber nicht. Man kann die Europäische Zentralbank nicht als Klon der Bundesbank halten, sie muss vielmehr nach dem Vorbild der amerikanischen Notenbank umgestaltet werden. Die politische Führung Deutschlands zeigt, mit Angela Merkel in der Rolle Bethmann-Hollwegs und Wolfgang Schäubles in der Ludendorffs, denselben Mangel an Staatskunst wie am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Konfuzius mit deutschen Tugenden

Der wichtigste Unterschied? Vor einem Jahrhundert wollte Deutschland mit Amerika und Russland konkurrieren. Heute sind die großen Konkurrenten Amerika und China. Die deutschen Eliten scheinen zu glauben, es sei Deutschlands Bestimmung, zum „Reich der Mitte“ Eurasiens zu werden, und ihr Land sei stark genug, das entweder „im Alleingang“ zu schaffen oder den Europäern eine Föderation aufzuzwingen. Warum nun die Fixierung auf China? Aus zwei Gründen.

Erstens, da Deutschland nach China die zweitgrößte Exportnation der Welt ist und die deutschen Exporte fünfundvierzig Prozent der gesamten EU-Exporte nach China ausmachen, fühlt Berlin sich berechtigt, die Führung in einer EU-weiten Chinapolitik zu übernehmen. Der Anspruch ist nicht unberechtigt, und es ist tatsächlich nötig, der chinesischen Politik des „Teile und herrsche“ in Europa ein Ende zu setzen. Doch die deutschen Eliten scheinen zu glauben, es gebe so etwas wie eine „reine“ Weltwirtschaftspolitik - und diese gefährliche Illusion veranlasst wiederum die Europäer, eine mögliche deutsche Führung mit einem gewissen Misstrauen zu betrachten.

Naives Verständnis der Globalisierung

Zweitens haben die deutschen Eliten sich China genau angesehen und dabei festgestellt, dass die „Leitkultur“ Chinas sich heute am besten in den Wahlspruch fassen lässt: „Konfuzianismus mit deutschen Eigenschaften“. Wer ist heute in China der populärste Wirtschaftstheoretiker? Nicht der Angelsachse Adam Smith, sondern der Deutsche Friedrich List (1789-1846), der gründlichste Kritiker des Laissez-faire-Kapitalismus und intellektuelle Begründer des „Neomerkantilismus“.

In Deutschland selbst demontierte der Spiegel-Korrespondent Gabor Steingart in seinem Bestseller „Weltkrieg um Wohlstand“ das im Westen vorherrschende naive Verständnis der Globalisierung und verwies stattdessen auf die Dimension eines „Zusammenstoßes der Kulturen“ im Wettbewerb zwischen dem westlichen und dem östlichen Kapitalismus. Die wahre Geschichte der Globalisierung sei alles andere als eine Win-Win-Situation. Die Regeln der Weltwirtschaft würden neu geschrieben, aber nicht vom Westen. Das Ziel Asiens sei die Vorherrschaft. Sie wollten nicht folgen, sondern führen.

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