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Bohlen-Show im Kloster : Falscher Mönchsgesang

Wenn das Umberto Eco wüsste - jetzt sucht Bohlen in Eberbach nach dem verschollenen Buch „Wie erlerne ich das Singen?“ Bild: dpa

Dieter Bohlens Show „Deutschland sucht den Superstar“ soll im berühmten Kloster Eberbach Station machen, und die Aufregung im Rheingau ist groß. Dabei hat die Zisterzienserabtei schon Anderes überstanden.

          Wo einst Sean Connery die Treppe zum Skriptorium hinaufstieg, um als Mönch in „Der Name der Rose“ einen Mörder zu finden, soll nun Dieter Bohlen über jugendliche Sangestalente urteilen? O tempora, o mores, stöhnen nicht wenige im Rheingau, denen es nicht passt, dass „Deutschland sucht den Superstar“ im Kloster Eberbach stattfindet. Schließlich sei die ehemalige Zisterzienserabtei bei Eltville am Rhein nicht irgendeine Kulisse, sie stehe für eine Jahrhunderte währende Tradition der Kontemplation und romanische wie frühgotische Bauten von Weltrang: Basilika, Kreuzgang, Kapitelsaal und Dormitorium.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Der Name der Rose“ war nicht der erste Film, der hier gedreht wurde, und nicht der letzte („Pfarrer Braun“, ein Trailer für „Game of Thrones“ und Margarethe von Trottas Hildegard-von-Bingen-Biopic), aber der Historienkrimi nach Umberto Eco war derjenige, von dem das Kloster am meisten profitierte. Eco, Connery, Eberbach – das war zwar Unterhaltung, Sex und Crime, aber mit Weltstars und Niveau, das brachte Besucher, Geld und trug zum Nimbus bei. All das braucht es, denn mit der kontemplativen Tradition ist es lange vorbei: 1803 wurde das Kloster säkularisiert, die Wingerte werden heute von den Hessischen Staatsweingütern bewirtschaftet, eine Stiftung sorgt dafür, dass Geld für die historische Anlage reinkommt.

          Eine Frage des Images

          Von siebentausend Euro Kosten am Tag spricht Geschäftsführer Martin Blach und kann die Aufregung um den Bohlen-Deal nicht recht verstehen. Schließlich herrscht im Kloster Eberbach Trubel genug: im Sommer das Rheingau-Musikfestival, Pop-Konzerte in der profanisierten Basilika, selbst „Unheilig“ war da. Man kann das Kloster besichtigen, mieten, Hochzeit feiern und bei der närrischen Weinprobe anstoßen. Im April kommen kaum Touristen, warum also nicht eine RTL-Filmcrew und Bohlen-Fans?

          Der Vorsitzende des Freundeskreises Kloster Eberbach, Wolfgang Riedel, sieht von „DSDS“ die Würde des Klosters bedroht, die Eltviller Grünen sagen, der „billige Glanz“ und der verächtliche Umgang der Show passten nicht zum Kloster, der Rheingauer Kunstverein fürchtet Randale, und die Rheingauer sind gespalten. Bohlen oder nicht, das ist eine Frage des Images, das sich Kloster Eberbach geben will. Es hat schon Schlimmeres überstanden: Nach der Säkularisierung war in ihm lange das „Irrenhaus Eberbach“ untergebracht.

          Quelle: F.A.Z.

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