Die Idee einer Europäischen Fußballunion ist älter als die einer Europäischen Union. Und erfolgreicher ist sie sowieso. Im Juni 1954, knapp drei Jahre vor der Unterzeichnung der Römischen Verträge, gründete sich in Paris die Union of European Football Associations, vulgo Uefa. Und während unter den Gründervätern der EWG, die nach dem Krieg Europas Stahl, Schrott, Kohle und Uran irgendwie sortieren sollte, die rheinisch-katholischen Granden unter sich blieben, waren bei der fußballerischen Gründung Europas von Anbeginn an alle dabei. Sogar die mörderischen Stalinisten Albaniens und Rumäniens, die fast schon transatlantischen Isländer, aber auch Jugoslawen, Tschechoslowaken und Sowjetrussen, deren historische Mannschaften bereits kollektiv ausgewechselt wurden.
Wenn an diesem Freitag Griechen und Deutsche als Mitgliedstaaten der Europäischen Union im Viertelfinale der EM aufeinandertreffen, dann geht es wieder um viel mehr als Sport, mag das der deutsche Trainer Joachim Löw auch abstreiten. Mitten in der zähen, vielleicht fatalen Euro-Krise um die gemeinsame Währung und deren gerechte Verteilung trifft das Geberland Deutschland auf die quasi bankrotten Griechen. Angela Merkel, in Hellas heftige Hassfigur und in den Gazetten dort oft in SS-Uniform präsentiert, will auf der Tribüne jubeln, wenn die Griechen sportlich ausgeschaltet werden. Dürfte ihr frischer Kollege Samaras in gleicher Mission ins ferne Polen reisen, ohne dass ihm Frau Merkel die horrenden Flugkosten vorhält?
Elf Stellvertreter schenken elf Millionen Mitbürgern Ablenkung
Doch gilt: „Geld schießt keine Tore.“ Das sagte bereits der weise deutsche Trainer Otto Rehhagel, mit dem ausgerechnet die Griechen vor acht Jahren Europameister wurden. Bis zur momentanen Zerrüttung hingen kaum zwei andere Länder Europas enger zusammen als Deutschland, wo dreihunderttausend Griechen leben, und Griechenland, das schon einmal von einem Deutschen regiert und notdürftig reformiert wurde und stets eines der liebsten Urlaubsziele der Deutschen war, als man dort noch keine schwarzrotgoldenen Fahnen verbrannte.
Doch jetzt macht das stolze Griechenland es seinen spendablen germanischen Freunden immer schwerer. Aus dieser Perspektive des klammen, aber zähen Spielverderbers können auch die Griechen politische Rückendeckung via Sport mobilisieren, ihre vermeintliche Armut und vermeintliche Demütigung durchs reiche Deutschland zur Motivation im Abwehrverhalten erklären und somit durch elf Stellvertreter elf Millionen Mitbürgern Ablenkung, Freude, ja Schadenfreude schenken. Nicht ökonomisch, aber fußballerisch ist ein Befreiungsschlag gegen den Favoriten durchaus möglich. Solche Konstellationen machen den Reiz nationaler Sportvergleiche aus.
„Ich bin ein Grieche“, sagt der grimmige Trainer Griechenlands, der notabene ein Portugiese ist. Wenn nun auch andere Mittelmeeranrainer das Hohelied der armen Fußballer vom Peloponnes singen und gegen die ach so arrogante Übermacht der deutschen Panzer wettern, wie das etwa in Italien fleißig geschieht, ist das pure Heuchelei. Viele der griechischen Kicker sind in der florierenden deutschen Fußballindustrie als Gastarbeiter so reich geworden, dass sie die Existenzsorgen ihrer gewöhnlichen Landsleute nicht zu teilen brauchen.
Ein System spielt gegen sich selbst
Weil das immergleiche Hickhack der griechischen Konkursverschleppung längst viel zu undurchschaubar, öde und schmierig geworden ist, reduzieren viele Millionen von Europäern lieber die Komplexität und lassen den Ball entscheiden. Das wirkt immerhin auf den ersten Blick wie eine klare Sache. Mit dieser normativen Kraft des Faktischen hat die Uefa eine historisch bessere Bilanz vorzuweisen als ihre jüngere Schwester EU. Der Fußballdachverband bezieht anders als der Brüsseler Scherbenhaufen die wohlhabende Schweiz nicht nur mit ein, sondern hat dort seit 1959 seinen Sitz. Türken und Zyprer begegnen sich friedlich mit je einem Sitz im Exekutivkomitee. Das unter feindlichen Arabern isolierte Israel findet ebenso ein Zimmer in der europäischen Wohngemeinschaft wie die renitenten Färöer oder das ganz gewiss nicht europäisch-demokratische Kasachstan. Und auch das immer noch abgewiesene Kosovo wird früher gegen Serbien Fußball spielen, als der EU beitreten. Die Uefa war stets kreativer und versöhnlicher als die restliche Politik und findet vielleicht irgendwann noch einen Rasenplatz für den Vatikan.
Mit dieser politischen und geographischen Großzügigkeit der Uefa kann höchstens noch der Eurovision Song Contest mithalten; doch sind beim Sportverband sogar die Finanzen derart in Ordnung, dass jedem europäischen Währungskommissar die Augen übergehen müssen. Fußball ist auf längere Sicht das sicherste und beliebteste Exportprodukt des Kontinents, bei dessen Herstellung die Welt atemlos zuschaut. Seit selbst Südamerika auf der Weltrangliste abgehängt wurde, sehen sich Afrikaner, Araber und Chinesen gar nicht satt an dieser Weltmarke made in Europe und überweisen via Merchandising, über Fernsehrechte oder direkt gekaufte Vereine und Spieler Unsummen zurück in unseren Markt. Da wäre es doch Blödsinn, ein Länderspiel zweier momentan wirtschaftlich zerrütteter Partnerländer zu einem politischen Showdown hochzuschaukeln.
Die Verflechtung der Gesellschaften zwischen Usedom und Athen, Brüssel und Danzig funktioniert verwickelter und raffinierter, als ein simpler Spielbericht glauben macht. In Wahrheit spielt, wenn Griechenland auf Deutschland trifft, ein System gegen sich selbst, zahlt sich und seinen sowieso engstens vernetzten Angestellten dieselbe Vermarktungsprämie in derselben Währung aus und triumphiert am Ende nur über sich selbst. Was für ein schöner Selbstbetrug!
Politik funktioniert längst nach den Regeln des Mediensports
Doch weil Europa eben keinen Staat bildet, keine Übersprache und keine gemeinsame Öffentlichkeit kennen kann, lebt das Gebilde vom dauernden nationalen Austarieren von Macht und Geld zwischen den Mitspielern, die am Ende einzig ihren eigenen Vorteil, ihren eigenen Sieg im Kopf haben. Angela Merkel hat es seit Ausbruch der Euro-Krise nicht für nötig befunden, Athen wenigstens einmal einen Besuch abzustatten und ihre ja nicht einmal verkehrte Position darzulegen und dann auch einmal den Menschen zuzuhören. Für einen solchen symbolischen und emotionalen Akt ist es wohl bereits zu spät.
Die Politiker haben versagt, weshalb heute wieder einmal das Fußballstadion als Tribüne politischer Botschaften herhalten wird. Hat Angela Merkel dann Grund zum Jubeln, wird dies ebenso heftige Reaktionen in Griechenland hervorrufen wie ihre mögliche Enttäuschung. Jubel oder Hass für oder gegen Symbolfiguren im Nationaltrikot - auch Politik funktioniert längst nach den Regeln des Mediensports. Genau das beweist die kathartische Wirkung dieses merkwürdigen Spiels elf gegen elf mit Millionen anderer im Rücken. Das Aufeinandertreffen heute Abend hat indes einen ersichtlichen Vorteil gegenüber der Politik: Im Unterschied zur Euro-Krise wird es im fußballerischen Mit-Gegeneinander von Griechenland und Deutschland eine klare Entscheidung geben. Oder wie ein Komiker ernsthaft vorschlug: Diesmal sollten bei einem Unentschieden nicht die Elfmeter, sondern ausnahmsweise die niedrigsten Zinsen für Staatsanleihen den Ausschlag geben.
falsche Tabellenreihung - Russland wäre der richtige Gegner
Franz Holzinger (franzholz)
- 22.06.2012, 16:56 Uhr