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Veröffentlicht: 13.09.2015, 16:03 Uhr

Deutschland Die moralische Nation

Europa benimmt sich grässlich in der Flüchtlingskrise. Deutschland hingegen zeigt echte Führungsstärke. In der Flüchtlingsfrage folgt es nicht instrumenteller Berechnung, sondern Immanuel Kant. Ein Gastbeitrag.

von Giannis Varoufakis
© dpa

Ökonomen irren, wenn sie meinen, menschliche Rationalität bestehe allein darin, Mittel wirksam anzuwenden, um Ziele zu erreichen. Ohne Zweifel ist der wirksame Einsatz verfügbarer Ressourcen bei der Verfolgung bestimmter Ziele eine wesentliche Dimension unserer Vernunft. Der Irrtum setzt ein, sobald Ökonomen und die von ihnen Beeinflussten unterstellen, allein darin bestehe Rationalität.

Dieser instrumentelle Zugriff auf die Vernunft unterschätzt womöglich massiv jenes Element des menschlichen Denkens, das uns zu einzigartigen Lebewesen macht: die Fähigkeit, unsere Ziele und Zwecke einer rationalen Untersuchung zu unterziehen; uns nicht einfach nur zu fragen: „Soll ich in Anleihen oder in Aktien investieren?“, sondern Fragen wie diese zu stellen: „Ich mag X, aber sollte ich es auch mögen?“

Europas Seele

In diesem Sommer standen wir Europäer vor großen Herausforderungen an unsere Integrität und unsere Gefühle. Der Zustrom der Flüchtlinge stellte unsere Humanität auf die Probe, und unsere Vernunft spürte den Druck, harte Entscheidungen fällen zu müssen. Die meisten europäischen Nationen und deren Regierungen haben bei diesem Test spektakulär versagt. Grenzen wurden geschlossen, Züge auf offener Strecke angehalten, notleidende Menschen wurden wie eine existentielle Bedrohung behandelt, auf der Ebene der EU erging man sich in Gezänk darüber, wer einen geringeren Teil der Last zu tragen habe – alles in allem benahm sich Europa grässlich, was den italienischen Premierminister zu der verzweifelten Aussage veranlasste: „Wenn das Europa ist, will ich nicht dazugehören.“

36180420 © AFP Vergrößern Giannis Varoufakis

Ein Land jedoch ragte heraus und bewies moralische Führungskraft in dieser Angelegenheit: Deutschland. Der Anblick Tausender von Deutschen, die unglückliche Flüchtlinge willkommen hießen, welche von verschiedenen anderen europäischen Ländern abgewiesen worden waren, war etwas, was man würdigen und woraus man Hoffnung schöpfen konnte. Hoffnung, dass Europas Seele nicht gänzlich verschwunden sei. Kanzlerin Merkels entspannte Führung in dieser Sache, die großzügige Haltung selbst der sonst so misanthropischen deutschen Boulevardzeitungen gegenüber den ankommenden Flüchtlingen korrigierte Europas Versagen angesichts der humanitären Krise.

Manche haben der deutschen Großzügigkeit verborgene Motive unterstellt. Der schwachen demographischen Entwicklung in Deutschland könnte die Zuwanderung relativ junger, hochmotivierter, zumeist gut ausgebildeter syrischer Flüchtlinge zugutekommen. Guntram Wolff verglich das in der „Financial Times“ kürzlich mit dem Zustrom protestantischer Flüchtlinge aus Frankreich nach Preußen im 17. Jahrhundert, die Fertigkeiten und Tatendrang mitbrachten. Unternehmer frohlocken beim Gedanken an mehr Arbeiter, welche die Lohnkosten drücken, während Makroökonomen die Kosten für das Sozialsystem im Verhältnis zu den ökonomischen Vorteilen zu berechnen versuchen, die aus einer Erhöhung der Gesamtnachfrage resultieren.

Die Fähigkeit zur reinen Vernunft

Diese zynische Kosten-Nutzen-Analyse läuft jedoch ins Leere. Natürlich entstehen Vorteile aus der Einwanderung. Nur Rassisten bestreiten das. Gastländer – die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien liefern anschauliche Beispiele – ziehen enormen Nutzen daraus, wogegen jene Länder, aus denen die Flüchtlinge kommen, darunter leiden. Das gilt nun für alle alternden mittel-, nord- und osteuropäischen Nationen. Warum jedoch haben nur Deutschland und seine Bevölkerung die Flüchtlinge so begeistert empfangen?

Die Antwort hat, ganz klar, nichts mit Ökonomie zu tun. Wenn es positive wirtschaftliche Nachwirkungen gibt, dann sind sie lediglich Nebenwirkungen einer anderen Motivlage, welche die Deutschen ihre Grenzen und ihre Herzen für die Flüchtlinge öffnen ließ. Worum könnte es sich dabei handeln?

Immanuel Kant (1724-1804) © Picture-Alliance Vergrößern Immanuel Kant

Studenten der Philosophie mögen wie ich versucht sein, die Antwort in einem der größten Geschenke zu suchen, welche Deutschland der Menschheit gemacht hat: in der Philosophie von Immanuel Kant. Im Gegensatz zu Ökonomen und zu angelsächsischen Philosophen gab sich Kant nicht mit der instrumentellen Berechnung dessen zufrieden, was es heißt, rational zu handeln. Solche Berechnungen mögen gut für Katzen oder schlaue Roboter sein. Aber nicht für menschliche Wesen. Menschen müssen die Fähigkeit zur moralischen Reflexion besitzen, die nicht Resultat eines Dogmas ist, sondern der reinen Vernunft.

Der Gewinn ist irrelevant

Kants Begriff der praktischen Vernunft verlangt, dass wir nur solche Handlungen begehen sollen, die, wenn man sie verallgemeinert, folgerichtige Ergebnisse hervorbringen. Lügen zum Beispiel kann keine rationale Wahl sein, da, wenn man das Lügen verallgemeinern würde, wenn also jeder zu allen Zeiten löge, das Vertrauen in das, was andere sagen, verschwinden und die Sprache ihre Kohärenz verlieren würde.

Es ist allerdings wahr, dass viele Leute nur deshalb nicht lügen, weil sie fürchten, dabei erwischt zu werden. Kant betrachtet solche instrumentellen Gründe jedoch nicht als wirklich vernünftig. In seiner Denkweise vereinigen sich das Vernünftige und das Moralische, wenn wir die Fähigkeit entwickeln, nach dem sogenannten kategorischen Imperativ zu handeln; auf eine universalisierbare Weise, unabhängig von den Konsequenzen. Einfach so.

Die Aufnahme von Flüchtlingen ist eine solche universalisierbare Handlung. Man nimmt sie nicht auf, weil man Gewinn erwartet. Die Tatsache, dass am Ende ein Gewinn stehen könnte, ist irrelevant. Das wärmende Gefühl, das „Richtige“ getan zu haben, die Steigerung der Gesamtnachfrage, die Auswirkung auf die Produktivität – all das sind großartige Nachwirkungen der Kantschen Vernünftigkeit. Sie sind jedoch nicht das Motiv. Vernünftige Handlungen sollen laut Kant nicht von erwarteten Gewinnen bestimmt sein, nicht von der instrumentellen Nützlichkeit, die vom Handeln der anderen und von einer Reihe von Zufällen abhängt. Hier ist keine Strategie am Werk. Nur die Anwendung des deontologischen, also des von der Pflicht bestimmten Prinzips, das von uns verlangt, nach universalisierbaren Regeln zu handeln.

Griechenlands Bedrohung

Natürlich lässt sich auf empirischem Wege nicht beweisen, dass die deutsche Solidarität mit den Flüchtlingen Kantschen Prinzipien folgt und nicht dem bloßen Versuch, sich besser zu fühlen, die anderen Europäer bloßzustellen und die eigene Bevölkerungsentwicklung anzukurbeln. Wie auch immer, ich mache mir diese zynischen Erwägungen nicht zu eigen. Nachdem ich gesehen habe, wie zahlreich die Deutschen den Flüchtlingen geholfen haben, die von anderen Europäern abgeschoben wurden, bin ich davon überzeugt, dass hier etwas am Werk ist, was dem Kantschen Denken ähnelt.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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Ich sage „dem Kantschen Denken ähnelt“, weil ein Kant völlig entsprechendes Handeln in Deutschland weder zu beobachten war noch notwendig erstrebenswert ist. Mitunter müssen anständige Leute lügen, wenn Skinheads einen zum Beispiel nach einem Schwarzen ausfragen, den sie verfolgen. Darüber hinaus gibt es einige Gebiete, auf denen die Einstellungen der Deutschen weit davon entfernt sind, mit den Kantschen Maximen übereinzustimmen.

Tatsächlich gab es in diesem Sommer eine weitere Gelegenheit, bei der Europa seine Integrität und seine Seele beschädigte. Das geschah am 12. und 13. Juli, als dem Führer eines kleinen europäischen Landes, Griechenlands, der Ausschluss aus der Eurozone angedroht wurde, wenn er nicht ein wirtschaftliches Reformprogramm akzeptiere, von dem niemand (nicht einmal Kanzlerin Merkel) ernstlich glaubt, es könne den langjährigen ökonomischen Zusammenbruch meines Landes und die damit einhergehende Hoffnungslosigkeit lindern.

Reformierung der Eurozone

Bei dieser Gelegenheit war kein universalisierbares Prinzip im Spiel – mit dem Resultat, dass eine stolze Nation gezwungen war, sich einem widersinnigen ökonomischen Programm auszuliefern, für das jeder in Europa, Deutschland eingeschlossen, seinen Preis bezahlen wird.

Es ist hier nicht der Ort, die Wechselfälle von Griechenlands endloser Krise noch einmal nachzuerzählen. Es besteht auch gar kein Grund dazu, denn die tieferliegende Ursache hat nichts mit Griechenland zu tun. Der wirkliche Grund, aus dem Griechenland implodiert, während Berlin und die Troika auf einem „Reformprogramm“ bestehen, welches das Land immer tiefer in ein schwarzes Loch treibt und hoffnungslos unreformiert lässt, liegt darin, dass die deutsche Regierung bislang noch nicht entschieden hat, was sie mit der Eurozone vorhat.

In Berlin weiß man sehr gut, dass die Eurozone so, wie sie ist, nicht lebensfähig ist. Es bedarf größerer Reformen. Mechanismen sind nötig, welche die Überschüsse aus den Regionen, in denen sie angehäuft werden, in defizitäre Regionen umleiten. Leider hat man sich in Berlin noch keine Meinung gebildet, worauf Reformen zielen sollten, welche Form der politischen Union in Europa man will oder wie man Paris von den Prioritäten überzeugen kann. Und so wird das kleine Griechenland zerquetscht, während die französisch-deutschen Elefanten kämpfen, und wartet auf das Ergebnis dieses endlosen Konflikts.

Was Berlin tun soll

Unterdessen verharren Millionen Griechen in Verzweiflung, Hunderttausende gut ausgebildeter junger Frauen und Männer verlassen das Land, und die Oligarchie hat ihren großen Tag, weil sie von der aussichtslosen Situation profitiert, welche die Kapitulation unserer Regierung im Juli verursacht hat.

Aber lassen wir das griechische Drama mal beiseite. Europa braucht die moralische Führerschaft Deutschlands. In der Flüchtlingsfrage erleben wir sie – und sie ist ausgezeichnet. In der Frage, wie mit der Krise der Eurozone auf lange Sicht zu verfahren sei, gibt es keine deutsche Führungskraft – im Gegenteil, die deutsche Regierung hinkt den Entwicklungen hinterher und schreitet nur in letzter Sekunde ein, um die Symptome zu bekämpfen, nie jedoch die Wurzeln.

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Was soll Berlin tun? Ein ausgezeichneter Anfang wäre es, dasselbe Kantsche Prinzip anzuwenden, das in der Flüchtlingsfrage so evident ist. Kants praktische Vernunft verlangt von uns, Strategien zu verfolgen, die, wenn man sie verallgemeinert, vernünftige Ergebnisse hervorbringen. Gewaltige Handelsüberschüsse allerdings lassen sich nicht verallgemeinern! Wie im Falle der Lüge besteht Kants Probe nicht, wer wirtschaftliche Prosperität in einer Währungsunion durch riesige Exporterträge und wachsenden Wettbewerb gegenüber den anderen europäischen Ländern sichern will. Und es scheitert ebenso, wer vorsätzlich die Augen davor verschließt, dass des einen Überschuss des anderen Defizit ist.

Es ist an der Zeit für Deutschland, seine moralische Führerschaft von der Flüchtlingsfrage auf die Architektur der Eurozone auszuweiten. An Kant zu erinnern, um das inkohärente Selbstbild als Europas exportorientierter Betrieb abzustoßen, wäre ein exzellenter Auftakt.

Aus dem Englischen übersetzt von Peter Körte

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