http://www.faz.net/-gqz-87rv1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 13.09.2015, 16:03 Uhr

Deutschland Die moralische Nation

Europa benimmt sich grässlich in der Flüchtlingskrise. Deutschland hingegen zeigt echte Führungsstärke. In der Flüchtlingsfrage folgt es nicht instrumenteller Berechnung, sondern Immanuel Kant. Ein Gastbeitrag.

von Giannis Varoufakis
© dpa

Ökonomen irren, wenn sie meinen, menschliche Rationalität bestehe allein darin, Mittel wirksam anzuwenden, um Ziele zu erreichen. Ohne Zweifel ist der wirksame Einsatz verfügbarer Ressourcen bei der Verfolgung bestimmter Ziele eine wesentliche Dimension unserer Vernunft. Der Irrtum setzt ein, sobald Ökonomen und die von ihnen Beeinflussten unterstellen, allein darin bestehe Rationalität.

Dieser instrumentelle Zugriff auf die Vernunft unterschätzt womöglich massiv jenes Element des menschlichen Denkens, das uns zu einzigartigen Lebewesen macht: die Fähigkeit, unsere Ziele und Zwecke einer rationalen Untersuchung zu unterziehen; uns nicht einfach nur zu fragen: „Soll ich in Anleihen oder in Aktien investieren?“, sondern Fragen wie diese zu stellen: „Ich mag X, aber sollte ich es auch mögen?“

Europas Seele

In diesem Sommer standen wir Europäer vor großen Herausforderungen an unsere Integrität und unsere Gefühle. Der Zustrom der Flüchtlinge stellte unsere Humanität auf die Probe, und unsere Vernunft spürte den Druck, harte Entscheidungen fällen zu müssen. Die meisten europäischen Nationen und deren Regierungen haben bei diesem Test spektakulär versagt. Grenzen wurden geschlossen, Züge auf offener Strecke angehalten, notleidende Menschen wurden wie eine existentielle Bedrohung behandelt, auf der Ebene der EU erging man sich in Gezänk darüber, wer einen geringeren Teil der Last zu tragen habe – alles in allem benahm sich Europa grässlich, was den italienischen Premierminister zu der verzweifelten Aussage veranlasste: „Wenn das Europa ist, will ich nicht dazugehören.“

36180420 © AFP Vergrößern Giannis Varoufakis

Ein Land jedoch ragte heraus und bewies moralische Führungskraft in dieser Angelegenheit: Deutschland. Der Anblick Tausender von Deutschen, die unglückliche Flüchtlinge willkommen hießen, welche von verschiedenen anderen europäischen Ländern abgewiesen worden waren, war etwas, was man würdigen und woraus man Hoffnung schöpfen konnte. Hoffnung, dass Europas Seele nicht gänzlich verschwunden sei. Kanzlerin Merkels entspannte Führung in dieser Sache, die großzügige Haltung selbst der sonst so misanthropischen deutschen Boulevardzeitungen gegenüber den ankommenden Flüchtlingen korrigierte Europas Versagen angesichts der humanitären Krise.

Manche haben der deutschen Großzügigkeit verborgene Motive unterstellt. Der schwachen demographischen Entwicklung in Deutschland könnte die Zuwanderung relativ junger, hochmotivierter, zumeist gut ausgebildeter syrischer Flüchtlinge zugutekommen. Guntram Wolff verglich das in der „Financial Times“ kürzlich mit dem Zustrom protestantischer Flüchtlinge aus Frankreich nach Preußen im 17. Jahrhundert, die Fertigkeiten und Tatendrang mitbrachten. Unternehmer frohlocken beim Gedanken an mehr Arbeiter, welche die Lohnkosten drücken, während Makroökonomen die Kosten für das Sozialsystem im Verhältnis zu den ökonomischen Vorteilen zu berechnen versuchen, die aus einer Erhöhung der Gesamtnachfrage resultieren.

Die Fähigkeit zur reinen Vernunft

Diese zynische Kosten-Nutzen-Analyse läuft jedoch ins Leere. Natürlich entstehen Vorteile aus der Einwanderung. Nur Rassisten bestreiten das. Gastländer – die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien liefern anschauliche Beispiele – ziehen enormen Nutzen daraus, wogegen jene Länder, aus denen die Flüchtlinge kommen, darunter leiden. Das gilt nun für alle alternden mittel-, nord- und osteuropäischen Nationen. Warum jedoch haben nur Deutschland und seine Bevölkerung die Flüchtlinge so begeistert empfangen?

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Die Maske

Von Freddy Langer

Langsam kommen wieder Besucher nach Nepal, obwohl die Spuren des Erdbebens das Land noch zeichnen. Im Schutt findet sich manches Souvenir von unerwarteter Symbolkraft. Mehr 1 1

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“