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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Deutscher Katholikentag Und vergib uns unsere Kohlenstoffschuld

 ·  Der Katholikentag in Osnabrück tanzt sich quer durch die Tagespolitik. Sechzigtausend Besucher erleben Models in Kürbiskleidern, singende Imame und Klimaschuld-Beichten. Grundlegende spirituelle Orientierung ist schwer zu finden, die Schuldfrage Dauergast.

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Kerzenschein erleuchtet ein bronzefarbenes Tischkreuz, Pater Hubka ist irritiert. Mit grauem Hemd, grauem Bart und grauer Hose sitzt der Seelsorger auf der grauen Polsterbank in seinem „Beichtmobil“, das früher ein Wohnwagen war. Die rote Kerze ist fast heruntergebrannt. Hubka blickt nach draußen und sieht die Quellen des polyphon hereindringenden Katholikentag-Lärms. Aus riesigen Lautsprechern vor dem Dom brummt die beruhigend-tiefe Stimme des Bischofs Bode, vielfach verstärkt, sie sagt: „Nehmt und trinket alle daraus.“ Direkt neben dem Beichtmobil tanzen langbärtige Urchristen in Leinengewändern entfesselt zu mittelalterlichen Gitarrenklängen. Jugendliche lachen krächzend. Pater Hubka sagt: „Pfingsten in Jerusalem, als der Heilige Geist über die Menschen kam, muss alles noch ein bisschen anders gewesen sein.“

Der Augustinerpater Hubka ist Stille gewöhnt. Wenn er für „Kirche in Not“ sein Kloster Waghäusel verlässt, um nach Menschen zu fischen, muss er ertragen, dass sich der Weihrauchduft einer Fronleichnamsprozession mit Bratwurstdampf und Frittenqualm, Frömmigkeit mit Entertainment mischt. Immerhin fünfzig Menschen hätten hier sein Beichtmobil genutzt, fünfzig von sechzigtausend, das sei nicht schlecht, im sonnenstrahlenden Osnabrück.

Sind wir nicht alle Weltveränderer?

Schon das in unschuldigem Babyblau gestaltete Programmheft, mehr als fünfhundert Seiten dick, hatte auf ein Themengewirr vorbereitet. Kinderarmut, spirituelle Tänze, Nein zur Todesstrafe, HipHop, „Lesbisch, na und?“, Afrika, Bau von Sonnenkollektoren, Regiogeld, Biosprit, Globalisierung, „Bist du auch ein Weltveränderer?“. In der Innenstadt kreuzen sich die Wege von Predigern, Ordensleuten in braunen Kutten, gutartig blickenden Menschen mit gelben Jutebeuteln, von über tausendachthundert Helfern mit hellblauen Halstüchern. Nonnen rasten auf Papphockern, Väter und Kinder vespern Bananen, Frauen in blauer Kostümierung tanzen auf einer Bühne vor dem Theater in sternförmigen Glücksformationen zu einem fremdartig modernen „Kyrie Eleison“.

Das überschaubare Osnabrück gibt einen beruhigenden Kontrast zu dem Wimmeln der Menschen mit hundertfältigen Zielen ab. Die bunten Häusergiebel rund um den romanischen Dom und das leuchtend gelbe Schloss bieten eine warme Kulisse für den siebenundneunzigsten Katholikentag, heimeliger als Messehallen wie zuletzt vor zwei Jahren in Saarbrücken. Die Osnabrücker, freundlich, herzlich, bieder, freuen sich, wenn Gäste kommen. Politiker, Presse, der Kirchentag sind ihnen sehr willkommen. Die Zeitung wird schreiben, Osnabrück habe sich von seiner besten Seite gezeigt. Zum ersten „klimaneutralen“ Katholikentag aller Zeiten.

Netzwerken im Auftrag des Herrn

Über Hunderte katholische Gruppen und Bürgerinitiativen stellen sich auf allen Plätzen der Innenstadt in Zeltsiedlungen vor, die weiß in der Sonne leuchten. Manche sagen: „Stimmrechte bündeln“, „Plattformen schaffen“, „Netzwerke spannen“. Man übt den Dialog mit Muslimen und Juden, auf einem Schulhof präsentieren sich feministische Gruppen. Ein Mann in Lederjacke bietet riesige Leinentücher mit Erweckungsmotiven zum Verkauf an; am Gitter des Schulhofs der kirchlichen Ursulaschule hängt ein altes Schild: „Sie verlassen den katholischen Sektor. ABI 87.“

Das Logo des fünftägigen Ereignisses zeigt fünf Hände, die sich kreisförmig nach außen öffnen. Es könnte für die Heterogenität derjenigen stehen, die sich katholisch nennen. „Du führst uns hinaus ins Weite“, ist das Motto, eine Modifikation des Davidpsalms 18. Die Reise durch die unendlich weite Programmwelt der Katholiken führt den Originalität suchenden Gast auch zur Gala mit dem schillernden Titel „Gott ist schön - Schönheit als Ideal von Models und Designern, Nonnen und Muslimen“. Einige hundert Gäste sehen hier erst mal eine Modenschau. Ein dunkelhäutiges Model in kurzem Rock und einem BH aus Kürbissen, eine blonde Frau im bunt kronkorkenbestickten und mit Plastikstrohhalmen verzierten Kleid. „Hier sieht man die Schönheit der Frau, die innere Schönheit, aber auch die Schönheit des Kleides“, sagt die Designerin am Mikrofon, nicht ohne den guten Zweck des Kleidungsstücks zu unterstreichen: Eine kenianische Ordensschwester schneiderte es.

Der Kongress tanzt

Andernorts bekennt sich der Designer Fischenich aus Köln zum Katholizismus, der Moderator fragt, ob das nicht sehr exotisch sei, der Designer verneint. Dann folgt der Auftritt eines Imams. Der Imam schickt mit tief verschlossenen Augen seinen arabischen, alternierenden Gebetsgesang über die Lautsprecher ins Publikum, die Leute sollen die Schönheit spüren. Gleichzeitig lassen sich in den Aktionsecken Teilnehmerinnen schminken, fotografieren, von Profi-Duftberaterinnen einparfümieren. Die Besucher des Katholikentags sind jung, fast jeder zweite unter dreißig, und überwiegend weiblich. In diesem Umfeld liest der muslimische Zentralratspräsident Ayyub Axel Köhler dem Publikum etwas Koran, auf Arabisch. Der Moderator dankt es ihm: „Herr Köhler, Sie haben unser Herz ergriffen.“ Nun fehlt in der skurrilen Gala nur noch die Ordensschwester, die zu einer Filmeinspielung die Holzfigur eines blutüberströmten, gerade auferstandenen Christus beschreibt. Der Moderator schließt: „Und jetzt tanzt er.“ Am Ende tanzt der ganze Kongresssaal einen Friedenstanz.

Merkel, Köhler, Schäuble, Gysi, Beck, die größten Podien bringen die großen Politiker aller Parteien nach Osnabrück, das am Donnerstag frenetisch jubelt, als Angela Merkel das Podium im Europasaal der Stadthalle betritt. Sie winkt mit verlegener Größe, die Stadthalle ist eng gefüllt, das Thema heißt Klimawandel, wie auf hundert Landwirtschaftsmessen, Jugendkongressen oder Fernsehsendern zuvor. „Kohlenstoffschuld“, sagt jetzt ein Klimaforscher. Eine Gruppe von Demonstranten hält ein riesiges Transparent mit fordernden, bunten Buchstaben hoch, das sich an die Kanzlerin richtet: „Wo bleibt der Kohleausstieg?“ Die Leute klatschen, Merkel kontert, übt Amerika-Kritik, die Leute klatschen. Die Kohlenstoffschuldfrage bleibt.

Sünder ohne schlechtes Gewissen

Die Gletscher in Tibet, die Armen Afrikas, man darf sich schuldig fühlen. Das Podium wird zum öffentlichen Beichtstuhl. Klaus Töpfer sagt: „Ja, auch ich bin ein Sünder. Aber ich habe kein Problem damit, wenn Frau Merkel mit dem Flugzeug nach Südamerika fliegt.“ Diese lächelt höflich. Kein Theologe sitzt auf dem Podium.

Jemand hätte sagen können: Wenn die Leute Gott haben, wollen sie gar nicht mehr so viel durch die Welt fliegen, suchen weniger Ersatzbefriedigung, sehnen sich nicht nach Weltraumtourismus. Theologische Standpunkte. Keiner sagt so etwas, die Bischöfe reden auf den Podien wie Sozialpolitiker. Politische und religiöse Veranstaltungen bleiben getrennt wie Staat und Kirche, der Ort für Spiritualität sind die Freiluftbühnen, auf denen Zehntausende ergreifende Großgottesdienste verfolgen, und der zart erleuchtete Steindom, wo fast rund um die Uhr Messen stattfinden. Bibelimpulse und theologische Diskurse finden meist in Klassenräumen der Schulen statt.

Gott geht nie ins Internet

In einer Einkaufsgasse öffnet sich dem Besucher des kleinen Schnickschnackgeschäftes „L'Artiste“ zu entspannendem Swing-Piano der Blick auf einen rosaplüschigen Verkaufsaltar. Plastikfiguren eines Papstes, deren Arme wackeln und die sich über eine am Kopf montierte Schnur an Autospiegeln befestigen lassen, liegen auf einem Stapel. Fünfzehn Euro. Daneben Frühstücksbrettchen mit Kitschmotiven von Jesus und der Gottesmutter. „Der Papst geht besser als die Frühstücksbrettchen“, sagt der Ladenbesitzer und wirft die Frage auf, ob dies Blasphemie sei. Man einigt sich auf „natürlich“, aber dafür seien die Figuren ganz fair in Bayern hergestellt und nicht in China, sagt der Mann in gütigem Ton, als müsse er sich verteidigen.

Auch über den Wackelpapst gibt es eine Pressemeldung. Im Presseraum im Erdgeschoss der Stadthalle prasseln die Floskeln, Politikerforderungen und moralischen Statements der Diskutanten in Form von gelben Zetteln auf die Journalisten ein wie dicke Hagelschauer bei einem Sommergewitter. Helferinnen mit blauen Halstüchern stecken Hunderte von gelben Nachrichtenzetteln in die Fächer der Presse, von früh bis spät, immer neue. Darauf steht, A habe B gesagt, X fordere Y, „Gott geht auch ins Internet“, „Dreijähriges Mädchen im Fundbüro abgegeben“ oder „Bruder Paulus lässt sich die Laune nicht verderben“.

Eine Journalistin im Computerraum setzt einen Titel über ihren resümierenden Artikel über junge Katholiken: „Cool statt konservativ“. Ein neuer gelber Zettel liegt im Fach. Bischof Bode sagte, vermutlich im Spaß: „Die modernen Christenverfolger, das sind ja die Medien.“ Sonntagmittag vermeldet Zettel Nummer 272, der Katholikentag habe mit feierlichem Gottesdienst geendet. Hans-Joachim Meyer vom Zentralkomitee habe darin an die Armen in Tibet, Burma und Simbabwe erinnert. Draußen vor der Stadthalle verteilen Assyrer Handzettel, die über Christenverfolgungen im Irak informieren.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

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