23.04.2009 · Der Welt Lust auf Deutschland machen: Frank-Walter Steinmeier schwört auf die Kultur. Bei aller Begeisterung für Kunst und Literatur scheint er jedoch deren rebellischen Kern zu fürchten. Ein Besuch bei den Tagen der auswärtigen Kulturpolitik in Berlin.
Von Andreas KilbDer Bundesaußenminister und Kanzlerkandidat der SPD liebt die Kultur, das ist gewiss. Es fällt ihm nur schwer, diese Liebe so darzustellen, wie man es im Medienzeitalter von einem Politiker erwartet. Wenn Frank-Walter Steinmeier sich öffentlich zur Kulturpolitik äußert, spricht er darüber wie über ein Sofortprogramm zur Eindämmung und Vermeidung von Sturmfluten und Epidemien. Angesichts der Weltlage mit ihrer zunehmenden „Überformung von Konflikten durch religiöse und kulturelle Differenzen“, sagt er etwa, sei „Krisenmanagement mehr denn je gefragt“; auch müsse man nach den „kulturellen Ursachen“ für das gegenwärtige Versagen des Kapitalismus suchen. Selbst in Kulturdingen bleibt Steinmeier der Verantwortungsethiker, als der er sich in seinem neuen Buch „Mein Deutschland“ beschreibt. Das ist sympathisch, aber es erzeugt auch ein deutliches Gefühl von Distanz. Über Kultur als Projekt, scheint es, kann man mit Steinmeier gut reden, über Kultur als Leidenschaft eher nicht.
Dabei zeigt sich Steinmeier im kleineren Kreis durchaus als begeisterter Förderer von Kunst und Literatur. Stolz erzählt er von jenem jungen isrealischen Schriftsteller aus einer von der Shoah geprägten Familie, den das Auswärtige Amt trotz dessen Skepsis gegenüber Deutschland zu einer Lesung nach Berlin einlud und der anschließend gerührt darum bat, wiederkommen zu dürfen. Auch die offizielle Bilanz von dreieinhalb Jahren Steinmeierscher Kulturpolitik kann sich sehen lassen: Das Goethe-Institut steht mit sechs neuen Häusern und einer Etatsteigerung von gut dreißig Prozent besser da als je zuvor, die deutsch-türkische Universität im Istanbuler Stadtteil Tarabya ist auf dem Weg, und auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking wird noch in diesem Jahr eine große Ausstellung über die Kunst der Europäischen Aufklärung eröffnet. Die Konkurrenz in den anderen großen europäischen Kulturinstituten hat längst bemerkt, dass Deutschland in der Ära Steinmeier wieder stärker ins Spiel kommt.
In der Deutschstunde Steine sammeln
Aber der Minister, der für die deutsche Kultur im Ausland so viel Gutes tut, hat zugleich eine seltsame Scheu davor, sich zu ihrer politischen Funktion zu bekennen. Kultur, sagt Steinmeier, sei kein Mittel, sondern ein Zweck. Dieser Satz gilt vermutlich für jeden Bereich des gesellschaftlichen Lebens außer für die Politik. Für den Politiker wird alles, was er anfasst, zum politischen Instrument, so wie für den Künstler jede Erfahrung zum schöpferischen Material wird. Und warum sollte auch eine Ausstellung über die Kunst der Aufklärung keine aufklärerischen Werte propagieren? Fast scheint es, als fürchte sich der Kulturpolitiker Steinmeier vor der Berührung mit dem rebellischen Kern der Kunst, ihrem alle weltlichen und religiösen Ideologien in Frage stellenden Impuls.
Derselbe Widerspruch zwischen kulturellem Handeln und politischem Habitus, der die offizielle Erscheinung des Außenministers bestimmt, prägte auch die Konferenz „Menschen bewegen“, mit der das Auswärtige Amt die diesjährigen „Tage der auswärtigen Kulturpolitik“ bekrönte. Zwar drehten sich alle sieben Diskussionsforen mehr oder minder unverblümt um Kultur als eine Form des Politischen, sei es in Form von Künstlerstipendien, Vortragsreihen oder Sportveranstaltungen, aber im Programmheft war nur verschämt von „Spielräumen“ und „Impulsen“ die Rede. In den einzelnen Gesprächsrunden kam man aber dann doch rasch zur Sache. Im Panel „KulturKlimaWandel“ ging es darum, wie man den Amerikanern europäisches Umweltbewusstsein beibringen, beim „Deutschlandmosaik“ stritt man darüber, welches Bild der Kulturnation man den Indern im Jahr 2011 mitbringen sollte. In Indien, sagte Martin Roth, Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, erwarte man keinen deutschen Rap, man wolle die Sixtinische Madonna sehen; den Rap habe man selbst.
Wie man der Welt Lust auf deutsche Sprache und Kultur machen kann, hatte am Vorabend der Schriftsteller Jonathan Franzen gezeigt, dessen Lesung in der Temporären Kunsthalle am Schlossplatz der gar nicht so geheime Höhepunkt der Außenamts-Kulturtage war. Franzen las jene Kapitel aus seinem autobiographischen Skizzenbuch „Unruhezone“, in denen er von seiner Initiation in die deutsche Literatur erzählt, von den Deutschstunden des Zehnjährigen mit einer vollbusigen bayerischen Walküre, den Erlebnissen des Austauschstudenten in München und der College-Lektüre von Goethes „Faust“ und Kafkas „Prozess“. Er las auf Deutsch, so dass er seinen eigenen Text wie einen fremden vortrug; und doch wurde er, je länger der Abend dauerte, immer textsicherer und vertrauter mit den unvertrauten Lauten, in denen er seine Wandlung vom Knaben zum Künstler beschrieb. Wie sollte es der Bundesaußenminister doch einen Tag später in seiner Konferenzrede ausdrücken? Kultur könne „die Steine sammeln für die Brückenpfeiler, über die Verständigung läuft“. Der Stilist Franzen hätte an dieser Formulierung sicher einiges auszusetzen. An ihrem Inhalt aber wohl nichts.