27.06.2008 · Nicht nur mit seiner jüngsten Äußerung, die Türken seien die neuen Juden Europas, hatte Faruk Sen seine Aufgabe als Mittler zwischen den Kulturen in Frage gestellt. Immer wieder hatte er die Provokation gesucht. Nach 23 Jahren als Direktor des Zentrum für Türkeistudien in Essen soll er daher jetzt gehen.
Von Karen KrügerDreiundzwanzig Jahre lang hat Faruk Sen das Zentrum für Türkeistudien (ZfT) in Essen geleitet, jetzt soll er gehen. Mit dem gestern beschlossenen Antrag auf die Absetzung des Direktors reagierte der Stiftungsvorstand auf den Eklat, den Sen mit seiner Äußerung, die Türken seien die neuen Juden Europas, provoziert hatte. Mit dem Vergleich, den Sen in der türkischen Zeitung „Referans“ angestellt hatte, habe der Direktor den türkischen Medien einen verzerrten Eindruck über das Zusammenleben von Deutschen und Türken vermittelt, lautet die Begründung des Vorstands, die einer Ohrfeige gleichkommt. Nicht nur die jüngsten Äußerungen des Direktors hätten dem Vertrauensverhältnis zum Vorstand schweren Schaden zugefügt. Faruk Sen fördere nicht das Verständnis zwischen Deutschen und Türken und verstoße fortlaufend gegen den Stiftungszweck. Er sei deshalb schon mehrfach vom Vorstand auf seine Pflichten hingewiesen worden.
Um welche Art von fortlaufenden Verfehlungen es sich dabei handelt, wollte das ZfT auf Nachfrage dieser Zeitung nicht konkretisieren. Der im vergangenen Jahr vom Landesrechnungshof Nordrhein-Westfalen erhobene Verdacht, Sen habe Fördergelder der Stiftung verschwendet, ist entkräftet worden. Fest steht jedoch, dass Faruk Sen sich mit seinem jüngsten Kommentar nicht zum ersten mal auf polemische Weise in der türkischen Öffentlichkeit zum Thema Integration geäußert hat - und damit ganz anders, als man es von ihm in Deutschland kennt. Immer wieder trat er, der sich vor deutschem Publikum gern als Musterbeispiel gelungener Integration präsentiert, in den türkischen Medien als Zeuge für Unrecht gegenüber Türken in Deutschland auf und bezeichnete die Bundesrepublik im Zusammenhang mit den EU-Beitrittsverhandlungen gar als „Architekten der Diskriminierung“.
Vom friedlichen Miteinander und von den Bemühungen um Integration, der sich das ZfT unter der Schirmherrschaft der nordrhein-westfälischen Landesregierung verschrieben hat, war dagegen kaum die Rede. Als Sen im Jahr 1998 - trotz erheblicher Widerstände - der Verdienstorden des Landes verliehen wurde, befürwortete der damalige deutsche Botschafter in Ankara, Hans-Joachim Vergau, diese Entscheidung ausdrücklich nicht. In seiner Begründung schreibt er an das Auswärtige Amt über Sen: „Er versteht es, diese - oft in den Mantel scheinbarer Wissenschaftlichkeit gekleideten - Polemiken fast in der gesamten, ihm bereitwillig offenstehenden Presse- und Fernsehlandschaft innerhalb der Türkei deutlich sichtbar unterzubringen. Stellt man ihn zur Rede, so hält er stets wenig glaubwürdige Ausreden bereit (ungenau zitiert, aus dem Zusammenhang genommen, nicht autorisiert). Im Gegensatz dazu verfolgt er in Aussagen gegenüber deutschen amtlichen Vertretern fast immer eine konstruktive und ausgewogene Linie.“ Zu diesem Eindruck passt auch, dass die türkische Übersetzung von Pressemeldungen, die Sen im Namen des ZfT veröffentlichte, oft einen deutlich schärferen Ton trugen als ihre deutsche Version.
Faruk Sen hat seine Äußerungen inzwischen bedauert. Ob er als Direktor tatsächlich entlassen wird, muss nun das Kuratorium der Stiftung entscheiden, an dessen Spitze der Integrationsminister Armin Laschet steht.