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Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Deutsch-jüdisches Verhältnis Pau und Kohl

01.10.2009 ·  In der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg wird das vielbeschworene deutsch-jüdische Verhältnis seit dreißig Jahren auf einzigartige Weise gepflegt. Doch zur Eröffnung des Neubaus erschienen kaum deutsche Politiker. Helmut Kohl kam trotz Erkrankung - und ließ durch seine Präsenz aktuelle Politik und ihre Wichtigkeiten augenblicklich verzwergen.

Von Frank Schirrmacher
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Das deutsch-jüdische Verhältnis ist ein beliebtes Thema für politische Sonntagsreden. Nur dort, wo es aktuell, also gelebt wird und wo Fernsehkameras fehlen, fehlen leider allzu oft auch die Politiker. Gestern wurde in Heidelberg der Neubau der Hochschule für Jüdische Studien feierlich eröffnet (siehe auch: Salomon Korn: Deutsch-jüdische Kultur? Ein Phantom!). Hier ist in dreißig Jahren das entstanden, was Micha Brumlik ein „geistiges Zentrum des neuen deutschen Judentums“ nennt.

Die Hochschule, die mittlerweile sogar eine Ausbildung zum Rabbiner anbietet, hat das Promotionsrecht und verfügt faktisch über den Rang einer jüdisch-theologischen Fakultät, in der übrigens mehr nichtjüdische Studenten studieren als jüdische. Heidelbergs Hochschule, deren Lehrgebäude der Spruch „Dem lebendigen Geist“ von Friedrich Gundolf zieren könnte, ist damit zu einem europäischen Zentrum jüdischer Geistigkeit geworden.

Kohls Auftritt: enorm

Es mag ja sein, dass die großen Geschäfte der Politik Politiker davon ferngehalten haben, an diesem Festakt teilzunehmen. Aber auffallend war doch, wie viele von denen, denen keine Talkshow zu weit entfernt ist, um eine Reise anzutreten, absagten oder gar nicht erst erschienen. Der Ministerpräsident, mit dem der Termin abgestimmt war, schickte seinen Minister, weil er nach Japan musste. Die Bundesbildungsministerin fehlte, von der übrigen Bundesregierung kam kein einziger Vertreter. Um so mehr verdient aufgeschrieben zu werden, wer da war: Petra Pau, von der Linken, für die der Termin erkennbar kein Pflichttermin war, sondern eine Herzensangelegenheit.

Es werden ihr viele diesen Besuch nicht vergessen. Und dann kam im Rollstuhl Helmut Kohl. Der frühere Bundeskanzler sagt fast alle Termine ab. Doch das gestrige Datum war ihm wichtig genug, fast drei Stunden lang in einem engen, überfüllten und schlecht belüfteten Raum auszuharren. Kohl, trotz der großen Hemmnisse, die seine Erkrankung ihm auferlegt, hatte, wie seine Frau berichtete, fünfhundert Spenden-Aktien für die neue jüdische Hochschule persönlich signiert. Das ist in dem Zustand, in dem er sich körperlich befunden haben muss, eine wirkliche Herkules-Arbeit. Dieser acte de présence ließ aktuelle Politik und ihre Wichtigkeiten fast augenblicklich verzwergen. Kein Bundeskanzler hat wahrscheinlich mehr für die deutsch-jüdische Verständigung getan als Helmut Kohl, und wer ihn gestern erlebte, begriff, wie groß die Lücke ist, die das allmähliche Verschwinden seiner Generation reißt. Kohls Auftritt, der keiner Rede und keiner Worte bedurfte, war, in dem Lieblingswort des großen jüdischen Gelehrten Karl Wolfskehl, enorm.

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