Pierre Nora, der große alte Mann der französischen Geschichtswissenschaft, hat am 17. Februar im Feuilleton dieser Zeitung in einem Interview seiner Sorge um die „fragile Grundlage“ der deutsch-französischen Verständigung Ausdruck verliehen. Die von ihm vorgebrachten Argumente sind ernst zu nehmen, und der Grundtenor seiner Analyse ist besorgniserregend - wenn sie denn zutrifft. Viele seiner Argumente halten einer Analyse der empirisch belegbaren aktuellen Situation der deutsch-französischen Zusammenarbeit nicht stand, andere können völlig anders als in der von ihm gewählten nostalgischen Perspektive gelesen werden.
Im Kern seiner skeptischen bis pessimistischen Analyse steht der vermeintliche Schwund der wechselseitigen Sprachkenntnisse. In der Tat stagniert die Anzahl französischer Deutschschüler auf vergleichsweise niedrigem Niveau, in Deutschland sind die Französischlehrer auf etwas höherem Niveau stabil. Aber die sprachliche Realität ist heute viel komplexer. Sprachkompetenz wird heute oft in der nachschulischen Arbeitswelt erworben, und häufig finden wir sehr unterschiedliche Niveaus von passiven und teilweise aktiven Kenntnissen der deutschen beziehungsweise französischen Sprache vor. Wer nach der kommunikativen Leistung von Sprache fragt, der kann heute viele positive Phänomene zwischen Deutschen und Franzosen beobachten, bis hin zur Benutzung der globalen Verkehrssprache Englisch.
Nora beklagt besonders den schwindenden Grad deutsch-französischer Verständigung in akademischen Kreisen, also in der geistigen Elite unserer Länder. Als Beleg führt er die gekürzten Zuschüsse für das sozialwissenschaftliche Forschungszentrum Centre Marc Bloch in Berlin an. Dabei übersieht er eine ganze Reihe von erfolgreichen Initiativen, die zu einem ganz erheblichen Zuwachs an Austausch geführt haben.
Faszination ist nicht gleichbedeutend mit Kenntnis und Verständnis
Als ich in meiner Zeit als Ministerpräsident von Baden-Württemberg vier Jahre Kulturbeauftragter Deutschlands mit Frankreich war, habe ich mich neben einer Förderung der Sprache des Nachbarn im Schulsystem vor allem für eine Deutsch-Französische Hochschule eingesetzt. Sie kam in mehreren Gesprächen mit den französischen Ministern und auf den halbjährigen Treffen des französischen Präsidenten mit dem deutschen Bundeskanzler zustande. Unter dem Dach der 2000 gegründeten und von beiden Staaten massiv geförderten Deutsch-Französischen Hochschule werden deutsche und französische Akademiker in Doppeldiplom-Studiengängen ausgebildet, und niemals haben so viele deutsche Studenten an französischen und französische an deutschen Hochschulen studiert, und zwar in einem ausgeglichenen Verhältnis.
Für die Geistes- und Sozialwissenschaften, zu denen auch Philosophie und Geschichtswissenschaft gehören, sind spezielle Förderprogramme aufgelegt worden. Im Ciera (Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l’Allemagne) werden zahlreiche an Deutschland interessierte französische Institute und Universitäten zusammengeführt und der Austausch mit deutschen Partnern gefördert. Und die vor wenigen Jahren in Frankreich neu gegründete Agence Nationale pour la Recherche (ANR) hat mit der deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ein gemeinsames Förderprogramm für die Geistes- und Sozialwissenschaften aufgelegt. An Einsatz von Steuergeldern und innovativen Ansätzen fehlt es also wirklich nicht, auch wenn der etwas reduzierte Zuschuss zum Centre Marc Bloch bedauerlich ist. Beide Regierungen haben sich in der sogenannten Agenda 2000 für eine Aufstockung der Mittel für die Deutsch-Französische Hochschule ausgesprochen. All dies ist genau in jener Epoche nach dem Fall der Mauer geschaffen worden, die Nora als in besonderem Maße desengagiert sieht.
Im zweiten Teil des Interviews beklagt Nora den Mangel an Faszination und den allgemeinen Verfall dessen, was man die traditionelle, auf den Humanismus zurückgehende Geisteswissenschaft nennen könnte. Der Titel des Beitrags (“Man hat sich auseinandergelebt“) suggeriert hierbei ebenso wie manche Aussage Pierre Noras, dass es „früher besser gewesen ist“. Richtig ist sicher, dass in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten die bis zur Fixierung reichende Faszination für den jeweils anderen Staat und Kulturkreis größer gewesen ist. Richtig ist aber auch, dass diese Faszination nicht gleichbedeutend mit Kenntnis und Verständnis war, im Gegenteil. Wer aus vielleicht ganz rationalen Gründen im anderen Land studiert und gearbeitet hat, wer zu seinem persönlichen Freundeskreis ganz selbstverständlich Franzosen beziehungsweise Deutsche zählt, bei dem stehen persönliche subjektive Kenntnis ebenso im Vordergrund wie die rationale Erkenntnis, dass Deutsche und Franzosen trotz aller strukturellen Unterschiede ihrer politischen Rahmenbedingungen heute viel mehr Gemeinsamkeiten haben als vor fünfzig Jahren. Die aktuelle Schuldenkrise in Europa zeigt doch, dass die wechselseitigen Abhängigkeiten größer sind als alle Versuchungen, in nationalen Kategorien zu denken, auf die Nora zu Recht warnend hinweist.
Der schönste Beweis für das zusammenwachsende Europa
Natürlich kann man bis heute nicht von einer deutsch-französischen Gesellschaft oder deutsch-französischen Kultur sprechen. Aber ist das überhaupt wünschenswert? Sicherlich sind heute die Verflechtungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen, und eben nicht im elitären Zirkel der akademischen Eliten, um ein Vielfaches stärker als früher. Dabei braucht man nicht einmal auf die einmalig dichte Verflechtung der Volkswirtschaften zu verweisen. Ein Blick auf die Entwicklungen der Städtepartnerschaften zeigt dies genauso deutlich: Von den heute ungefähr 2400 Partnerschaften zwischen deutschen und französischen Gemeinden sind zwar viele in den sechziger Jahren entstanden, genauso viele aber in den vergangenen zwanzig Jahren. Und die deutsch-französischen Gesellschaften, die oft als verstaubtes Relikt aus Nachkriegszeiten belächelt werden, sind heute von hoher Professionalität und pragmatischer Kooperationsdynamik gekennzeichnet. Natürlich gilt dies immer nur für einen Teil der Gesellschaft, oft für die sogenannte Elite.
Aber im Unterschied zu früher ist auch der Blick der Durchschnittsbürger auf das jeweils andere Land befriedet und wohlwollend. Zahlreiche Umfragen zeigen übereinstimmend, dass für Deutsche und Franzosen ihr engster Nachbar keine Bedrohung mehr darstellt, als grundsätzlich positiv wahrgenommen und mit großer Mehrheit geschätzt wird. Für das zusammenwachsende Europa, dessen bedeutender Ausdruck die deutsch-französische Verständigung und Kooperation sind, kann es eigentlich keinen schöneren Beweis geben.
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