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Veröffentlicht: 02.04.2012, 15:15 Uhr

Detektive im Netz Jasmine oder Jasmin?

Netz-Recherche ist nicht ungefährlich. Zumal, wenn eine Front-Frau der Piraten das Objekt der Googlelei ist : Wie „Cicero“ einen Skandal suchte und fand.

© dapd Nicht verwechseln: Hier die zukünftige saarländische Abgeordnete der Piratenpartei Jasmin Maurer - und nicht etwa Sängerin „Blümchen“.

Die prometheische Geschichte von Kohle und Stahl, die Kriege, die Industriekultur, die wechselnde staatliche Zugehörigkeit, die eigene Fußballnationalmannschaft, die Rückkehr zur Bundesrepublik, Ludwig Harig, Cindy und Bert, Oskar und Sarah. Es gibt - welcher Saarländer würde widersprechen? - kein erstaunlicheres Bundesland als das Saarland. Und da das Saarland im Herzen Europas liegt und Europa für uns Europäer so zentral ist und der eben neu gewählte saarländische Landtag wiederum Herz und Hirn des Saarlandes bildet, darum also sind saarländische Landtagsabgeordnete die wichtigsten Menschen des Planeten - und unter ihnen vor allem die eine, der das angesehene Berliner Politmagazin „Cicero“ nun eine eigene Enthüllungsgeschichte gewidmet hat.

Das muss man erst mal schaffen, wenn man Jasmin Maurer heißt, 23 ist und aus Blieskastel kommt: Noch vor dem ersten Tag am Steuerknüppel des Weltgeschehens, wie der saarländische Landtag von uns immer genannt wird, kann schon der erste kritisch-investigative Artikel in die Pressemappe. Richard Nixon musste Jahre darauf warten!

Das Kulturelle ist keine Verbindung

Der „Cicero“-Autor machte sich auf die Spuren der Dame in den Weiten des Netzes, was nicht ungefährlich ist, da sich bei einer Bildersuche unter dem fraglichen Vornamen recht bald die früher als Blümchen bekannte Schlagersängerin finden lässt, die nicht jeder gut verträgt.
Worin besteht sie? Aus den Geschmacksverirrungen einer Teenagerin: „Als Schülerin verfasste sie düstere Lyrik.“ Und mehr noch, sie „reagiert auf Fragen nach ihrem Privatleben gereizt“. Beides in der Tat besorgniserregende Züge, die zudem noch auf nahezu jeden und jede zutreffen, kein Wunder wird einem um die Zukunft der Menschheit angst und bange.

Wo die „Oberpiratin“ keine Auskunft geben mochte, springt natürlich eine Suchmaschine ein, hier endet leider auch schon der lustige Teil der Geschichte, es wird kompliziert. „Cicero“ findet eine Jasmin Maurer, also fast, denn sie nennt sich Jasmine Maurer und kommt aus Friedrichstal, während die Landtagsabgeordnete aus dem lieblichen Blieskastel kommt. Beide Orte liegen bei Googlemaps nicht weit voneinander entfernt, kulturell aber trennen sie Welten. Dass eine Blieskastelerin sich als eine Friedrichstalerin ausgibt, ist ungefähr so wahrscheinlich, wie dass ein Dudweilerer sagte, er stamme aus Sulzbach, oder ein Münchner aus Falludscha oder Nürnberg. Jedenfalls erklärte Jasmin nach Veröffentlichung des Artikels, sie sei nicht Jasmine und benutze auch nicht die Mailadresse „SatansBraut89“, sondern „satansbraut89“ mit kleinem b.

Der Lebensgefährte kommt gleich auch ins Visier

Um diese typographischen Tücken geht es, aber nicht nur: Das Profilbild der einen gleicht nicht der anderen. Wenn man sich selbst in die Sache vertieft, ist man ganz verloren, landet bald auf Hamsterzuchtseiten und fragt sich spätestens dann, was das eigentlich soll. Schwerster Vorwurf ist jedenfalls ein Satz über Bundeswehrsoldaten, die - so Jasmine, nach Auffassung des „Cicero“-Autors aber auch Jasmin - nicht im Irak sterben sollen, wozu „Cicero“ anmerkt, es seien dank Schröder gar keine deutschen Soldaten im Irak, weshalb dort auch keine Gefallenen zu befürchten seien, was Jasmin(e) ja genau fordert und begrüßt, womit alle einer Meinung wären.

Schon skandalöser klingt ein alter Blogeintrag des Lebensgefährten von Frau Maurer, der sich zu gnädig mit der NPD befasst. Doch der Mann ist ja nicht gewählt, und Politiker für die Blogs ihrer Angehörigen haftbar zu machen ist Ausweis journalistischer Materialknappheit bei gleichzeitigem Skandalisierungswillen, das österliche Pendant zum entlaufenen Panther im Stadtwald, der uns die Sommermonate füllt. „Fischen die Piraten ihre Wähler in den trüben Gewässern des Rechtspopulismus ab?“, fragt „Cicero“ besorgt. Und was für eine perfide Form des Populismus wäre das: ein Geheimpopulismus!

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Vielleicht ist nicht viel los, vielleicht ist Woody Allen zum Gastregisseur des öffentlichen Lebens geworden, und keiner hat es gemerkt, vielleicht sind die Piraten, die sich so unerfahren und politikfern geben, in Wahrheit unerfahren und politikfern. Eine ciceronische Moral hat die Geschichte dennoch: Achtet darauf, was ihr im Netz schreibt, achtet darauf, was eure Freunde, Verwandten und Kinder im Netz schreiben, und hängt ab und zu mal ein „e“ an euren Namen und sucht, was der oder die so veröffentlichen. Ja, es ist schon eine „unbarmherzige Erinnerungsmaschine“, dieses Internet, da haben sie doch mal recht, bei „Cicero“.

Hinweis: Die Passage zu „Blümchen“ wurde präzisiert, da nur der Vorname der Damen identisch ist. Die Sängerin heißt Wagner mit Nachnamen. Es sei noch angefügt, dass „Blümchen“ hier augenzwinkernd, humorvoll und in satirischer Absicht erwähnt wird und mit dem ganzen Fall nichts zu tun hat. Danke dennoch an die vielen freundlichen Hinweisgeber.

Quelle: F.A.Z.

 

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