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Zwang und Lieblingsessen : Eine Bratwurst zum Nachtisch

Wer kann an diesem Stand im Züricher Hauptbahnhof schon vorbeigehen? Bild: tob

Auf Reisen ist der Drang zum Ritual besonders groß: Als wäre die Welt erst dann richtig rund, als hätte man erst dann wieder Stand im Leben, wenn man diese eine Bratwurst in Zürich gegessen hat.

          Ich konnte nicht anders. Es musste sein. Endlich wieder in Zürich, nach so langer Zeit, und dann keine Bratwurst zu essen: Das ging nicht. Es hatte halt immer schon dazugehört. Und darauf verzichten wäre eine Niederlage gewesen. Oder anders: Alles hätte sich unvollständig angefühlt, so schön der Tag auch gewesen war, so rund es auch lief, der Himmel blau, der See glitzernd aus Seide: Ich konnte also nicht anders. Trotz eines Mittagessens direkt davor, mit zwei Gängen: Ich musste die Bratwurst einfach essen, als Nachtisch sozusagen.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nicht irgendeine Bratwurst aus Zürich: eine Kalbsbratwurst. Vom kleinen Grillstand der „Brasserie Federal“, die seit Jahren schon dort im Züricher Kopfbahnhof steht, wo die Züge ankommen. Eine hellweiße Wurst mit schwarzen Brandspuren, die in eine Art Butterbrotpapier eingerollt wird, damit man sie heiß in den Fingern halten kann, dazu etwas Senf und ein sogenanntes Treberbrötchen, dunkel, rauchig: Das nimmt man sich hier selbst aus einem großen Spender.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Und weil man sich so darüber freut, dieses Brötchen nicht extra bezahlen zu müssen wie sonst noch an jeder Berliner Currybude, und weil das ganze Selberbrötchennehmen im piekfeinen Zürich so ein menschlicher Moment ist, vergisst man sofort, sein Wechselgeld zu zählen – viel kommt eh nicht zurück, wir sind ja im piekfeinen Zürich. Die Bratwurst ist samtig, die Röstaromen subtil und das Ganze so ein exquisiter Genuss, dass die Wurst schon wieder weg ist, kaum dass man angefangen hat, sie zu essen. Und dann will man mehr. Eine Bratwurst zum Nachtisch, sozusagen.

          Solche Selbstritualisierungen sind auf Reisen besonders ausgeprägt. Der amerikanische Komiker Louis C. K. hat in einem seiner Programme mal von seiner Abhängigkeit von einem fürchterlichen Gebäck namens Cinnabon erzählt: eine Zimtschnecke mit Zuckerglasur, eine sechsstellige Kalorienangelegenheit, die er aber zwanghaft in sich hineinstopfen muss, so oft es geht, freudlos und fettig: „Ich esse Cinnabons sogar auf Flughäfen, wo ich gerade gelandet bin“, sagt er, und das ist einerseits sehr witzig, weil es den Grad seiner freudlosen Fressverzweiflung schön beschreibt: Andererseits stellt Louis da aber eine Weisheit über das Essen unterwegs auf den Kopf, auf Dienstreisen, wo sechsstelliges Fettessen ja die Belohnung für lange Tage ist, und zwar vor dem Rückflug, nicht gleich nach der Landung – ich habe das immer Rechercheburger genannt, was wohl keiner weiteren Erklärung bedarf. Ein Ritual, ein Ankommen weit weg von zu Haus’, es macht die Welt jedes Mal etwas runder, mit Zuckerglasur.

          Quelle: F.A.S.

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