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Irak-Kenner Sherko Fatah : Der Westen ist weich, der Osten fast ohne Hoffnung

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Sherko Fatah im Kunstquartier Bethanien in Berlin-Kreuzberg. Bild: Pein, Andreas

Er beschrieb die Vorläufer des „Islamischen Staats“: Über den großen deutschen Erzähler Sherko Fatah, in dessen Kopf und in dessen Romanen es zum permanenten Crash der Kulturen kommt.

          Was ist in uns, wenn nichts mehr um uns ist? Was ist der Kern von uns, der Kern der Geschichten, die wir gehört haben ein Leben lang? Die Geschichten der Eltern, die Geschichten des Landes, in dem wir aufgewachsen sind? Was bleibt am Ende, in der Einsamkeit, in der Leere, wenn wir abgemagert sind, bis aufs Skelett der tiefsten, der intensivsten Erfahrungen unseres Lebens? Was sind wir?

          Sherko Fatah, 50, ist ein Abmagerungskünstler der Geschichte. Er führt seine Figuren ans Ende ihrer Welt, an den Gegenpol ihrer bisherigen Erfahrungen und sieht zu, was ihnen geschieht. Er ist ein realitätsbegeisterter Phantast, ein Weltbeschreiber an Orten der Leere. Fast alle seine Bücher spielen im Nordirak, im Grenzgebiet zu Syrien und der Türkei, wo täglich neue Grenzen entstehen, wo die verschiedensten Völker und Religionen mal miteinander leben, mal gegeneinander, sich ermorden, hassen oder ignorieren. Die Protagonisten seiner Romane sind gefallene Gotteskrieger, Glückssucher, Stürzende, die von einem Pol der Welt zum anderen geraten, vom Westen in den Anti-Westen oder umgekehrt, und die in jener anderen Welt alles in Frage stellen, was zuvor die Grundlage aller ihrer Überzeugungen war. Systemkarambolage im Kopf. Explosion. Auslöschung.

          Das Bevorstehende klang in seinen Werken an

          Sherko Fatah erzählt die spannendsten und spannungsreichsten Geschichten in der deutschen Literatur der Gegenwart. Er stammt, wie viele der besten unserer Autoren im Jetzt, aus vielen Herkunftswelten. 1964 kam er in Ost-Berlin zur Welt, seine Mutter stammt aus Masuren, sein Vater aus dem Norden des Iraks. Mit einem Stipendium war der als Student in die DDR gekommen und geblieben. Er war nicht Teil der Nomenklatura, hatte aber, mit irakischem Pass, das unschätzbare Privileg, zu reisen, wohin er wollte.

          1975 siedelte die Familie zunächst nach Wien und dann nach West-Berlin über. Oft lebte die Familie aber monatelang auch im Irak. Von Welt zu Welt, von System zu System zu wechseln, gehört für Sherko Fatah also zum Leben dazu. Aber ursprünglich lernte er die Welt und was man von ihr wissen muss in den Geschichten kennen, die er von seinem Vater hörte, wenn der von einer seiner Reisen zurückgekehrt war. Die Welt als Erzählung.

          So ist er selbst zum Erzähler geworden. In dessen Geschichten sich abstrakte Politik in Erzählung verwandelt, Anschauung, Abenteuer, Lebendigkeit. „Für mich war es schon immer so“, hat Fatah vor einiger Zeit in der F.A.Z. geschrieben: „Alle paar Jahre wieder fand ich Geschichten, ausführlich erzählt oder auch nur beiläufig fallengelassen von Verwandten, die in der Krisenregion Irak leben, in den brandaktuellen Meldungen zur Weltpolitik wieder.“ Während der westliche Fernsehzuschauer so lange nichts von der Existenz einer Armee namens IS gehört hat, bis diese Truppen plötzlich ganze Landstriche und Städte besetzen und ein eigenes Kalifat errichten, sind die Vorläufer dieser Organisation längst schon Teil von Fatahs Romanwelt gewesen.

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