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Irak-Kenner Sherko Fatah : Der Westen ist weich, der Osten fast ohne Hoffnung

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Gegen diesen Vater hatte nicht Albert gekämpft, sondern zunächst seine geliebte Schwester Mila. Die aus Protest zu hungern begann, die anarchistische Widerstandsposen pflegte, den Vater in den Wahnsinn trieb. Und die Albert irgendwann einmal einen toten Skorpion hinter Glas schenkte. Gefrorene Wüste, totes Abenteuer, Gefahr in Plexiglas gesichert. Irgendwann war der Skorpion verschwunden. Und Alberts ewiger Wunsch, die Wüste zu sehen, musste Wirklichkeit werden.

Freie, fliegende Menschen

Osama findet in diesen Geschichten nichts, was sich gegenüber den Entführern für Albert verwenden ließe. Er, der eigentlich voller Sympathie für den weichen Westler war, verliert beinahe den Glauben: „Das nennt ihr Freiheit. Jeder macht den Unsinn, der ihm gerade einfällt, und so werdet ihr alt. Und damit es hier genau so wird, schickt ihr eure Panzer her.“

Einmal, durch einen plötzlichen Glücksfall, gelingt es Albert insgeheim, eine E-Mail an seine Schwester Mila zu schreiben. Er schreibt ihr, unter Todesgefahr, den Anfang des Romans „Kidnapped“ von Robert Louis Stevenson, um sie auf seine Situation aufmerksam zu machen. Osama, begeistert von Alberts Mut, fragt ihn, was er geschrieben habe.

Albert zitiert aus dem Kopf: „I will begin the story of my adventures with a certain morning . . .“ Das ist der Moment, in dem Osama am Verstand dieses westlichen Würstchens zweifelt. Was hat er gemacht? Einen Roman zitiert? Ist er verrückt? Wir brauchen Hilfe! Hubschrauber! Rettung! Jetzt! „Er verstand sie nicht, diese idealistischen, gut ausgebildeten, mutigen, wohlgenährten Kinder. Wie stolz musste dieser Deutsche auf die Exklusivität seiner Nachricht sein, noch dazu, da er sie an eine ferne Schwester schicken konnte, die so etwas war wie seine verbotene Geliebte. Das sind fliegende Menschen, dachte Osama. Sie sind wahrhaftig frei, so frei, dass sie sich verirren.“

Auch er kennt die Zukunft nicht

Fatahs Inszenierung dieses Kammerspiels ist genial. Die Gespräche, die Annäherungen, die Sympathien, die Grenzen der Verständigung, die immer wieder zu Tage tretende Fremdheit, die größer zu werden scheint, je näher man sich kommt, das ist phänomenal erzählt. „Zu Hause war es mir näher, als es mir hier je sein könnte“, denkt Albert so für sich. „Dort war das Fremde Abwechslung, Ausweis von Modernität.“ Es ist die große Stärke Fatahs, diese deutsche Fremdheitssehnsucht nicht als Kriegs- und Abenteuerkitsch zu entlarven, sondern als aus guten Gründen entstehende, tiefe Wünsche ernst zu nehmen. Sie zerschellen dann eben nur an der politischen, wirklich fremden Realität vor Ort.

Wenn man mit Sherko Fatah über die politische Gegenwart spricht, weiß er so wenige Lösungen wie wir. Er weiß nicht, ob man früh in Syrien hätte militärisch eingreifen müssen, statt nur die Chemiewaffen zu zerstören. Er weiß nicht, ob die Offensive der IS jetzt in letzter Konsequenz vor allem zur Gründung des neuen Kurdenstaates führen wird, weiß nicht, wie die Grenzen bald verlaufen werden. Sein Vater und viele Verwandte leben noch im Nordirak in Sulaimania, einer großen Stadt im Nordosten, die nicht direkt von den aktuellen Kämpfen betroffen ist. Wenn er mit seiner Familie vor Ort telefoniert, wissen die auch nicht mehr, als das, was sie im Fernsehen sehen. Da sind 50 Kilometer Entfernung so viel wie 5000.

Sherko Fatah weiß nicht, wie eine Lösung aussehen könnte. Er glaubt an Europa. Er glaubt, dass die europäische Idee neu erzählt werden muss. Wie jede politische Idee, damit sie Kraft gewinnt, so viel Kraft, dass sie am Ende siegt.

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