Der Vulkan von Wörlitz bricht an diesem Samstagabend um 20.42 Uhr aus. Es ist ein zivilisierter Berg, der keinen Schaden anrichtet, sondern Freude erweckt. Nicht der leiseste Wellenschlag kräuselt den See, aus dem er sich erhebt, und die Dämpfe, die er ausstößt, sind geruchsneutral. Für die Lava gibt es ein Auffangbecken gleich unter dem Gipfelkrater, und das Grummeln des Vulkans ist regulierbar. Ja, es ist ein Traum von einem Schreckensberg, der sich da in der Parklandschaft von Wörlitz erhebt, die Fürst Franz von Anhalt-Dessau im späten achtzehnten Jahrhundert hat errichten lassen.
Zwei Stunden vorher hat man den Berg erstmals rumoren gehört, doch die Geschichte der heutigen Eruption geht zurück bis ins Jahr 1788. Da beschloss der 1740 geborene und seit seinem achtzehnten Lebensjahr das kleine Fürstentum Dessau regierende Franz, sich einen Lebenstraum zu erfüllen und die beeindruckendste Landschaft, die er je gesehen hatte, zu sich nach Hause zu holen: die Bucht von Neapel mit dem Vesuv als Fokus.
Künstliche Eruptionen, mit Feuerwerk und Pauken
1766 war der junge Fürst in Begleitung seines Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff auf den Vulkan gestiegen, und sie hatten den britischen Gesandten im Königreich Neapel kennengelernt, den Lebemann, Antikensammler und vor allem Vulkanologen William Hamilton. Er brachte seinen deutschen Gästen die versunkenen Stätten von Pompeji und Herkulaneum nahe.
Mehr als zwanzig Jahre danach bekam Erdmannsdorff den Auftrag, das neapolitanische Natur- und Kulturschauspiel auf engstem Raume zu inszenieren. Im Wörlitzer Park, dem ersten Landschaftsgarten nach englischem Vorbild auf dem Kontinent, errichtete er eine künstliche Insel namens „Stein“, auf der verwinkelte Grottensysteme und antike Ruinen nachgebaut werden sollten, inklusive eines kleinen Amphitheaters. Noch während der Bauzeit reiste Erdmannsdorff noch einmal nach Neapel, um seine Eindrücke aufzufrischen.
Als er 1790 zurückkam, ging es richtig los: Etwas erhöht kam eine Replik von Hamiltons kleiner Villa Emma im Küstenort Posilippo zu stehen, und bekrönt wurde das Ensemble von einem Miniatur-Vesuv, der immerhin siebzehn Meter Höhe erreichte. Sein Clou: Man konnte mit ihm einen Ausbruch simulieren. Die ersten beiden künstlichen Eruptionen, mit Feuerwerk und Pauken inszeniert, erfolgten im Sommer 1794 - das Debüt zu Ehren des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II., die Reprise anlässlich eines Besuchs von Goethe. Niemals hat es seitdem mehr als zwei Ausbrüche in einem Jahr gegeben.
Alle Jubeljahre ein Ausbruch
Denn der Aufwand war immens, und im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte wurde die Insel Stein mit ihren Gebäuden und Installationen immer baufälliger, bis sie in der Endphase der DDR komplett gesperrt werden musste. 1999 konnte eine grundlegende Restaurierung angegangen werden, und 2005 spuckte der Vulkan erstmals wieder Feuer. Aber auch seitdem werden Ausbrüche nur alle Jubeljahre ins Programm genommen, um die Besonderheit des Ereignisses nicht zu entwerten. Zuletzt hatte der brennende Berg 2010 seinen großen Auftritt.
Danach hätte eigentlich wieder lange seismische Ruhe in Wörlitz herrschen sollen, doch das 800. Jubiläum des Landes Anhalt und das letzte Wochenende der immens erfolgreichen Pompeji-Ausstellung in Halle gaben jetzt schon Anlass, den Vulkan noch einmal in Betrieb zu nehmen. War der erste Ausbruch am Freitag noch etwas zu sehr in die tiefe Dunkelheit gerutscht, bot die zweite Eruption ideale Bedingungen.
Alle zwanzig Gondeln des Wörlitzer Gartenreichs sind an diesem Tag im Einsatz, um Zuschauer auf verschlungenen Kanalwegen an die Insel heranzurudern. Auf den Brücken und am Ufer stehen Vorleser, Sänger und Musiker des Sachsen-Anhaltischen Landestheaters von Dessau, die in klassizistischen Gewändern zum Anlass passende Texte und Musikstücke vortragen, einige Schauspieler sind in malerischen Posen quer durchs ganz Parkidyll verteilt.
Die Feuerwehr steht getarnt in Bereitschaft
Im Amphitheater auf der Insel Stein kulminiert das Konzert eines Leipziger Bläserquintetts in Händels Feuerwerksmusik. Das ferne Donnergrollen, das den ganzen Park durchdringt, entpuppt sich als lautsprechererzeugt - das einzige Zugeständnis an die Moderne, während sonst alles den Aufführungsbedingungen des achtzehnten Jahrhunderts folgt.
Und dann geht es schon wieder hinaus mit den Gondeln auf den See: In respektvollem Abstand zum Vulkan wird der Ausbruch erwartet, während sich Uferwege und -dämme mit Schaulustigen füllen. Die lokale Feuerwehr steht möglichst getarnt in Bereitschaft, um nötigenfalls den ganzen brennenden Berg wieder zu löschen.
Um 20.42 Uhr, mitten in der Blauen Stunde, entbrennt am Gipfel ein Flämmchen, und wenig später ist der ganze Vulkan in Feuerrot getaucht. Aus dem Krater fließt Wasser, das den Eindruck von Lava erzeugt, und durch reflektierende Materialien in der Steinhaut des Bergs über dem darunterliegenden Ziegelwerk werden Spalten und Fumarolen simuliert. Plötzlich explodiert mit Getöse ein weißes Feuerwerk - Nachahmung einer Bimssteineruption -, und für einige Sekunden ist die Insel Stein tatsächlich ein flammendes Inferno.
Um eine Desillusion reicher
Dann beruhigt sich alles wieder zum kontinuierlich roten Lavafluss; sorgfältig ist der plinianische Charakter der Vesuvausbrüche hier nachempfunden. Nach siebzehn Minuten endet unter dem Beifall der Zuschauer der geologische Ausnahmezustand. Kein Tsunami, keine glühende Aschewolke, keine Schwefelgase oder Schlammlawinen: alles, was den Vesuv für seine Umgebung zur tödlichen Bedrohung macht, ist in Wörlitz ins Arkadische überführt.
Fürst Franz lebte vor mehr als zweihundert Jahren den Traum der Aufklärung von der Herrschaft der Vernunft über das harte Naturgesetz. Heute sind wir um eine Desillusion reicher, deshalb hinterlassen die Annäherung an den Vulkan durchs paradiesische Gartenreich und die Rückfahrt nach der Eruption durch die stille Nacht tieferen Eindruck als die Präsentation eines Schreckens, dessen Mechanik nie ganz verborgen bleiben kann. Der Mensch kann am besten das inszenieren, was menschlichem Maß entspricht.
Franz hat das auch einsehen müssen. Am Ende seines Lebens gab er die Unterlegenheit seines Vulkanhügels gegenüber dem Vesuv zu: „Da zieht man allesamt den Kürzeren, zumal in einer Gegend, wo das Alles nicht hingehört und wie vom Himmel gefallen aussieht.“ Ein himmlisches Vergnügen indes bleibt es.