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Wechsel an der Verlagsspitze : Kann Suhrkamp auch sich selbst verändern?

Der neuen Aktionäre wegen haben sich die finanziellen Wogen des Verlags geglättet. Bild: dpa

Suhrkamp stand für den Wandel der Gesellschaft und der Debattenkultur – jetzt muss der Verlag zeigen, dass das auch für ihn selbst gilt. Der erste Schritt ist bereits getan.

          Der jahrelang in Zwistigkeiten verstrickte Suhrkamp Verlag kehrt in die wirkliche Welt zurück. Der Streit der Gesellschafter erinnerte in seiner fast schon mythischen Intensität an den längsten Prozess der Literaturgeschichte, den Charles Dickens in dem Roman „Bleak House“ beschrieben hat. Tatsächlich drohten die juristischen Querelen Suhrkamp den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Jahrelang war der Minderheitsgesellschafter Hans Barlach, der sich in seinen Rechten beschnitten sah, gegen den Verlag vor die höchsten Gerichte der Republik gezogen. Trotzdem verlegte Suhrkamp immer weiter Bücher, und die Autoren hielten dem Haus die Treue.

          Nun hat Suhrkamp erreicht, was viele für unwahrscheinlich hielten: Der von Peter Suhrkamp 1950 gegründete Verlag, den Siegfried Unseld in den siebziger Jahren zur geistigen Speerspitze der deutschen Avantgarde ausbaute, hat sich aus der Malaise befreit. In einer kühnen Transformation hat der Verlag nicht nur seine Rechtsform verändert und sich von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Knapp ein halbes Jahr nach dem Tod des Miteigentümers Hans Barlach sind außerdem sämtliche Streitigkeiten beigelegt, die den Verlag existentiell bedrohten. Auch die Insolvenzverfahren sind abgeschlossen. Nun hat sich Suhrkamp sogar personell erneuert, wie der Verlag nach seiner ersten Hauptversammlung in Berlin bekanntgab.

          Inzwischen ist es müßig, darüber nachzudenken, ob es zu dieser Einigung auch mit dem früheren Miteigentümer gekommen wäre. Aber so viel lässt sich sagen: Barlachs Nachfolger bei der Schweizer Medienholding, der Berliner Unternehmer Dirk Wöhrle, verfolgt offenbar einen versöhnlicheren Kurs als sein Vorgänger.

          Verlag muss zeigen, dass er sich verändern kann

          Die bisherige Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück und wechselt in den Aufsichtsrat. Mit Jonathan Landgrebe steht nun ein neuer Mann an der Spitze der Literaturverlags. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler ist seit 2007 für Suhrkamp tätig und gehört seit 2008 zur Leitung. In dieser Funktion hat er unter anderem Essay-Reihen für die Edition Suhrkamp entwickelt. Viel mehr weiß man noch nicht über den achtunddreißigjährigen Hamburger, der bislang eher im Verborgenen gewirkt hat.

          Gleichwohl ist er es, der das Haus nun durch eine Zeit führen muss, in der der Buchmarkt vor gewaltigen Umwälzungen steht. Die Digitalisierung, veränderte Lesegewohnheiten, eine veränderte Wissenschaftspublizistik – das alles wird an einem Haus wie Suhrkamp mit gut einhundert Angestellten und zweieinhalbtausend Autoren im Programm nicht spurlos vorübergehen. Es versteht sich von selbst, dass Landgrebe sich zur Tradition des Hauses bekennt. Die Frage ist vielmehr, was aus diesem Bekenntnis folgt. Das Erbe nur zu verwalten wäre zu wenig, gerade bei Suhrkamp. Denn dieser Verlag hat selbst viel zum Wandel der Gesellschaft und der Debattenkultur in diesem Land beigetragen. Jetzt muss er zeigen, dass er fähig ist, auch sich selbst zu verändern.

          Finanziell haben sich die Wogen dank der vor einiger Zeit dazugestoßenen Aktionäre geglättet. Dem Verlag, der vor Jahren auf Drängen der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz von Frankfurt nach Berlin gezogen ist, stehen mit den Wella-Erben Sylvia und Ulrich Ströher nun ausgerechnet neue Aktionäre zur Seite, die in Darmstadt bei Frankfurt leben. Sie wolle dazu beitragen, diesen „Verlag als unabhängige Instanz der Literatur und der Geisteswissenschaften zu erhalten“, so hat das neue Aufsichtsratsmitglied Sylvia Ströher ihr unbefristetes Engagement für Suhrkamp einmal beschrieben.

          Gegen vermeintliche Trennung von Geist und Kapital

          Dass sie keinen aktiven Einfluss auf die Verlagspolitik nehmen will, zeigt die Konstruktion. Die Stimmrechte sind vertraglich so gebündelt, dass die Stimme der Aktionärin Sylvia Ströher an die der Familienstiftung von Ulla Unseld-Berkéwicz gekoppelt ist. Und noch etwas wird daraus ersichtlich: Ulla Unseld-Berkéwicz, die nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2003 die Geschäftsführung übernahm, zieht sich zwar als Verlegerin zurück. Die Geschicke des Hauses wird sie aus dem Hintergrund aber sicherlich nicht nur beobachten.

          Eine Verlegerpersönlichkeit vom Schlage eines Siegfried Unseld wird Jonathan Landgrebe wohl kaum werden können, dafür wird er keine Zeit haben. Und diese Zeiten sind auch vorbei, als man wie Unseld zugleich als Motivator, Netzwerker und Handlungsreisender in einer Person unterwegs sein konnte. Siegfried Unseld war nur ein Jahr jünger als Jonathan Landgrebe, als er 1959 Verleger von Suhrkamp wurde. Der promovierte Germanist stand dabei nie für die vermeintliche Trennung von Geist und Kapital. Er glaubte an Autoren und Bücher, in die er investierte wie andere in eine gute Geschäftsidee.

          Die Umwandlung des Verlags in eine Aktiengesellschaft verlangt Suhrkamp aber noch eine weitere Veränderung ab: besondere Transparenz, zwar nicht unbedingt der Motive, aber zumindest der Zahlen. Diese Offenheit ist neu im Hause Suhrkamp.

          Quelle: F.A.Z.

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