20.06.2009 · In der Krise träumen viele von einer Welt ohne Geld: Wie die aussieht, zeigt heute schon ein Laden in Berlin-Mitte. Der Tauschwert löst sich auf - und zurück bleibt der nackte Gebrauchswert. Hübsch sieht das nicht aus.
Von Andreas RosenfelderBraucht hier noch jemand eine „ADAC-Motorwelt“ aus den frühen Nullerjahren? Eine Original-CD mit Microsoft Works - für Windows 95? Interesse an einem fast kompletten Satz Einwegbesteck, mit leichten Gebrauchsspuren? Oder fehlt zufällig irgendwem der zweite Band von Ernest Mandels „Marxistischer Wirtschaftstheorie“, Suhrkamp 1972?
All diese Dinge hat der Kapitalismus hervorgebracht - jenes System also, das uns innerhalb weniger Monate so rätselhaft geworden ist wie die Verwandlungslehren der Alchimie. All diese Dinge hatten ihren Preis, als sie auf den Markt kamen. Nun kosten sie nichts mehr. Sie stehen und liegen in den billigen Holzregalen des „Umsonstladens“ in der Brunnenstraße 183 in Berlin herum: einem Laden, der kein Geschäft sein möchte und der sich auf einem Flugblatt als „Alternative zur kapitalistischen Kaufökonomie“ bewirbt. Wer wissen will, wie eine Welt ohne Geld aussieht, sollte sich hier einmal in Ruhe umschauen.
Töpfe mit Sprüngen
Der Umsonstladen befindet sich im Erdgeschoss eines besetzten Hauses, dem angeblich in den nächsten Tagen die Räumung droht. Gegenüber liegt der Weinbergspark, wo Mitte an heißen Sommernachmittagen zu sich selbst kommt: Die Hipster, die hier ihre Pornobrillen und American-Apparel-T-Shirts zur Schau tragen, könnten jede Modestrecke im „Vice“-Magazin bevölkern. Am Rand des Parks verticken Dealer zischelnd ihr minderwertiges Marihuana, und Punker brüllen ihren Hunden hinterher. Ab und zu läuft einer von ihnen quer über die Brunnenstraße zum Umsonstladen - um nachzufragen, ob er dort ein neues gebrauchtes schwarzes T-Shirt bekommt.
Wie das Flugblatt betont, handelt es sich beim Umsonstladen nicht einfach um einen Secondhandladen ohne Kasse. Er soll extraterritoriales Gebiet darstellen „in einer Gesellschaft, in der Dinge zu Waren werden und ihr Austausch nur über das Geld organisiert wird“. Man muss sich den Umsonstladen als Labor vorstellen, das negative Alchimie betreibt und Waren in Dinge zurückverwandelt. Der Tauschwert löst sich auf - und zurück bleibt der nackte Gebrauchswert. Hübsch sieht das nicht aus, wie schon der Blick ins Schaufenster lehrt: Da gibt es zwischen allerlei Krimskrams auch diese schwarzen Plastiktöpfe, in denen Blumen verkauft werden, die man aber nach dem Einpflanzen gewöhnlich wegwirft. An einigen Töpfen hängen Erdkrümel, manche haben einen Sprung.
„Bitte keine Monitore mehr!“
Überhaupt ist das Schaufenster das Gegenteil all jener Verführungsbühnen, mit denen der Kapitalismus seine Kunden anlockt, seit die mondänen Pariser Warenhäuser im neunzehnten Jahrhundert ihre Tore öffneten. Dieses Fenster verspricht nichts, was es nicht halten könnte. Stattdessen klebt da ein handgeschriebener Zettel: „Bitte keine Monitore mehr, sind erst mal genug!“
Ja, an alten Bildschirmen herrscht kein Mangel in diesem Laden, der wie eine trostlose Wunderkammer wirkt, vage nach Gegenstandsklassen geordnet. Die grauen, klobigen Monitore stapeln sich auf der linken Seite. Glücklich ist die ältere Dame im geblümten Kleid, die heute das Betreiberkollektiv vertritt, nicht mit diesem Überfluss - denn offenbar entspricht ihm keinerlei Nachfrage. „Wir brauchen jetzt wohl ein Auto, um die ganzen Monitore zu den Stadtreinigungsbetrieben zu fahren.“
Schweres Elektrogerät stellt einen Grenzfall dar im Umsonstladen, denn eigentlich lautet die Grundregel, ganz wie in einem alten Märchen, dass man jedes Teil mit der Hand wegtragen können muss. Genau drei Gegenstände darf jeder Besucher mitnehmen, ganz unabhängig davon, ob er etwas mitbringt. „Hier darf jeder rein“, erklärt die mit starkem Lippenstift geschminkte Hüterin des Ladens, „nicht nur Sozialhilfeempfänger und Rentner. Nutzer nennen wir unsere Gäste.“
„Ditt passt mir nicht!“
Klingt fast nach Internet - und tatsächlich ist der Laden so eine Art Tauschbörse ohne Strom. Ein Nutzer trägt einen Parka und eine Plus-Tüte, aber es taucht auch eine junge Afroamerikanerin in hellbrauner Lederjacke auf, wahrscheinlich New Yorker Exil-Avantgarde, und schaut die Bücherständer durch. Da finden sich unter anderem alte Lehrbücher zur Bankbetriebslehre, ein Artemis-Cicerone für Zypern, „Die Wirklichkeit der Hausfrau“ von Helge Pross und das 1999 erschienene Bändchen „Multimediale Kioske: Ein Markt im Aufbruch“. Ein wenig wirken die Buchbestände wie eine kleine, wirklich sehr kleine Version der „Bibliothek von Babel“, die Jorge Luis Borges beschrieben hat.
Offenbar gibt es auch Spezialisten hier, gewiefte Nutzer, die genau wissen, was sie suchen. Ein mediterraner Typ mit lockigem Vokuhila, eingehüllt in einer Duftwolke, testet ein Kofferradio, indem er es misstrauisch neben sein Ohr hält - er scheint einem mittleren Fassbinder-Film entsprungen. Eine dicke Frau in ausgeleiertem grauen T-Shirt hält sich ein eingelaufenes Kurzarmhemd vor den Oberkörper und kommentiert selbst: „Ditt passt mir nicht!“ Sie hat in der „Bild“-Zeitung vom Umsonstladen gelesen, in einer krisengerechten Sammlung von lauter Gratisadressen. Am Vortag wollte sie ein Internetangebot für kostenlose Visitenkarten wahrnehmen: „Aber wenn man sich dann einloggt, dann kommt man nicht rein. Arschkarte!“
Bizarre Readymades in einer Kunstinstallation
Der Kapitalismus, so sagen seine Gegner, verhext die Dinge des Lebens. Er verwandelt sie in Fetische, indem er Preisschilder auf sie heftet. Genügt es, diese Schilder zu entfernen, um die wahren Werte freizulegen? Im Umsonstladen steht ein schwarzer, winkelförmiger CD-Ständer - das schlimmste Möbelstück, das die Menschheitsgeschichte hervorgebracht hat. Es gibt Kisten voller Plastikbügel. Eine Auto-Sonnenblende mit Saugnäpfen, sie trägt die Aufschrift „Fujifilm“. Und eine BASF-Chrome-II-Kassette mit der Aufschrift „Formel-Eins I“. Seltsamerweise wirken all diese Sachen, dem kapitalistischen Tauschhandel entzogen, unbrauchbarer als je zuvor: Es sind Objekte geworden, bizarre Readymades in einer Kunstinstallation.
Ein Rastatyp in schwarzroter Holzfällerjacke betritt den Umsonstladen mit einem Schlachtruf: „Scheiß auf die Arbeit, fuck Bush!“ Der Mann scheint nicht hundertprozentig auf der Höhe der Zeit. Es war ausgerechnet ein marxistischer Ökonom, Alfred Sohn-Rethel, der auf die tiefe Verwandtschaft des Geldes mit dem abstrakten Denken hingewiesen hat: Die griechische Philosophie kam in die Gänge, nachdem in Lydien das erste Münzgeld aufgetaucht war. Wahrscheinlich müssen wir das abenteuerliche Wesen des Geldes, das alle Einzeldinge in eine unsichtbare Ordnung einträgt, neu begreifen. Schade, dass Sohn-Rethels „Warenform und Geldform“, 1978 bei Suhrkamp erschienen, im Umsonstladen nicht im Regal steht.
Ich verstehe die kritik an der Marktwirtschaft hier nicht ganz,
Christian Bartke (DerBartke)
- 20.06.2009, 17:15 Uhr
Berlin at its best!
Hans-Dieter Mohl (H.D.Mohl)
- 20.06.2009, 17:38 Uhr
FAZ ist auch schon umsonst
Hans Meier (HansMeier555)
- 20.06.2009, 23:08 Uhr