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Der überbehütete Student : Narziss macht jetzt den Bachelor

Nicht ohne meine Mutter! Studenten begreifen den Weg in die Universität immer weniger als Schritt ins eigene Leben - zumindest wissen ihre Eltern dies oft zu verhindern. Bild: dpa

Mama, kannst du bitte meine Handyrechnung bezahlen? Die erste Generation überbehüteter Kinder bevölkert die Universitäten. Die Zumutungen des alltäglichen Lebens sind ein Schock - für alle Beteiligten.

          Auch in diesem Jahr hat die Universität Osnabrück einen Elterntag veranstaltet, es war bereits der fünfte. Wie in den Jahren zuvor herrschte reger Andrang, fast 12 000 Besucher sollen es insgesamt gewesen sein, und wer sich jetzt verwundert fragt, ob hier vielleicht ein Irrtum vorliege - schließlich assoziiert man Elterntage mit Kitas und Schulen, nicht aber mit Universitäten -, dem sei gesagt: Nein, Sie haben richtig gelesen.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und das liegt nicht nur an der G8-Regelung, die Siebzehnjährige an die Universitäten bringt, sondern der Elterntag, so heißt es auf der Homepage der Universität, biete Eltern die Gelegenheit, sich über die vielfältigen Beratungs- und Betreuungsangebote, aber auch über die Lebens- und Studienbedingungen am Universitätsstandort zu informieren. Die Gäste können Ateliers, Werkstätten und Laboratorien besichtigen, an Vorlesungen teilnehmen und mit Lehrenden und Studierenden ins Gespräch kommen. Da die Ernährung ein bedeutender Baustein des körperlichen Wohlergehens ist, sind die Eltern auch in der Mensa herzlich willkommen.

          Eltern scheinen von ihrem eigenen Leben angeödet zu sein

          Es spricht erst einmal alles dafür, sich intensiv für das Leben seines Kindes zu interessieren, ihm in einer durchökonomisierten Welt mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Allerdings existiert ein gravierender Unterschied zwischen Interesse und Überbehütung. Sobald man gemeinsam mit seinem Kind universitäre „Schnuppertage“ verlebt, Kurse auswählt und einen Stundenplan entwirft, stellt sich die Frage, ob das Kümmern nicht in Wahrheit pathologische Ausmaße angenommen hat. Dass „overparenting“ keine auf die Kindheitsphase beschränkte Obsession darstellt, ist auch ein trauriges Zeichen dafür, dass offenbar viele Eltern von ihrem eigenen Leben derart angeödet sind, dass sie sich lieber auf das ihrer Kinder stürzen.

          Kinder haben in unserer Gesellschaft Seltenheitswert, was sie zu einem kostbaren Gut macht. Gegenüber Minderheiten verhält sich das soziale Umfeld nie gleichgültig, sie werden entweder benachteiligt oder hofiert. Gefahren birgt beides. Je wohlgeratener, talentierter, niedlicher (und später erfolgreicher) sie sind, desto besser lassen sie sich präsentieren. Die bürgerliche, von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht ist besonders anfällig, sich in „helicopter parents“ zu verwandeln, ihre Kinder permanent zu umkreisen, sie emotional und materiell zu verwöhnen und zu verhätscheln. In diesem überbehüteten Mikrokosmos kommt es durchaus vor, dass das vergessene Pausenbrot dem Nachwuchs in die Schule hinterhergekarrt wird. Da schreibt die Mutter gern auch nachts den Deutschaufsatz oder löst ein paar Mathematikaufgaben. Die Frage lautet nicht: Was kann mein Kind tun?, sie lautet: Was kann ich für die Erfolgsbiographie meines Kindes tun?

          Die Sorge, das Kind werde kein Premiumprodukt für den Markt

          Als zum Beispiel Hamburgs Senat vor einigen Jahren eine große Bildungsreform ankündigte und die sechsjährige Primarschule einführen wollte, damit die Bildungschancen für Kinder aus allen sozialen Schichten steigen, protestierte das entrüstete Bürgertum aus Angst, dass seine Kinder mit Hartz-IV-Kindern lernen müssen. Großeltern, Eltern und Kinder zogen durch die Straßen der Innenstadt. Vom „Gucci-Protest“ war die Rede. Die Sorge, das Kind könnte nicht als Premiumprodukt in den Markt entlassen werden, ist enorm.

          Die Konsequenz liegt auf der Hand: Der Raum für Schwäche, Durchschnittlichkeit und Verletzlichkeit schrumpft. Scheitern wird als Makel interpretiert. Es ist schlicht nicht vorgesehen. Doch wer abgeschirmt in einer watteweichen Welt aufwächst, in der die Eltern panisch versuchen, den Schmerz des Scheiterns fernzuhalten, als handele es sich um ein lebensbedrohliches Virus, der wird einer entscheidenden Erfahrung beraubt: derjenigen der Niederlage. Es ist ja ganz einfach: Nur wer fällt, kann auch wieder aufstehen. Das nötige Handwerkszeug muss erworben werden. Ansonsten endet das behütete Kind als Realitätsverweigerer.

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