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Bernard-Henri Lévy zum 70. : Der totale Intellektuelle

Bernard-Henri Lévy Bild: dpa

Er wird wohl als erster Fernsehintellektueller in die Geschichte eingehen. Seiner Medienmacht entsprang sogar ein Krieg. Der Philosoph Bernard-Henri Lévy wird siebzig.

          Er schreibt Reisereportagen aus Kriegs- und Krisengebieten, Leitartikel und wöchentlich eine Kolumne. Politische wie philosophische Essays, Biographien (Baudelaire, Sartre), gelegentlich einen Roman – viele Bestseller. Die einzigen Gattungen, mit denen er nichts am Hut hat, scheinen die Musik und die Poesie zu sein. Er macht Filme, richtig schlechte und manchmal bessere – meist auf den Schauplätzen seiner Auftritte. Er wird als erster Fernsehintellektueller in die Geschichte eingehen, sein enormer politischer Einfluss der vergangenen Jahrzehnte hat mit seinen Ideen wie mit seiner geballten Medienmacht zu tun. Und als einziger französischer Intellektueller kann er in seiner Bilanz einen Krieg verbuchen.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Der in Algerien als Spross einer jüdischen Familie geborene Bernard-Henri Lévy ist der emblematische Intellektuelle seiner Generation, bis zum Exzess verkörpert er ihre Aufrichtigkeit und ihre Frivolität. Diese Nachgeborenen gingen im Mai 1968 gegen die Kriegsgeneration der Väter auf die Barrikaden und hielten es nach dem Ende des Aufstands mit den totalitären Ideologen in der Dritten Welt, mit Mao, Fidel Castro und Pol Pot. Ihre Machtübernahme erfolgte ein Jahrzehnt danach: mit der spektakulären Abkehr vom Marxismus und den revolutionären Utopien. Es war die Stunde der „Neuen Philosophen“, sie schlug im Fernsehen, in der legendären Literatursendung „Apostrophes“. Das weit aufgeknöpfte weiße Hemd ist seither das Markenzeichen von BHL, wie ganz Frankreich ihn nennt, geblieben.

          Lévy formulierte die antitotalitäre Kritik am Kommunismus nach André Glucksmanns „Köchin und Menschenfresser“ in „Die Barbarei mit menschlichem Antlitz“ und weitete sie in „Idéologie Française“ auf die französische Vergangenheit, Vichy und Pétain aus. Die Welt wurde fortan aus der Perspektive des Antitotalitarismus betrachtet und die Verhinderung „ethnischer Säuberungen“ wie totalitärer Regimes zum neuen Imperativ. Man glaubte an den guten humanitären Krieg als Mittel und Methode gegen die potentiellen Wiedergänger Hitlers. Er wurde mehrfach geführt, zuletzt gegen Gaddafi in Libyen. Lévy verherrlichte das Prinzip – und sich – in einem Film: Er hatte „seinen“ Krieg bekommen und Hillary Clinton wie Nicolas Sarkozy von dessen Notwendigkeit überzeugen können. Sarkozys Nachfolger François Hollande hätte am liebsten auch noch – mit Bernard-Henri Lévys Segen – Syrien angegriffen. Emmanuel Macron brach mit dieser Politik, auch sein intellektuelles Koordinatensystem ist ein ganz anderes.

          Keines seiner Werke wird ihn überleben

          Vor ein paar Monaten hat Lévy dem „Figaro“ erzählt, wie er als kleines Kind Nekrologe auf sich selbst verfasste und im Gartenhaus der Eltern rezitierte. Es waren Nachrufe auf Abenteurer, Spitzensportler, Dichter oder Wirtschaftsführer. Lévy aber wurde ein Intellektueller. Keines seiner Werke wird ihn überleben, zu sehr sind sie an die Aktualität und politische Konjunktur gebunden, die sie bis vor ein paar Jahren beeinflussten. Sein Lebensweg aber bleibt exemplarisch. Gegenwärtig kämpft Bernard-Henri Lévy an zwei sehr unterschiedlichen Fronten. Er setzt sich für die Kurden ein, für die er einen eigenen Staat fordert: als Belohnung für ihren Kampf gegen den Dschihadismus und als Anerkennung der Verbrechen, die an ihnen begangen wurden. Den Kurden – und sich – hat er in einem Film ein Denkmal gesetzt.

          Allerdings steht ein völkischer Staat nicht unbedingt im Einklang mit seinen antifaschistischen und demokratischen Idealen, die er in seinem Zorn über den Brexit mit Füßen tritt. Als „Sieg des stinkendsten Souveränismus und des dümmsten Nationalismus“ hat er das Resultat der britischen Abstimmung bezeichnet. Seine Tirade war eine Volksbeschimpfung mit den Argumenten seiner einst so nötigen und heilsamen Kritik am französischen Faschismus. Doch Großbritannien hat eine andere Geschichte – auch wenn er es zu einem „Kleinbritannien“ macht.

          Auf den aktuellen Epochenwechsel, den zu beklagen es viele Gründe gibt, reagiert der „Neue Philosoph“ mit der Ausweitung seiner epochalen Anklage. In seinem jüngsten Buch überträgt er seine Obsession Nationalsozialismus auf Persien, das zu Iran werden musste, weil der tyrannische Schah als Hitler-Bewunderer Arier sein und regieren wollte. Die Gnade ihrer späten Geburt hat der Generation BHL relativ gute Zeiten beschieden. „Ich bin das uneheliche Kind eines teuflischen Paares, des Faschismus und des Stalinismus“, lautet der erste Satz seiner „Barbarei mit menschlichem Antlitz“. Beide sind seinen Streit- und Zeitgenossen erspart geblieben. Dass der postume Kampf gegen sie durchaus barbarische Folgen zeitigte, will Lévy nicht wahrhaben. Wie ihre Vorgänger, die Faschisten und Kommunisten, zeigen die Antitotalitären wenig Bereitschaft, Irrtümer einzuräumen und die Bilanz ihrer Ideen kritisch zu hinterfragen. Heute feiert Bernard- Henry Lévy seinen siebzigsten Geburtstag.

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