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Veröffentlicht: 19.05.2008, 12:17 Uhr

„Tatort“-Klassiker „Reifezeugnis“ (1977) Vergeblicher Gang ins Wasser

Ein Studienrat beginnt eine Liaison mit einer siebzehnjährigen Schülerin, die mit einem Totschlag endet: Wolfgang Petersens „Reifezeugnis“ mit der jungen Nastassja Kinski gilt als eine der besten aller „Tatort“-Folgen. Die F.A.Z.-Kritik aus dem Jahr 1977.

von Michael Schwarze

Die „Tatort“-Serie verschleißt ihre Stoffe. So erstaunt es nicht, daß die bewährten Sujets von Opas Kino auf dem Bildschirm wiederkehren, etwa die Fabel von der fatalen Liebe zwischen einer Schülerin und ihrem Lehrer. Eine Geschichte, die auch den Vorzug hat, in jenem Milieu zu spielen, das die „Tatort“-Regisseure von jeher gereizt hat: dem der bessergestellten Bewohner unseres Landes.

Der Beamtenbund, rührig wie er nun einmal ist, hat es möglich gemacht, daß man geneigt ist, das großbürgerliche Ambiente, in das der Regisseur Wolfgang Petersen sein Lehrerehepaar hineingesetzt hat, für einen durchaus realistischen Hintergrund zu halten. Studienrat Fichte (Cristian Quadflieg) bewohnt ein stattliches Haus mit Garten, fährt eine Limousine, die niemand für einen Mittelklassewagen hält, und hat eine ansehnliche Frau, die - als Oberstudienrätin - dazuverdient. Dies freilich langt ihm nicht, er beginnt eine Liaison mit einer siebzehnjährigen Schülerin, die Folgen hat. Als es der Pädagoge und die ihm Anempfohlene am hellen Nachmittag an dem Ufer eines Sees treiben, beobachtet sie ein Schüler. Der fordert von seiner Mitschülerin, das Schweigen mit Liebe zu bezahlen. Die freilich schlägt ihm einen Stein auf den Kopf und behauptet, ein Mann habe sie vergewaltigen wollen, ihr Mitschüler sei ihr beigesprungen und im Streit getötet worden.

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Bemerkenswerte Psychogramme

So kennt man frühzeitig die Täterin. Auf das gängige Ratespiel zu verzichten ist in Kriminalfällen ein heikles Unterfangen, hier geht es gut. Wolfgang Petersens Film lebt nicht von einer sonderlich ausgeklügelten Geschichte, sondern von den bemerkenswerten Psychogrammen der beteiligten Figuren.

Da ist zum Beispiel die Oberstudienrätin Dr. Gisela Fichte (Judy Winter), eine jener selbstbewußten und emanzipierten Damen, die in allen Lebenslagen Rat wissen. Sie kennt sich aus in der Psyche der Menschen, und besonders in der ihres Gatten, du hast schon wieder dein „Weggehgesicht“, sagt sie zu ihm, und schnell kommt sie auch hinter die Seitensprünge ihres Mannes. Doch sie hat Verständnis, ist ganz die patente Kameradin, eine jeder Frauen, die den Männern am Ende das ganze Leben wegorganisiert haben. Auch der Mann, obgleich Sportlehrer, hat von neumodischen Ideen gehört. „Ich habe keinen Besitzanspruch auf dich“, sagt er seiner Freundin, doch die antwortet mit stiller Inbrunst: „O doch, den hast du.“ Bekenntnisse der Numerus-clausus-Generation.

Eine „Tatort“-Folge von der besseren Sorte. Zwar flossen reichlich die Tränen, doch am Schluß, wo der Film in den Kitsch hätte abgleiten können, hat sich der Drehbuchautor Herbert Lichtenfeld etwas einfallen lassen. Sina will sich aus Liebeskummer das Leben nehmen. Sie nimmt den Revolver ihres Vaters, doch der funktioniert nicht, sie geht ins Wasser, doch sie kann schwimmen, das Milieu taugt eben nicht für die Tragödie.

Quelle: F.A.Z. vom 29. März 1977

 

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