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„Tatort“-Folge 400: „Schwarzer Advent“ (1998) : Einmal werden wir noch wach

In „Schwarzer Advent” bleiben sie im Hintergrund: Die Kommissare Batic (Miroslav Nemec, hinten) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) Bild: SWR/BR/Tellux-Film/Bauriedl

Batic und Leitmayr sind nur Randfiguren: In der vierhundertsten „Tatort“-Folge „Schwarzer Advent“ gibt Christian Berkel einen psychisch labilen Versicherungsvertreter, der seinem Vater eine intakte Familie vorspielen will. Die F.A.Z.-Kritik aus dem Jahr 1998.

          Einmal noch, und damit - vielleicht - zum letzten Mal, soll an dieser Stelle von „Derrick“ die Rede sein. Nun, wo der 281. Fall gelöst, die letzte Sondersendung gelaufen und der Nachfolger „Siska“ inthronisiert ist, denkt man nicht ohne Verwunderung an den Abschiedsrummel um eine Serie, die im deutschen Fernsehen zweifellos eine Institution gewesen war, die jedoch - anders als möglicherweise in anderen Ländern - wirklichen Kultcharakter hierzulande nie besaß. Daß „Derrick“ zuletzt ein Thema selbst für „Derrick“-Verächter wurde, verdankte sich vor allem der längst wieder abgeflauten Welle der Fernseh-Comedy, in der das Medium seinem Hang zur Selbstreferentialität frönte: Wie keine zweite Sendung forderte die Serie, deren Grundprinzip in der formalen wie inhaltlichen Wiederkehr des Immergleichen bestand, zur Parodie heraus.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zum Höhepunkt der „Derrick“-Mania dann hatten sich selbst hartgesottene Kritiker die Serie schöngeschrieben und ihren Erfolg mit immer gewagteren Thesen zu begründen versucht. Eine Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland aber läßt sich, anders als vielfach behauptet, aus „Derrick“ ganz gewiß nicht herauslesen; allenfalls vielleicht eine Sozial- und Mentalitätsgeschichte Herbert Reineckers. Wenn denn überhaupt eine Krimisendung ein derartiges Verdienst für sich in Anspruch nehmen darf, dann mit Sicherheit nicht „Derrick“ - sondern der „Tatort“. Am Sonntag läuft die vierhundertste Folge der 1970 gestarteten Reihe, und nicht ohne Verwunderung registriert man, mit welcher in der Branche unüblichen Beiläufigkeit die ARD auf dieses Jubiläum hinweist.

          „Tatort“-Kommissare sind auch nur Menschen

          Die beiden Münchner Hauptkommissare Batic und Leitmayr, die am Sonntag zum einundzwanzigsten Mal ermitteln, hatten es in ihren bisherigen Fällen unter anderem mit Psychosekten, Schutzgelderpressern, Frauenhändlern und skrupellosen Boulevardjournalisten zu tun. Das hieran ersichtliche Bemühen um realitätsnahe und häufig gesellschaftskritische Unterhaltung hat Tradition beim „Tatort“, wo sich bereits 1984 Horst Schimanski mit Fußball-Hooligans herumschlug und der NDR-Veteran Trimmel schon Anfang der siebziger Jahre gegen Organhandel und illegale Giftmüllentsorgung einschreiten mußte. Für den regionalen Bezug sorgt die föderalistische Struktur der Reihe, die nicht nur mit wechselnden Regisseuren und Drehbuchautoren arbeitet, sondern ihre Ermittler auch in verschiedenen Städten zum Einsatz kommen läßt. Seit 1992 sind mit Dresden auch die neuen Bundesländer vertreten; Österreich steuert seit 1971 eigene „Tatort“-Folgen bei, die Schweiz folgte 1989.

          Anders als bei „Derrick“ und seinem Vorgänger, dem „Kommissar“, handelte es sich bei den „Tatort“-Polizisten nicht um moralisch unanfechtbare Beobachter einer verderbten Umgebung, sondern um fehlbare Vertreter ihrer Zunft: Dies galt 1970 für den oft unwirschen und eigensinnigen Paul Trimmel wie 1998 für den zur Bequemlichkeit neigenden Paul Stoever. In den Charakteren der wechselnden Kommissare spiegelt sich zudem der gesellschaftliche Wandel wider, der sich in den letzten drei Jahrzehnten vollzogen hat - besonders deutlich abzulesen am vergeblich gegen die Institutionen aufbegehrenden Schimanski, der zur Symbolfigur der illusionslosen achtziger Jahre wurde und in seinen neuen Filmen so hoffnungslos anachronistisch wirkt. Am Ende der „Tatort“-Entwicklung steht der athletische WDR-Mann Max Ballauf, zusammen mit der Bremerin Inga Lürsen der letzte Neuzugang der Reihe: Der bislang jüngste aller „Tatort“-Kommissare ist der Prototyp des modernen, international geschulten Kriminalers, der auch in amerikanischen Action-Filmen bestehen könnte.

          Eine ebenso furchteinflößende wie mitleiderregende Maske des Schmerzes

          War die Frühzeit der Serie noch geprägt durch patriarchalische Typen wie Trimmel, so dominieren in den Neunzigern zunehmend gleichberechtigte Partner wie Stoever und Brockmöller oder Ballauf und Schenk. Bei Batic und Leitmayr (Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl) ist eine Hierarchie nicht mehr zu erkennen; von Fall zu Fall steht mal der eine, mal der andere stärker im Mittelpunkt. Im am Sonntag ausgestrahlten Film „Schwarzer Advent“ (Regie Jobst Oetzmann, Buch Christian Limmer) treten freilich beide in den Hintergrund, zugunsten von Christian Berkel in der Rolle des psychisch labilen Versicherungsvertreters Wenisch. Im Bestreben, seinem aus Chile angereisten Vater ein geordnetes Leben vorzugaukeln, stürzt Wenisch sich und seine von ihm getrennt lebende Familie ins Verderben: Er tötet im Affekt seine Exfrau und verschanzt sich mit seinen Kindern in der Villa seines Vorgesetzten, die kurioserweise im „Derrick“-Viertel Grünwald liegt.

          Bei ihrer Suche nach Wenisch ist den Kommissaren, wie so oft im „Tatort“, der Polizeiapparat weniger Hilfe denn Hindernis. Schier unmöglich scheint es, am Adventswochenende genügend Einsatzkräfte aufzutreiben; in den Gängen des Reviers sieht der Zuschauer außer den beiden Polizisten meist nur die Putzfrau, die im Hintergrund bereits die Böden wischt. Das „Tatort“-typische Beiwerk aus skurrilen Seitensträngen und kleinen Gags am Rande ist in dieser Folge, der Tragik der Geschichte entsprechend, auf ein Minimum reduziert, so daß sich der Blick auf das Familiendrama konzentriert.

          Der eher stereotyp angelegte Vater-Sohn-Konflikt gewinnt an Tiefe durch den Darsteller Berkel: Er läßt in das Innerste eines Menschen schauen, der aller guten Absichten zum Trotze nur Zerstörung hinterläßt. In einer beeindruckenden Szene redet er sich sein Trauma von der Seele, während die Kamera auf seinem Gesicht verharrt, das nach dem Besuch eines Eishockeyspiels mit gelb-schwarzer, schon brüchiger Schminke gefärbt ist: eine ebenso furchteinflößende wie mitleiderregende Maske des Schmerzes, die sich dem Zuschauer in die Erinnerung einprägt.

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