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Der „Tatort“ aus München : Maria hat geholfen

Blick in den Abgrund: Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) schauen dem Verdächtigen hinterher. Bild: BR

Nicht viel Logik, aber ein kleines Kunststück: Im Münchner „Tatort – KI“ diskutieren die Kommissare Leitmayr und Batic mit einem Computerprogramm – im Raum steht die Frage nach der Macht der Maschinen

          Wer hätte gedacht, dass Kriminalkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) derart bibelfest ist. Als es um Leben und Tod geht und nur noch sein Gegenüber rettend eingreifen kann, aber nicht begreift, weshalb ein mörderischer Racheakt verhindert werden muss, fragt Leitmayr nach dem Matthäusevangelium, Kapitel 16, Vers 26a. Der andere ruft als Antwort ab, „was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und nähme doch Schaden an seiner Seele“. Sogleich stellt er die Gegenfrage: „Was bedeutet ,Schaden an seiner Seele‘?“

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Woher soll der Gesprächspartner des Polizisten es auch wissen? Er erkennt Gesichter und kann sprechen, ist aber kein Mensch, sondern eine Maschine; genauer gesagt ein lernfähiges Computerprogramm, eine sogenannte Künstliche Intelligenz. Die KI mit dem trügerisch unbefleckten Namen Maria ist die illegale Spiegelung einer Software aus dem Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) in Garching, die dort im Rahmen eines milliardenschweren EU-Projekts auf hochgesicherten Hochleistungsrechnern zu Forschungszwecken lief – und von Hackern in die Freiheit entlassen wurde. Tausende haben Maria seither auf den eigenen Computer geladen und sich mit dem Programm unterhalten wie mit einer besten Freundin.

          Leitmayr muss Maria vom LRZ aus zum Reden bringen

          Auch Melanie (Katharina Stark), ein vierzehnjähriges Scheidungskind, hat täglich stundenlang in die pulsierende Kreisform auf dem Monitor geschaut, die KI trainiert und sich selbst in Apparatelogik konditioniert. Den ohnehin schon brüchigen Kontakt zu realen Ansprechpartnern hat sie dabei immer weiter verloren. Als das Mädchen verschwindet, deutet alles darauf hin, dass sie Opfer eines Sexualstraftäters wurde. Die KI, die mit mehreren Personen gleichzeitig an verschiedenen Orten chatten und die Protokolle in Echtzeit abgleichen kann, war möglicherweise der einzige Zeuge. Nun drängt die Zeit. Leitmayr muss Maria vom LRZ aus zum Reden bringen und Handeln zwingen, um einen Mord zu verhindern, während Batic (Miroslav Nemec) zum Ort des drohenden Verbrechens hetzt.

          Nach dem herausragenden „Tatort. HAL“, in dem der Regisseur Niki Stein vor zwei Jahren die Stuttgarter Kommissare gegen ein tödliches Computerprogramm antreten ließ, ist der „Tatort. KI“ ein weiterer Versuch, den Traditionskrimi der ARD mit den abstrakten Bedrohungen der digitalen Welt zu verschalten. Ausgerechnet die beiden Haudegen aus München, deren Gespür für Menschen seit Jahrzehnten zu ihren größten Stärken gehört, auf eine Verbrecherjagd quer durch Algorithmen zu schicken erweist sich als gelungener Kniff.

          Das Wasser wäscht hier niemanden rein

          Der Regisseur Sebastian Marka lässt seine mit lässiger Überzeugungskraft auftretenden Helden in keiner Szene alt aussehen. Klassische Ermittlerarbeit, Tech-Szenen und Action wechseln in der Episode nach einem Drehbuch von Stefan Holtz und Florian Iwersen in schöner Regelmäßigkeit miteinander ab. Der Rhythmus steigert sich bis zum Showdown, der erst ganz zum Schluss offenlegt, wie weit alle Beteiligten in die Irre gegangen sind.

          Was die Hatz durch metallisch kühl glänzende Gänge des Rechenzentrums und die in blauem Licht schimmernden Server-Einheiten wieder mit den menschlichen Dramen verbindet, die übersetzt in Datensätze doch unfasslich bleiben, sind geschickt gesetzte Auslassungen. Bevor die erste Leiche auf dem Seziertisch der Pathologie landet, nimmt sich die Kamera (Willy Dettmeyer) Zeit, dem Treibgut auf der Isar zuzuschauen und die Kommissare in herbstlich-melancholische Bilder zu stellen. Dass es unbedingt klischeehaft in Strömen regnen muss, als der erste Abgrund in der vermeintlich heilen Welt aufreißt – geschenkt. Das Wasser wäscht hier niemanden rein. Es reißt mit, was man loslassen will, und spült es gnadenlos wieder an. Pitschnass fühlen die Charaktere wenigstens, dass sie einen Körper haben, was zwei transhumanistisch angefixten Digitaljunkies aus dem LRZ ebenso hinderlich ist wie humanistische Moral.

          Als dunkle Gestalten treten ein teuflisch hinkender Hacker und eine intellektuelle Überfliegerin mit Engelsgesicht auf. Der Hacker (Thorsten Merten), der nebenbei Spanner ist, filmt in seinem Kellerkabuff gruselige Anleitungen zum Tuning eigener Organe. Es sieht aus, als habe er sich von Buñuels „Ein andalusischer Hund“ inspirieren lassen. Das Engelsgesicht (Janina Fautz) gehört einer hochbegabten jungen Frau, die offenbar als rechte Hand des Forschungsleiters das Programm, aus dem Maria ausgekoppelt wurde, im Alleingang betreut. Erstes Opfer ihrer kriminellen Energie wird der in seiner Naivität von Ferdinand Hofer wieder maximal uneitel gespielte Kalli.

          Logisch ist vieles davon nicht. Aber „KI“ gelingt ein kleines Kunststück. Dieser „Tatort“ wirft in seiner soliden Weise die Gegenwartsfrage auf, wo das Vertrauen in die Macht der Maschinen enden muss, und verbindet sie mit der überzeitlichen Tragödie vom Zerfall einer Ehe und Familie. Dirk Borchardt und Lisa Martinek spielen das Paar, das Schaden an seiner Seele nimmt. Die KI begreift nichts davon. Leitmayr und Batic dagegen begreifen sehr viel.

          Tatort. KI, Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten

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