23.06.2010 · Eine Stunde, achtzehn Minuten in einem Moskauer Gefängnis, und du bist tot
MOSKAU, 23. Juni
Im Moskauer Dokumentartheater "teatr. doc" sitzt die russische Gesellschaft über sich selbst zu Gericht. In dem kleinen Kellerraum organisierte das Moskauer Goethe-Institut zum fünfundsechzigsten Jahrestag des Kriegsendes unter dem Titel "Last des Schweigens" eine szenische Lesung von Interviews des israelischen Psychiaters Dan Bar-On mit Nazi-Nachkommen, die eine lebhafte Debatte darüber auslöste, warum in Russland eine vergleichbare Erinnerungsarchäologie nicht betrieben wird.
Jetzt präsentiert der Hausherr Michail Ugarow dem auf vier Klappstuhlreihen sitzenden Publikum die Richter, Ermittler, Gefängnismediziner, die im vergangenen Jahr den Rechtsanwalt Sergej Magnizki im Untersuchungsgefängnis zu Tode gefoltert hatten, als Theaterfiguren. Magnizki, den Kollegen als glänzenden Juristen beschrieben, vertrat den Investmentfonds "Hermitage Capital" des Amerikaners William Browder, dem Steuerhinterziehung vorgeworfen wurde. Magnizki konnte indes nachweisen, dass die Fahnder, die bei einer Razzia Dokumente einer Tochterfirma konfisziert hatten, unter dem technischen Vorwand einer Steuerrückzahlung den Staatshaushalt um 123 Millionen Euro erleichterten. In der Zelle sollte er durch unhygienische Bedingungen und Wasserentzug gebrochen und dazu gebracht werden, mit den Organen zu "kooperieren". Der Häftling, dem nie der Prozess gemacht wurde, zog sich ein Nierenleiden, dann eine Bauchspeicheldrüsenentzündung zu, bestand aber auf seinem Recht und dokumentierte in 450 Beschwerdebriefen sein ein Jahr währendes Martyrium. Magnizkis Tod im vorigen November veranlasste den sonst eher verbal aktiven Präsidenten Medwedjew, zwanzig hohe Beamte der Strafvollzugsverwaltung zu entlassen.
In dem Stück, das "Eine Stunde, achtzehn Minuten" heißt - so lange dauerte Magnizkis Todeskampf -, treten, verkörpert durch Schauspieler in Jeans und T-Shirt, vor die Videoprojektion von Magnizkis Briefen: der Richter Kriworutschko, der zweimal Magnizkis Haftbefehl ausstellte, sein Ersuchen um Hafterleichterung ablehnte und an einem Gerichtstag sich weigerte, ihm heißes Wasser zu geben, weil das nicht seine Aufgabe sei; der Ermittler Siltschenko, der Magnizkis medizinische Versorgung verhinderte; die Ärztin Alexandra Gauß, die den Sterbenden nicht behandelte, sondern mit Handschellen festketten ließ; der Sanitäter Sascha, der auf Anweisung des Sicherheitstrupps während der Agonie des Gefangenen auf dem Korridor auf und ab ging. Der Eingangsmonolog der Mutter, die Magnizki nicht einmal besuchen durfte, korrespondiert mit einem Schauspielerduo, das am Schluss demonstriert, wie ein schmerzlich zur Embryoposition gekrümmter Mann gewaltsam ausgestreckt wird. Was auch auf die christliche Substanz und Symbolik dieser Leidensgeschichte verweist.
Die Plädoyers reproduzieren die klassischen Selbstschutzargumente von den Spitzenmitgliedern der Unterdrückungspyramide: Der Richter, der in Russland Erfüllungsgehilfe der Staatsanwaltschaft und de facto von ihr abhängig ist, behauptet, nur eine strenge Justiz könne die grassierende Wirtschaftskriminalität bändigen; der Ermittler gibt zu, dass ein Glas Wasser im Gefängnis eben Sonderzuwendungen kostet, behauptet aber, Magnizkis Klient habe dafür aus Russland Millionen herausgezogen; die Ärztin, die sich für ihren geringen Lohn durch Sadismus entschädigt, erklärt, die meisten Häftlinge seien Simulanten; der Sanitäter versucht zu witzeln und vertieft sich dann lieber in sein Mobiltelefon. Die Menschenvernichtungsmaschine funktioniert ja so gut, weil diejenigen, die sie bedienen, so furchtsam wie erpressbar sind.
Wieder diskutieren die Gäste der Katakomben-Bühne nach der Vorstellung mit den Schauspielern, die für diese Produktion kein Geld bekommen und keinen Eintritt nehmen. Auf die Frage eines Mannes, wie sie ihre Rollen ertragen, bekennt die Darstellerin der zweiten Richterin, sie spüre oft den Hass, der ihr aus dem Saal entgegenschlage. Die junge Frau, die Magnizkis Mutter verkörpert, identifiziert sich umso leichter mit ihr, sagt sie, als sie selbst einen kleinen Sohn hat. Entmenschlichte Menschen wie die in dem Stück machen Karriere und mehren sich, stellt eine ältere Dame fest. Tatsächlich blieben die Prototypen von Ugarows Helden in Amt und Würden. Die zwanzig Gefängnisbeamten, die Medwedjew feuerte, bekamen, mit einer Ausnahme, andere Posten im Strafvollzug.
Und erst im Frühjahr ging im selben Untersuchungsgefängnis wie Magnizki, der Moskauer "Matrosenstille", die Geschäftsfrau Vera Trifonowa an Diabetes und Nierenversagen zugrunde, weil sie nicht bereit war, sich die ärztliche Behandlung durch ein Schuldgeständnis zu erkaufen. KERSTIN HOLM