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Der Preisträger Mo Yan und sein Land Eine Überfülle an Dämonen

Mo Yan erhält den Literaturnobelpreis. In seiner Heimat China sind die Reaktionen geteilt: Die Qualität seines Schreibens ist unbestritten, vermisst wird politisches Engagement.

© REUTERS Mo Yan benennt Fehler und Exzesse des kommunistischen Regimes, stellt es aber nicht in Frage.

Mit Mo Yan bekommt ein Autor den Literaturnobelpreis, der seinen bodennahen, manchmal krassen Realismus auf eine höchst eigenwillige, von keinem Vorbild abzuleitende Weise mit phantastischen und satirischen Elementen verbindet. Paradoxerweise wird jedoch ausgerechnet sein Heimatland China die größten Schwierigkeiten haben, seine literarische Besonderheit anzuerkennen. Dort ist schon seit Anfang der Woche, als viele Wetten auf ihn zuliefen, eine erbitterte Debatte von Befürwortern und Gegnern der Nobelpreiswürde für ihn entbrannt, die darin übereinkommen, dass sie den Schriftsteller bloß als Repräsentanten seines Landes verstehen.

Mark Siemons Folgen:

Für die einen ist er der erste wirkliche Vertreter des „Neuen China“ (ein Propagandabegriff für das China unter kommunistischer Herrschaft), der den Preis erhält; Gao Xingjian, dem 2000 der Nobelpreis zuerkannt wurde, wird wegen seines Exils in Frankreich und seiner französischen Staatsbürgerschaft von offizieller Seite nicht als richtiger Chinese anerkannt. Diese Leute rühmen an Mo Yan vor allem, dass er aus traditionell chinesischen Quellen schöpfe und im Lande viel gelesen werde.

Auch ein Untertan des Systems

Seine Gegner dagegen kritisieren seine Staatsnähe, die ihn davon abhalte, eine wirklich unabhängige intellektuelle Stimme zu entwickeln und für sein Land sprechen zu können. Vor allem zwei Vorkommnisse wurden in den letzten Tagen immer wieder in der chinesischen Debatte erwähnt.

Zum einen die Szene vor drei Jahren, als Mo Yan vor der Frankfurter Buchmesse als Teil der offiziellen chinesischen Delegation den Saal verließ, aus Protest gegen zwei Dissidenten, die unabgesprochen eingeladen worden seien. Und zum anderen seine Bereitschaft, mit neunundneunzig anderen Autoren Maos berüchtigte Rede von Yanan über die Unterordnung der Kultur unter die Politik eigenhändig abzuschreiben. „Ein Schriftsteller mit Verantwortung ist nicht unbedingt ein großer Schriftsteller“, schrieb jetzt dazu der Autor und Bürgerrechtler Ran Yunfei, „aber ein großer Schriftsteller ohne Verantwortung ist ein Witz.“

Eine Entscheidung, zwei Möglichkeiten der Deutung

Ein Blogger mit dem Pseudonym „So zu tun, als wäre ich New York“ mahnt an: „Ein echter Schriftsteller ist nicht nur ein Führer der Zeit, sondern auch die letzte Festung einer Epoche.“ Sarkastischer brachte dieses Unbehagen Li Yong auf den Punkt: „Es wäre eine perfekte Welt, wenn der Träger des Mao-Dun-Literaturpreises der chinesischen Regierung schließlich auch noch den Nobelpreis erhalten würde.“

Genau so ist es gekommen, und die Frage ist, was das bedeutet. Handelt es sich um eine taktische, gewissermaßen ausgleichende Entscheidung der Akademie, die durch den Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo unter starken Druck der chinesischen Regierung gekommen war? Oder handelt es sich im Gegenteil um eine besonders souveräne Entscheidung, die sich von nationalen und anderen kollektiven Zugehörigkeiten nicht in ihrem Qualitätsurteil irremachen lässt?

Eine Familiengeschichte als Kritik an der Geburtenpolitik

Mo Yan selbst hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er als Mitglied des staatlichen Schriftstellerverbands bereit ist, die Grenzen zu akzeptieren, die ihm die staatliche Zensur setzt. Doch es wäre verfehlt, ihn für einen Staatsschriftsteller zu halten. Vielmehr hat er eine kaleidoskopische Art des Schreibens erfunden, an deren Vielstimmigkeit, Komik, Archaik, oft auch Obszönität jede Zensur irrewerden muss. Mo Yans Literatur ist kein harmloser Kompromiss mit Funktionärsvorstellungen, sondern ein äußerst kraftvoller Zugriff auf eine elementare Geschichte unterhalb des auf Ideen und Dogmen ausgerichteten Radars der Staatsorthodoxie.

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