Home
http://www.faz.net/-gqz-73jaf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Der Preisträger Mo Yan und sein Land Eine Überfülle an Dämonen

 ·  Mo Yan erhält den Literaturnobelpreis. In seiner Heimat China sind die Reaktionen geteilt: Die Qualität seines Schreibens ist unbestritten, vermisst wird politisches Engagement.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (4)
© REUTERS Mo Yan benennt Fehler und Exzesse des kommunistischen Regimes, stellt es aber nicht in Frage.

Mit Mo Yan bekommt ein Autor den Literaturnobelpreis, der seinen bodennahen, manchmal krassen Realismus auf eine höchst eigenwillige, von keinem Vorbild abzuleitende Weise mit phantastischen und satirischen Elementen verbindet. Paradoxerweise wird jedoch ausgerechnet sein Heimatland China die größten Schwierigkeiten haben, seine literarische Besonderheit anzuerkennen. Dort ist schon seit Anfang der Woche, als viele Wetten auf ihn zuliefen, eine erbitterte Debatte von Befürwortern und Gegnern der Nobelpreiswürde für ihn entbrannt, die darin übereinkommen, dass sie den Schriftsteller bloß als Repräsentanten seines Landes verstehen.

Für die einen ist er der erste wirkliche Vertreter des „Neuen China“ (ein Propagandabegriff für das China unter kommunistischer Herrschaft), der den Preis erhält; Gao Xingjian, dem 2000 der Nobelpreis zuerkannt wurde, wird wegen seines Exils in Frankreich und seiner französischen Staatsbürgerschaft von offizieller Seite nicht als richtiger Chinese anerkannt. Diese Leute rühmen an Mo Yan vor allem, dass er aus traditionell chinesischen Quellen schöpfe und im Lande viel gelesen werde.

Auch ein Untertan des Systems

Seine Gegner dagegen kritisieren seine Staatsnähe, die ihn davon abhalte, eine wirklich unabhängige intellektuelle Stimme zu entwickeln und für sein Land sprechen zu können. Vor allem zwei Vorkommnisse wurden in den letzten Tagen immer wieder in der chinesischen Debatte erwähnt.

Zum einen die Szene vor drei Jahren, als Mo Yan vor der Frankfurter Buchmesse als Teil der offiziellen chinesischen Delegation den Saal verließ, aus Protest gegen zwei Dissidenten, die unabgesprochen eingeladen worden seien. Und zum anderen seine Bereitschaft, mit neunundneunzig anderen Autoren Maos berüchtigte Rede von Yanan über die Unterordnung der Kultur unter die Politik eigenhändig abzuschreiben. „Ein Schriftsteller mit Verantwortung ist nicht unbedingt ein großer Schriftsteller“, schrieb jetzt dazu der Autor und Bürgerrechtler Ran Yunfei, „aber ein großer Schriftsteller ohne Verantwortung ist ein Witz.“

Eine Entscheidung, zwei Möglichkeiten der Deutung

Ein Blogger mit dem Pseudonym „So zu tun, als wäre ich New York“ mahnt an: „Ein echter Schriftsteller ist nicht nur ein Führer der Zeit, sondern auch die letzte Festung einer Epoche.“ Sarkastischer brachte dieses Unbehagen Li Yong auf den Punkt: „Es wäre eine perfekte Welt, wenn der Träger des Mao-Dun-Literaturpreises der chinesischen Regierung schließlich auch noch den Nobelpreis erhalten würde.“

Genau so ist es gekommen, und die Frage ist, was das bedeutet. Handelt es sich um eine taktische, gewissermaßen ausgleichende Entscheidung der Akademie, die durch den Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo unter starken Druck der chinesischen Regierung gekommen war? Oder handelt es sich im Gegenteil um eine besonders souveräne Entscheidung, die sich von nationalen und anderen kollektiven Zugehörigkeiten nicht in ihrem Qualitätsurteil irremachen lässt?

Eine Familiengeschichte als Kritik an der Geburtenpolitik

Mo Yan selbst hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er als Mitglied des staatlichen Schriftstellerverbands bereit ist, die Grenzen zu akzeptieren, die ihm die staatliche Zensur setzt. Doch es wäre verfehlt, ihn für einen Staatsschriftsteller zu halten. Vielmehr hat er eine kaleidoskopische Art des Schreibens erfunden, an deren Vielstimmigkeit, Komik, Archaik, oft auch Obszönität jede Zensur irrewerden muss. Mo Yans Literatur ist kein harmloser Kompromiss mit Funktionärsvorstellungen, sondern ein äußerst kraftvoller Zugriff auf eine elementare Geschichte unterhalb des auf Ideen und Dogmen ausgerichteten Radars der Staatsorthodoxie.

Ihr Kosmos ist das Dorf Gaomi in der Provinz Shandong, in dem sich alle Tragödien und Farcen der Geschichte seines Landes im letzten Jahrhundert auf engstem Raum spiegeln. Dort wuchs der am 17. Februar 1955 geborene Autor auf, und dort spielen alle seine Romane: Vom „Roten Kornfeld“ (auf Deutsch im Unionsverlag, 2007), durch dessen Verfilmung von Zhang Yimou er 1987 bekannt wurde, bis zu dem zuletzt erschienenen „Frösche“, das im kommenden Jahr beim Hanser Verlag herauskommen wird. Er verarbeitet dort die Geschichte seiner Tante, einer Frauenärztin, mit all ihren inneren und äußeren Konflikten mit der staatlichen Geburtenpolitik, von Zwangssterilisierungen bis zu erzwungenen Spätabtreibungen.

Er beklagt den Mangel an Subtilität

Von Mo Yan ist keine abstrakte Positionsbestimmung zu diesem Thema bekannt. Aber er beschreibt, was all diese Schrecken auf einer handfesten, basalen Ebene bedeuten. In anderen Romanen verschafft er der japanischen Besatzung oder dem deutschen Kolonialismus in China („Die Sandelholzstrafe“, auf Deutsch 2009 beim Insel Verlag) eine überraschende Präsenz.

Einmal hat er aus seiner Schreibstrategie unter den Bedingungen der Zensur sogar eine Art Ästhetik entwickelt: „Eines der größten Probleme in der Literatur“, schrieb er, „ist der Mangel an Subtilität. Ein Schriftsteller sollte seine Gedanken tief vergraben und sie durch die Charaktere in seinen Romanen plausibel machen.“ Mo Yan, der in Wirklichkeit Guan Moye heißt, ist übrigens ein Autorenpseudonym. Es bedeutet: nicht sprechen.

„Mo Yan ist natürlich kein Kämpfer“

Statt eines Autoren-Ichs sprechen in seinen Büchern zahllose andere. Im Nachwort zur „Sandelholzstrafe“ schlägt Mo Yan vor, den auf vielstimmigen alten Gesängen seiner Heimat gründenden Roman von einem Sprecher mit rauher Stimme auf öffentlichen Plätzen vortragen zu lassen; zugleich bezweifelt er dort, dass das Buch mit seinen bäuerlichen Legenden das „Gefallen von Liebhabern westlicher Literatur“ finden könne. Die Überfülle an Dämonen und grotesk übersteigerten Details erinnert bisweilen an Gemälde von Hieronymus Bosch: Es dürfte schwerfallen, in der Gegenwart einen welthaltigeren Autor zu finden.

In der chinesischen Debatte meinte ein Teilnehmer in den letzten Tagen: „Mo Yan ist natürlich kein Kämpfer, aber bei den großen moralischen Fragen verliert er auch nicht seinen Standpunkt. Ich bin überzeugt, dass der gesellschaftliche Effekt von einem Werk, das die Wirklichkeit derart direkt anpackt und dabei die Seele tief berührt, nicht geringer ist als der von Parolen und Unterschriften.“

Das eine braucht das andere natürlich nicht auszuschließen, weshalb ein anderer Diskutant an ein Wort von Joseph Brodsky erinnerte, dem zufolge Literatur sich so lange mit der Politik auseinandersetzen muss, wie die Politik sich in die Literatur einmischt: Das sei der Grund, weshalb die Nobelpreis-Akademie so lange keinen chinesischen Autor berücksichtigt habe.

Spätestens seit seiner Reform- und Modernisierungspolitik in den achtziger Jahren hat China eine Obsession mit dem Nobelpreis entwickelt: Er erscheint dem Land seither als höchst begehrenswerte, gewissermaßen postmaterialistische Selbstbestätigung, nachdem es China schon gelungen ist, seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen - eine Obsession, die offenkundig von einem fortdauernden kollektiven Minderwertigkeitskomplex zeugt. Die nächste Stufe wäre nun, da tatsächlich ein Chinese mit chinesischem Pass den Literaturpreis bekommen hat, sich dem Werk von Mo Yan selbst zuzuwenden und seine verblüffende, Stammeszugehörigkeiten energisch sprengende Individualität wahrzunehmen.

Stimmen zum Preisträger Mo Yan

„Solange ich noch arbeite, ist das Ziel, dass wir jedes Jahr einen Nobelpreisträger
im Programm haben. Wenn diese Serie abreißt, ist es Zeit aufzuhören.“

Michael Krüger, Verleger bei Hanser, wo im Frühjahr 2013 der jüngste Roman von Mo Yan erscheinen wird.

**

„Ich gratuliere Mo Yan von Herzen. Das ist ein abermaliger Beleg für China als eine große Literaturnation. Mo Yan hat schon vor vielen Jahren begonnen, das Leben in den ländlichen Provinzen Chinas anschaulich zu machen und den schnellen Wandel im modernen China zu beschreiben.“

Guido Westerwelle, deutscher Außenminister, hält sich gerade in Peking auf.

**

„Es könnte für mich keinen glücklicheren Kandidaten geben, er ist über jeden Zweifel erhaben. Ich halte ihn für den wichtigsten Schriftsteller unseres Zeitalters und plaziere ihn gleich neben Faulkner.“

Martin Walser

**

„Wir äußern uns erst, wenn wir eine offizielle Order erhalten haben.“

Die Vertreter Chinas an ihrem Stand auf der Frankfurter Buchmesse.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

Jüngste Beiträge

150 Jahre Seit’ an Seit’

Von Nils Minkmar

Die spröde, Camus düsteren „Mythos des Sisyphos“ verehrende Partei ist irgendwie Kult geworden: Die SPD feiert sich. Und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ist dabei ganz in ihrem Element. Mehr 11 8