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Der Präsident als Philosoph : Putins Flüsterer

  • -Aktualisiert am

Wladimir Putin, ein Philosoph? Bild: AFP

Wladimir Putin gibt sich neuerdings philosophisch. Seine Stichwortgeber sind konservative russische Denker, manchmal greift er auch zu Kant. Allerdings nimmt er es damit nicht allzu genau.

          Die Frage „Wer ist Mr. Putin?“ wird seit dem Amtsantritt des zweiten russischen Präsidenten 2000 immer wieder neu beantwortet. Der Inbegriff des Gangsters, behauptet heute der französische Starphilosoph Bernard-Henri Lévy, und der amerikanische Historiker Leon Wieseltier sieht in Putin gar das Böse an sich. Während Putin noch unlängst, da er als international parkettfähiger Staatsmann auftrat, gern den Chauvinisten hervorkehrte und Ganovenhumor pflegte, scheint er jetzt, da der Westen ihn tatsächlich als Banditen wahrnimmt, sich ein Philosophenimage zuzulegen.

          Putins erklärtes Ziel, die Schaffung einer Eurasischen Union mit Moskau als Zentrum, verweist schon dem Namen nach auf die „Eurasier“, eine philosophische Strömung unter russischen Exilanten während der zwanziger Jahre in Prag, Berlin und Paris. Diese brüteten die Vision eines künftigen Russlands aus, das sowohl vom Bolschewismus als auch von der kulturellen Hegemonie Westeuropas mit seinem Rationalismus und Individualismus frei wäre und die Steppenvölker des ehemaligen russischen Reiches umfassen sollte. Seit dem Ende der Sowjetunion lebte das Eurasiertum als Idee einer konservativen Revolution wieder auf, diesmal im russischen Mutterland. Ihr Wortführer Alexander Dugin formuliert seine neu-eurasische Doktrin als Kampfbegriff gegen den „Atlantismus“.

          Heimatvertriebene als Stichwortgeber

          Putin zitiert in seinen Reden vor der Bundesversammlung neuerdings gern konservative russische Denker des frühen 20. Jahrhunderts wie Nikolai Berdjajew (1874–1948) oder Iwan Iljin (1883–1954). Zu Jahresbeginn überreichte er gar hohen politischen Amtsträgern Ausgaben von Iljins „Unsere Aufgaben“, Berdjajews „Philosophie der Ungleichheiten“ und Wladimir Solowjows „Rechtfertigung des Guten“ als Neujahrsgeschenk.

          Die Denker, auf die Putin sich jetzt als Pioniere eines „russischen Wegs“ beruft, waren ironischerweise Heimatvertriebene. Iljin und Berdjajew gehörten zu den Passagieren des sogenannten „Philosophenschiffs“, mit dem die Sowjetmacht sich 1922 der geistigen Blüte der Nation entledigte. Beide starben in Westeuropa. Doch vor neun Jahren ließ Putin die Gebeine Iljins aus ihrem Schweizer Grab nach Russland heimholen und mit großem Pomp auf dem Ehrenfriedhof des Moskauer Donskoi-Klosters bestatten. Iljins Aufsatzsammlung „Unsere Aufgaben“, die jetzt auf der Lektüreliste der Partei „Einiges Russland“ steht, war für Emigranten geschrieben, die Iljin zum Widerstand gegen die Sowjetmacht und für einen neuen russischen Nationalismus begeistern wollte.

          Er berief sich sogar auf Kant

          Den viel originelleren Berdjajew zitierte Putin unlängst in einer Rede zum westlichen Sittenverfall mit dem Ausspruch, echter Konservatismus wolle nicht die Bewegung nach vorn und nach oben verhindern, sondern vielmehr die Bewegung zurück und nach unten ins finstere Chaos. Berdjajew, ein christlicher Existentialist, der den Menschen aus seiner Freiheit heraus dachte, bekehrte sich früh zum Marxismus, um dann die russische Revolution entschieden abzulehnen. Sein Ausspruch richtete sich gegen den Erneuerungswahn der Bolschewiken, die alle überkommene Kultur vernichten wollten. Putin münzt nun Berdjajews Worte um auf den westlichen Liberalismus, der angeblich die traditionelle Kultur zugrunde richte.

          Erstaunlich wirkt Putins Sympathie für Wladimir Solowjow (1853–1900), den berühmtesten russischen Philosophen, der als religiöser Mystiker sich dennoch westlich orientierte, Spinoza und Schelling nahestand und von einer Synthese von Orthodoxie und Katholizismus träumte. In seiner 600 Seiten starken Ethik „Rechtfertigung des Guten“, die jetzt die Bücherregale der Politelite schmückt, entwickelt er eine von Kant geprägte Sittenlehre. Solowjow zufolge soll die menschliche Gesellschaft nicht nur eine effiziente „Ameisenzivilisation“ sein, sondern muss in der Würde des Menschen gründen. Am ehesten dürfte Putin das Kapitel gefallen, das den Krieg als manchmal notwendigen „Schritt zur Verwirklichung des Friedens“ verteidigt. Hierin unterscheidet Solowjow sich von Kant, der im „Ewigen Frieden“ Krieg grundsätzlich ablehnt.

          Was Putin nicht daran hinderte, sich bei seinem jüngsten Besuch in Kaliningrad auch auf Kant zu berufen. Kant müsse zum „Symbol der ganzen Region, des ganzen Gebiets Kaliningrad, ja nicht nur des Gebiets Kaliningrad“ werden, so Putin. Denn eines seiner wichtigsten Werke, das Traktat „Zum ewigen Frieden“, sei ein erster Versuch, ein vereintes Europa zu begründen. Zwar möchte man die Frage nach Putins Kantianertum nach den Ereignissen der vergangenen Monate eher verneinen. Wahrscheinlicher ist, dass Putin in einer Zeit, da Russland den Gürtel noch enger schnallen muss, die hungrigen Landsleute wenigstens spirituell ein bisschen füttern will.

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