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Der Populismus des Akif Pirinçci : Wie Sarrazin auf Speed

Akif Pirinçci Bild: Thomas Rabsch/laif

Chauvinismus trifft Dissidentenlogik: Der mit Katzenkrimis bekannt gewordene Autor Akif Pirinçci macht sich in einem Pamphlet zum Megafon der schweigenden Mehrheit – wie kann man ihr nur helfen?

          Die Medien, sagen die Menschen, die es überhaupt noch wagen, sie zu kritisieren, allen Denkverboten zum Trotz, die Medien, jene des sogenannten Mainstreams vor allem, sind unterwandert von grünem Tugendterror und von sozialdemokratischem Gleichheitsfanatismus, und wenn in diesen Tagen nun der türkische Krimiautor Akif Pirinçci das Gleiche noch mal im Jargon eines Zuhälters herausbrüllt und damit an die Spitze der Amazon-Charts stürmt, dann ist es vielleicht an der Zeit, den tapferen Kämpfern für die Meinungsfreiheit endlich recht zu geben. Schließlich ist ihre These keine Verschwörungstheorie, sondern Ergebnis einer sehr einfachen Logik.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nie war es einfacher, links zu sein, als in der Wahrnehmung der politischen Inkorrektheit. Es reicht, an Gleichberechtigung zu glauben und an den Euro, Steuern prinzipiell für eine gute Idee zu halten und das Wort „Neger“ für eine unhöfliche Anrede; es reicht, die Mitbürger anderer Herkunft mit dem Respekt zu behandeln, den westliche Demokratien für ein entscheidendes Element ihrer Gesellschaften halten, statt mit der Härte jener totalitären Staaten, aus denen sie gekommen sind, und cool zu bleiben, wenn sich zwei Männer auf der Straße küssen. Und es reicht, jeden, der das anders sieht, um ein paar Argumente für seine Einwände zu bitten, die möglichst nicht nur darauf hinauslaufen, dass er schon deshalb recht hat, weil sein dummes Geschwätz so selten in der Zeitung steht.

          Homunkulus aus dem Labor neokonservativer Theorien

          Ob das schon links ist, das ist nur leider eine so unergiebige Frage wie jene, ob es sich bei Pirinçcis Hasstirade um rechtsradikale Propaganda handelt. Hinter seinem krawalligen Vulgärkonservativismus verbergen sich eher die altbekannten Klagen jener Wutbürger, die mit all den Zumutungen einer modernen Gesellschaft nicht mehr klarkommen: mit Homosexuellen, die heiraten, mit Frauen, die eine eigene Meinung haben, mit Jugendlichen, die nicht arbeiten, oder mit Wörtern mit großem I in der Mitte. In seinem Buch „Deutschland von Sinnen“ brüllt Pirinçci, der mit dem Katzenroman „Felidae“ reich wurde, Sarrazins Empörungslitanei noch mal durchs Megafon. Man wird ja wohl noch mal herumpöbeln dürfen.

          Was da als Liebeserklärung eines türkischen Einwandererkindes zu Deutschland verkauft wird, zu Wäldern und Wiesen, zu den fleißigen Männern und vor allem zu den Frauen (jedenfalls solange sie sich bewusst sind, dass sie vor allem der Fortpflanzung dienen), ist ein Homunkulus aus dem Labor neokonservativer Theorien, so widersprüchlich, dass man Angst hat, das Buch könnte jeden Moment implodieren. Die Quelle der Kraft seines rührenden Wahlnationalismus etwa schöpft Pirinçci aus seinem türkischen Chauvinismus, den sich die verweichlichten Deutschen schon längst verboten haben. Dass er der lebende Beweis dafür ist, dass die Identität, die man sich konstruiert, nichts mit der genetischen Abstammung zu tun haben muss, hält ihn wiederum nicht davon ab, die Gender Studies als Quatschwissenschaft „durchgedrehter Lesben“ zu beschimpfen. Und beim Anblick des Christopher Street Days gruselt er sich zwar fürchterlich, aber zum Inbegriff des modernen westlichen Lebensgefühls macht er: die Bee Gees!

          Normalität als fauler Kampfbegriff

          Jenseits solcher Kuriositäten, welche das Buch tatsächlich zu einem selbstgedrechselten „Unikat“ machen, als welches es der aus dem Manufactum-Versand hervorgegangene Manuscriptum-Verlag ausweist, bietet das Buch dagegen kaum eigene Klagen. Selbst wenn man wollte, könnte man es argumentativ nicht widerlegen. Meistens macht sich Pirinçci nicht einmal die Mühe, seine Ressentiments zu belegen, wozu auch: In seiner Dissidentenlogik sind sämtliche verfügbaren Zahlen und Studien ja immer schon vom linken Gutmenschenpack manipuliert; außer natürlich jene, die den Hang ausländischer Jugendlicher zum Gewaltverbrechen dokumentieren.

          In der Regel verlässt sich Pirinçci daher lieber auf eigene Messinstrumente, auf persönliche Intuition oder den allgemeinen Menschenverstand. „Man kann die Statistiken hinbiegen, wie man lustig ist, aber ich kann mich nicht erinnern, dass in meiner Jugend fast jeden Monat ein Altersgenosse von mir auf bestialische Weise totgetreten wurde“, schreibt er. Was lässt sich gegen die Evidenz so einer selbsterlebten Empirie schon einwenden? Und auch Pirinçcis biologistische Letztbegründung, die im Zweifelsfall immer das „Normale“ und „Natürliche“ gegen die „Vergottung“ alles „Abnormalen“ in Stellung bringt, kann man ihm nicht austreiben, solange ihm nicht bewusst ist, dass Normalität nur ein fauler Kampfbegriff ist; und wenn es ihm bewusst ist, erst recht nicht. Das perverseste Kunstprodukt aber, auch damit steht Pirinçci in der Tradition der neokonservativen Systemkritik, ist für ihn der Staat: dass der das freie Spiel der Individuen immer nur verhindert, auch das ist eines der Naturgesetze, die man offenbar nicht näher erklären muss.

          Ist reaktionäres Gedankengut unterrepräsentiert?

          Trotz aller Redundanz aber, die dieser Sarazzin auf Speed hier bietet, kommt angesichts des publizistischen Erfolgs solcher Bücher immer wieder die Frage auf, wie man auf diesen Populismus reagiert. Am besten gar nicht, wäre eine ganz vernünftige Antwort. Dass solche Stammtischparolen nicht mehr nur im Dunst der Raucherkneipen verpuffen, sondern mittlerweile in Leserkommentaren und Blogs ganz gut dokumentiert sind, heißt ja nicht zwangsläufig, dass man sie deshalb ernster nehmen muss. Am Ende ist es womöglich gerade die Empörung über die Empörung, die dafür sorgt, dass die Pamphlete zu Büchern und gelegentlich sogar zu Bestsellern werden. Auch Pirinçcis Buch hat seinen Ursprung in einem Beitrag für die Website „Die Achse des Guten“, in dem er von einem „schleichenden Genozid“ schrieb, den junge Muslime an deutschen Männern begängen.

          Doch auch wenn man all diese Klagen schon kennt, die ja selbst auch nichts anderes sind als die Opferrhetorik angeblich ständig bevormundeter Subjekte, und so sehr sie jenem Wahnsinn ähneln, der in den Kommentarspalten des Internets so tut, als sei er die Gegenposition einer schweigenden Mehrheit zur auf Autopilot fahrenden veröffentlichten Konsensmeinung – dennoch befallen angesichts der Verkaufszahlen dieser Buch gewordenen Leserkommentare selbst manche Mainstreamjournalisten leise Selbstzweifel. Womöglich ist ja etwas dran an der Theorie von ihrer eigenen Linkstendenz. Womöglich ist in der Tatsache, dass so ein reaktionäres Gedankengut in den bürgerlichen Zeitungen und im Fernsehen nicht adäquat repräsentiert wird, tatsächlich eine strukturelle Schieflage zu erkennen. Und vielleicht könnte man ja die Erregung der alten weißen Heteromänner wirklich am besten dadurch abkühlen, indem man sie aus den Schmuddelecken des Internets auf die großen Bühnen des gesellschaftlichen Diskurses holt.

          Das Märchen von der Unterdrückung

          So wenig dagegen einzuwenden ist, die eigenen Meinungen gelegentlich in Frage zu stellen, so grotesk ist die Vorstellung, man müsse jene, die man nicht teilt, nur besser integrieren. Es geht, auch wenn das die Rhetorik der politischen Inkorrektheit gerne behauptet, ja nicht darum, dass die gesellschaftlichen Probleme unter den Tisch gekehrt werden, die sie so plagen, dass also die bösen Gutmedien Themen wie Jugendkriminalität oder Emanzipation einfach verschweigen würden. Nur kommen diese eben zum Glück oft zu anderen Schlüssen als jene, die immer nur die allereinfachsten Lösungen und Schuldigen parat haben. Wie aber sollte das denn aussehen, wenn man ernsthaft, sei es auch nur im Sinne des sozialen Friedens, an der Entmarginalisierung der unterdrückten Reaktionäre arbeiten würde? Soll man vorsichtshalber ein paar homophobe Vorurteile in die Zeitung schreiben, nur damit sie nicht zu Bestsellern für die Fans dröhnender Meinungsanfälle werden?

          Wenn aber die Vertreter der politisch inkorrekten Lehre wirklich wissen wollen, wieso ihre Ideologie so selten in den Massenmedien vorkommt (ob sie das überhaupt tut, wäre die andere Frage), dann sollten sie sich das schon selber fragen. Wer ist es nur, der sie davon abhält, eine Zeitung zu gründen, die sie mit ihren Wahrheiten vollschreiben können? Die „grün-rot versiffte Politik“? Die homosexuelle Druckerlobby? Oder ist es dann doch die von den libertären Poltergeistern sonst so verehrte Marktwirtschaft, die ihre Ansichten einfach nicht für ganz so populär hält, wie ihre Anhänger immer behaupten? Wieso nur schweigt die vermeintliche Mehrheit nicht nur regelmäßig an der Wahlurne, sondern auch am Kiosk, wenn es darum geht, ein publizistisches Statement zu hinterlassen?

          Es ist kein Zufall, dass die Anhänger des gepflegten Ressentiments so gern das Märchen von der Unterdrückung ihrer Meinung erzählen. Es ist die Existenzbedingung für einen Populismus, der sich als Außenseitertum inszeniert und ständig unbequeme Wahrheiten hervorbringt, weil er alles, was unbequem ist, schon für die Wahrheit hält. Davor aber, dass ihre Ansichten einmal Mainstream werden, haben ihre Vertreter selbst am meisten Angst.

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