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Veröffentlicht: 05.04.2014, 16:05 Uhr

Der Populismus des Akif Pirinçci Wie Sarrazin auf Speed

Chauvinismus trifft Dissidentenlogik: Der mit Katzenkrimis bekannt gewordene Autor Akif Pirinçci macht sich in einem Pamphlet zum Megafon der schweigenden Mehrheit – wie kann man ihr nur helfen?

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© Thomas Rabsch/laif Akif Pirinçci

Die Medien, sagen die Menschen, die es überhaupt noch wagen, sie zu kritisieren, allen Denkverboten zum Trotz, die Medien, jene des sogenannten Mainstreams vor allem, sind unterwandert von grünem Tugendterror und von sozialdemokratischem Gleichheitsfanatismus, und wenn in diesen Tagen nun der türkische Krimiautor Akif Pirinçci das Gleiche noch mal im Jargon eines Zuhälters herausbrüllt und damit an die Spitze der Amazon-Charts stürmt, dann ist es vielleicht an der Zeit, den tapferen Kämpfern für die Meinungsfreiheit endlich recht zu geben. Schließlich ist ihre These keine Verschwörungstheorie, sondern Ergebnis einer sehr einfachen Logik.

Harald Staun Folgen:

Nie war es einfacher, links zu sein, als in der Wahrnehmung der politischen Inkorrektheit. Es reicht, an Gleichberechtigung zu glauben und an den Euro, Steuern prinzipiell für eine gute Idee zu halten und das Wort „Neger“ für eine unhöfliche Anrede; es reicht, die Mitbürger anderer Herkunft mit dem Respekt zu behandeln, den westliche Demokratien für ein entscheidendes Element ihrer Gesellschaften halten, statt mit der Härte jener totalitären Staaten, aus denen sie gekommen sind, und cool zu bleiben, wenn sich zwei Männer auf der Straße küssen. Und es reicht, jeden, der das anders sieht, um ein paar Argumente für seine Einwände zu bitten, die möglichst nicht nur darauf hinauslaufen, dass er schon deshalb recht hat, weil sein dummes Geschwätz so selten in der Zeitung steht.

Homunkulus aus dem Labor neokonservativer Theorien

Ob das schon links ist, das ist nur leider eine so unergiebige Frage wie jene, ob es sich bei Pirinçcis Hasstirade um rechtsradikale Propaganda handelt. Hinter seinem krawalligen Vulgärkonservativismus verbergen sich eher die altbekannten Klagen jener Wutbürger, die mit all den Zumutungen einer modernen Gesellschaft nicht mehr klarkommen: mit Homosexuellen, die heiraten, mit Frauen, die eine eigene Meinung haben, mit Jugendlichen, die nicht arbeiten, oder mit Wörtern mit großem I in der Mitte. In seinem Buch „Deutschland von Sinnen“ brüllt Pirinçci, der mit dem Katzenroman „Felidae“ reich wurde, Sarrazins Empörungslitanei noch mal durchs Megafon. Man wird ja wohl noch mal herumpöbeln dürfen.

Was da als Liebeserklärung eines türkischen Einwandererkindes zu Deutschland verkauft wird, zu Wäldern und Wiesen, zu den fleißigen Männern und vor allem zu den Frauen (jedenfalls solange sie sich bewusst sind, dass sie vor allem der Fortpflanzung dienen), ist ein Homunkulus aus dem Labor neokonservativer Theorien, so widersprüchlich, dass man Angst hat, das Buch könnte jeden Moment implodieren. Die Quelle der Kraft seines rührenden Wahlnationalismus etwa schöpft Pirinçci aus seinem türkischen Chauvinismus, den sich die verweichlichten Deutschen schon längst verboten haben. Dass er der lebende Beweis dafür ist, dass die Identität, die man sich konstruiert, nichts mit der genetischen Abstammung zu tun haben muss, hält ihn wiederum nicht davon ab, die Gender Studies als Quatschwissenschaft „durchgedrehter Lesben“ zu beschimpfen. Und beim Anblick des Christopher Street Days gruselt er sich zwar fürchterlich, aber zum Inbegriff des modernen westlichen Lebensgefühls macht er: die Bee Gees!

Normalität als fauler Kampfbegriff

Jenseits solcher Kuriositäten, welche das Buch tatsächlich zu einem selbstgedrechselten „Unikat“ machen, als welches es der aus dem Manufactum-Versand hervorgegangene Manuscriptum-Verlag ausweist, bietet das Buch dagegen kaum eigene Klagen. Selbst wenn man wollte, könnte man es argumentativ nicht widerlegen. Meistens macht sich Pirinçci nicht einmal die Mühe, seine Ressentiments zu belegen, wozu auch: In seiner Dissidentenlogik sind sämtliche verfügbaren Zahlen und Studien ja immer schon vom linken Gutmenschenpack manipuliert; außer natürlich jene, die den Hang ausländischer Jugendlicher zum Gewaltverbrechen dokumentieren.

In der Regel verlässt sich Pirinçci daher lieber auf eigene Messinstrumente, auf persönliche Intuition oder den allgemeinen Menschenverstand. „Man kann die Statistiken hinbiegen, wie man lustig ist, aber ich kann mich nicht erinnern, dass in meiner Jugend fast jeden Monat ein Altersgenosse von mir auf bestialische Weise totgetreten wurde“, schreibt er. Was lässt sich gegen die Evidenz so einer selbsterlebten Empirie schon einwenden? Und auch Pirinçcis biologistische Letztbegründung, die im Zweifelsfall immer das „Normale“ und „Natürliche“ gegen die „Vergottung“ alles „Abnormalen“ in Stellung bringt, kann man ihm nicht austreiben, solange ihm nicht bewusst ist, dass Normalität nur ein fauler Kampfbegriff ist; und wenn es ihm bewusst ist, erst recht nicht. Das perverseste Kunstprodukt aber, auch damit steht Pirinçci in der Tradition der neokonservativen Systemkritik, ist für ihn der Staat: dass der das freie Spiel der Individuen immer nur verhindert, auch das ist eines der Naturgesetze, die man offenbar nicht näher erklären muss.

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