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Der Orient beginnt in Dresden Entführung aus dem Detail

06.03.2010 ·  Von hier aus begann schon einmal eine Türkenmode: Im Dresdner Schloss öffnet am morgigen Sonntag die restaurierte „Türckische Cammer“ in subtil inszenierten Räumen. Lichtzauber enthüllt die Orientfaszination des Abendlands - und der Gegenwart.

Von Dieter Bartetzko
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Wenn August der Starke es abends einmal leger mochte oder eine seiner Mätressen beeindrucken wollte, kleidete er sich in einen Kaftan. Lachsrot, glänzende Seide mit tausenderlei Paspeln und Abnähern, so stehen zwei seiner Kalifengewänder auf Figurinen in der neuen „Türckischen Cammer“ des Dresdner Schlosses, die morgen eröffnet wird.

Aber selbst die teuersten Kerzen und Lüster dürften des Königs türkische Kleider nicht zu so delikatem Schimmer gebracht haben, wie es nun die Spots der neuen Galerie tun: Die blaue Nacht, in die man den Zwang, lichtempfindliche uralte Gewebe zu schonen, umgewandelt hat, gibt, von Hauffs und Andersens Märchen bis zu Goethes West-östlichem Divan, allem Gestalt, was unsere Phantasie über das frühere Morgenland gespeichert hat.

Das wäre nicht möglich gewesen ohne die Sammelleidenschaft der Wettiner. Sie begann lange vor August dem Starken und steigerte sich nach ihm fast zur Besessenheit. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts saßen Sachsens Monarchen in ihren Sammlungen so eingesponnen wie Seidenraupen in ihren Kokons - genug, um Dutzende erstrangiger Museen zu füllen. Begonnen aber hat man klein: Als die Wettiner noch Kurfürsten waren, legten sie, wie alle Herrscher, eine „Rüstkammer“ an, eine gebrauchstüchtige, Krieg, Turnier und Jagd gewidmete Waffensammlung.

Prunkzelte, Waffen und Rüstungen aus Tausendundeiner Nacht: Die „Türkische Cammer“ ist eine der größten Sammlungen osmanischer und orientalischer Kunst in Deutschland. 70 Jahre war sie nicht zu sehen.

Werkspionage der Waffenschmiede

Schon 1591 gab es darin eine osmanische Abteilung, die 1587 durch Diplomatengeschenke des Großherzogs von Florenz und der Herzöge von Mantua und Savoyen Zuwachs erhielt. Im Jahr 1614 wird sie erstmals „Türckische Kammer“ genannt. Schaulust und Neugierde, Neid und Werkspionage durchdrangen sich beim Erwerb der einzigartig treffsicheren Bögen, der ungeheuer scharfen Schwerter und Dolche, der bizarren Prunkhelme und Harnische. Lange gelang es nur italienischen Spezialisten, deren Herstellungstechniken zu enträtseln und nachzuahmen.

Das steigende Interesse des Abendlandes aber führte dazu, dass sich Handwerker der habsburgischen Grenzgebiete zum Osmanenreich - etwa Siebenbürgen - auf osmanische Waffen spezialisierten. Und auf Kunsthandwerke, denn so wie das militärische Können fesselte auch das gestalterische der „Hohen Pforte“. Die in Istanbuls Hofwerkstätten gefertigten Einlegearbeiten, die Edelsteine, Emaillen und Glasflüsse, die Stickereien und Webereien auf den Paradeuniformen, Waffen, Reitzeugen und Fahnen wurden zunehmend losgelöst von ihrer tödlichen Bestimmung betrachtet.

Grassierende Türkenmode

So kam es, dass nach den Türkenkriegen des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, während deren die Türckische Cammer mit Beutestücken, aber auch mit legal erworbenen Preziosen angefüllt worden war, der Orient in die Dresdner höfische Lebenskultur übersiedelte. Aus blutigem Ernst wurde prickelnder Zeitvertreib - die „Türkenmode“ grassierte.

August der Starke ließ im Zwinger ein Wachsfigurenkabinett einrichten, das einen Harem simulierte, in dem er Sultan spielte. Die Hochzeitsfeier seines Sohnes mit der Kaisertochter Maria Josepha von Österreich stattete er mit osmanischem Kunsthandwerk und Staatszelten aus, auf Kostümbällen und Empfängen paradierten sächsische Militärs und Beamte in Istanbuler Prachtharnischen, und als Mozarts „Entführung aus dem Serail“ aufgeführt wurde, dekorierten kostbare Originale der Türckischen Cammer die Bühne.

Wie die Wettiner das europäische Publikum bezauberten

„Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“, dichtete etwa zwei Jahrzehnte später Goethe: Was 1708 Johann Melchior Dinglingers gold-smaragdener „Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb“ der abendländischen Orientsucht in Miniatur geboten hatte und kurz darauf dank der Türckischen Cammer ins reale Hofleben getreten war, bezauberte nun, da die Wettinischen Sammlungen öffentlich wurden, das deutsche und europäische Bürgertum.

Noch immer in diesem Sinn ist Dinglingers edelsteinstrotzendes Liliputreich seit der Wiedereröffnung des Grünen Gewölbes ein Publikumsmagnet. Die neue Türckische Cammer wird sicher der zweite werden: Ein Schritt befördert einen aus dem lichtdurchfluteten Treppenhaus in das Feldlager einer türkischen Vollmondnacht. Der erste Blick fällt, wie wohl schon für die Schaulustigen des neunzehnten Jahrhunderts, auf trabende Rappen und Schimmel in goldsprühenden Schabracken. Die lebensgroßen Holzfiguren sind nachgeschnitzt; die verbrannten Originale waren exakte, namentlich gekennzeichnete Porträts arabischer Dressur- und Zuchthengste des Dresdner Hofs.

Das Prunkzelt wurde vierzehn Jahre restauriert

Hinter den Tierformationen ragt die Kostbarkeit aller Kostbarkeiten auf - ein osmanisches Prunkzelt des siebzehnten Jahrhunderts, zwanzig Meter lang, acht Meter breit und sechs Meter hoch, gehalten von drei kunstvoll beschnitzten hölzernen Masten, 1729 von August dem Starken aus Warschau mitgebracht. Auf rotem und violettblauem Grund glänzen Applikationen aus Atlas, Baumwolle und vergoldetem Leder, übersät mit Halbmonden und Sternen, arabesken und floralen Fischblasen-, Wellen- und Mäanderornamenten. Vierzehn Jahre arbeiteten Restauratoren, um die fadenscheinigen Stoffe zu reinigen und zu festigen. Schuld war nicht nur der zeitbedingte Verfall. Die Hauptschäden verursachten der Abtransport nach Russland, dortige unsachgemäße Lagerung und die notdürftige Unterbringung nach der Rückkehr in die DDR.

Ringsum sowie in einem wunderbar proportionierten Seitenkabinett funkeln insgesamt sechshundert Objekte. Sie sind in zweifach entspiegelten, klimatisierten Glasvitrinen untergebracht, die meisten davon in Wandnischen plaziert, so dass die Endlosperspektive der Galerie mit ihren nachtblauen Wänden und der fast unsichtbaren Decke ungestört bleibt. Diskret ist auch die Beschriftung - prägnante und informative, aber kurze Texte.

Perfekte Lichtregie

Für die Raumschale ist Peter Kulka verantwortlich, der Architekt auch des spektakulären durchsichtigen Membrangewölbes, das den Kleinen Schlosshof überspannt und zum zentralen Museumsfoyer gemacht hat. Eigentlich muss man sagen, dass Kulka lediglich die vorhandene ausgeglühte Rohform des historischen Gemäuers übernahm und schonend für das Türckische Gewölbe ertüchtigt und eingefärbt hat. Diese honorige Selbstverleugnung ist ein Segen für das Bauwerk. Denn man ahnt trotz aller Suggestion der Schau noch immer die Proportionen des Schlosses, hält sozusagen unterbewusst Kontakt mit dem Denkmal.

Der gewichtige Rest ist Inszenierung. Monatelang erarbeiteten Designer ein Lichtkonzept, das, basierend auf dem bläulichschwarzen Dämmer der „amerikanischen Nacht“ Hollywoods, jedes Objekt zu der ihm gebührenden Wirkung kommen lässt. Winzige Goldknöpfe sind ebenso raffiniert ausgeleuchtet wie kleine faltbare Lederbecher oder riesige Zeltbahnen. Die Illusion ist fast perfekt, man denkt an Goethes orienttrunkene Zeilen „Wie du zu lieben und zu trinken, das soll mein Stolz, mein Leben sein“.

Das staubige Panoptikon war gestern

Illusion, sagt Dirk Syndram, der Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer, sei angestrebt. Doch man habe „nicht wie Hollywood, sondern wie das europäische Autorenkino“ gearbeitet. Tatsächlich hat diese neue Cammer nichts von den früheren staubigen Panoptiken. Manch einer wird trotzdem von kapriziösem Budenzauber reden. Sei's drum. Die Entführung aus dem Serail ist schließlich auch nur schöner Schein. Aber mit Gehalt - wie die Türckische Cammer.

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